Humanitäre Karawane in Kolumbien fordert Dialog mit bewaffneten Akteuren

Internationale Menschenrechtskarawane besucht Gemeinden im Cauca an der Pazifikküste, die massiv vom bewaffneten Konflikt betroffen sind

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Umzug der Karawane
Umzug der Karawane

Guapi/López de Micay/Timbiquí. Die fünftägige humanitäre Karawane an der Pazifikküste des Departamentos Cauca im Südwesten Kolumbiens ist am Freitag zu Ende gegangen. Unter dem Motto "Pakt für das Leben und den Frieden" reisten mehr als 200 Personen nationaler und internationaler Organisationen über die Buchten und Flüsse der drei Gemeindebezirke Guapi, Timbiquí und López de Micay. Ziel ist, die kontinuierliche humanitäre Krise in der Pazifikregion als Folge des bewaffneten Konfliktes zu beenden. Die Teilnehmer:innen fordern die illegalen bewaffneten Akteure zum Dialog auf.

Im September 2020 hatten Vertreter:innen der katholischen Kirche, ethnisch-territorialer und sozialer Organisationen sowie der staatlichen Verwaltung der vier Departamentos der Pazifikküste einen "Pakt für das Leben und den Frieden" unterzeichnet. Darin klagen sie unter anderem die schwerwiegenden Folgen des bewaffneten Konflikts, der Drogenökonomie und des illegalen Bergbaus und der mangelnden Umsetzung des Friedensabkommens mit den Farc-EP für die Bevölkerung der Region an. Nun organisierten die Koordination ethnischer Basisorganisationen (Cococauca), die ethnisch-territoriale Konferenz für den Frieden (METP) und das Apostolische Vikariat von Guapi die Menschenrechtskarawane, damit sich weitere Sektoren der Gesellschaft für den Frieden verpflichten.

Gegenüber amerika21 erklärte Orlando Pantoja, Sprecher von Cococauca, dass es das erste Mal war, dass eine Karawane dieser Art in der Region stattfand. "Wir wollen zu verstehen geben, dass wir unser angestammtes Territorium an niemanden abtreten. Wir sind ein 'amphibisches' Volk mit jahrhundertelanger Tradition, das mit dem Wasser lebt und sich über die Flüsse bewegt. Unsere Botschaft ist, dass wir in unserem Territorium bleiben, das wir von unseren Vorfahren geerbt haben", so Pantoja.

Zuletzt war es vor einem Monat in Gemeinden am Fluss Saija zu Gefechten zwischen Dissidenten der Farc-EP und der Marineinfanterie gekommen. Zahlreiche Dörfer gerieten ins Kreuzfeuer, sodass 44 Familien in die Bezirkshauptstadt Timbiquí fliehen mussten, wie eine Mitarbeiterin einer Nothilfeorganisation amerika21 berichtet. Insgesamt 6.000 Menschen seien zwischen die Fronten geraten. Die Geflüchteten verblieben jedoch nur eine Woche dort. Sie hätten sich aufgrund der inadäquaten Unterbringung und ausbleibenden Hilfe zu einer ungeordneten Rückkehr in ihre Dörfer trotz der ungeklärten Sicherheitslage entschlossen. Es sei bereits der zweite Fall massiver Vertreibung in diesem Jahr gewesen, was die Einrichtung einer Unterkunft für Geflüchtete notwendig mache. Daher besuchte die Karawane auch Puerto Saija, um ihre Solidarität zu bekunden.

Die Karawane machte in zahlreichen Dörfern und Städten halt, wo sie von den Gemeinden mit Arullos, ihren traditionellen Liedern, und Musik empfangen wurde. Als Zeichen des kulturellen Widerstands und des Überlebens wurde an jeder Station ein Mataratón-Baum gepflanzt. Er gilt als traditionelle Heilpflanze zur Behandlung von Dengue, Gelbfieber und Malaria. Aufgrund der defizitären Gesundheitsversorgung greift die Bevölkerung nun auch während der Corona-Pandemie auf die Heilwirkungen der Pflanze zurück: Marien Grueso bezeichnet sie als Pflanze der "Rettung", weil sie in der Region "zur Vermeidung von Todesfällen und gegen schwere Krankheitsverläufe durch Covid-19" hilft.

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Am Pazifik des Cauca gibt es insgesamt 17 Gemeinschaftsräte der schwarzen Bevölkerung, die laut Gesetz das Recht auf die Selbstverwaltung ihrer Territorien haben. Zwangsrekrutierungen, Drohungen, Infiltration und Schutzgelderpressung durch bewaffnete Akteure sind nur einige der zahlreichen Herausforderungen für die Selbstorganisation der Afro-Gemeinden.

Ein aktueller Bericht verschiedener Menschenrechtsorganisationen zählt allein im Cauca die Ermordung von 271 sozialen Aktivist:innen seit Unterzeichnung des Friedensabkommens mit den Farc-EP 2016. Das tödliche Attentat auf Sandra Liliana Peña Chocue im Landkreis Caldono (amerika21 berichtete) und die darauf folgende Auseinandersetzung zwischen Guardía Indígena und bewaffneten Gruppen mit zahlreichen verletzten Indigenen belegen, dass sich das Departamento Cauca mitten im Krieg befindet.

Als ein Erfolg der Karawane ist zu werten, dass sich die Bürgermeister:innen der drei Bezirkshauptstädte des Pazifiks im Cauca dem Pakt angeschlossen und ihn unterzeichnet haben, so die Stimmen auf der Abschlusskundgebung in Guapi. Die Bürgermeisterin von Timbiquí, Neyla Yadira Amú, forderte in ihrer Ansprache alle bewaffneten Akteure in der Region zum Dialog unter Einbeziehung der ethnisch-territorialen Organisationen auf – eine Position, die sich im Manifest der Karawane wiederfindet.

"Natürlich kann die Karawane den sozialen und bewaffneten Konflikt nicht lösen, aber sie hat zur Sensibilisierung unserer Gemeinden und zur Vereinigung der Kräfte für den Frieden beigetragen", zeigte sich Pantoja in seiner Abschlussrede überzeugt. Nun sei es wichtig, dass die internationale Gemeinschaft zu einer politischen Lösung des Konfliktes in der Region beitrage.

Die Dringlichkeit internationaler Unterstützung des Friedens in der Region offenbarte sich, direkt nachdem die Karawane endete. In den Morgenstunden am gestrigen Tag ereigneten sich erneut bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Dissidenten der Farc-EP und der Marineeinheit der Armee. Auf Internetvideos von Bewohner:innen der Dörfer am Fluss Saija sind Schüsse zu hören und Personen auf der Flucht vor dem Kugelhagel zu sehen. Wie schon einen Monat zuvor besteht die Gefahr einer massiven Fluchtwelle in die Bezirkshauptstadt Timbiquí. Cococauca hat die Informationen bestätigt und eine Warnmeldung dazu veröffentlicht.

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