Kolumbien: Anführer von Ex-Farc-Gruppe reagiert öffentlich auf Luftangriffe des Militärs

Spitzenfigur der FARC-Dissident:innen droht mit internen Anklage gegen "die Verantwortlichen". Gruppe kündigt Einmischung in den kommenden Wahlen an

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In dem Video greift Iván Mordisco die Regierung an
In dem Video greift Iván Mordisco die Regierung an

Bogotá. Der Kommandant der Ex-Farc-Gruppe Estado Mayor Central (EMC), Néstor Gregorio Vera, auch bekannt als Iván Mordisco, hat in einem Video eine Stellungnahme zu den Bombenangriffen auf seine Organisation durch die Streitkräfte abgegeben. Die EMC ist mit rund 3.200 Mitgliedern die größte Struktur der FARC-Dissident:innen, die sich nach dem Friedensabkommen von 2016 von der entwaffneten FARC abgespaltet haben. In dem Video droht Mordisco die Regierung von Gustavo Petro.

Anlass der Botschaft sind die jüngsten Bombardierungen des kolumbianischen Militärs, insbesondere eine Operation am 10. November, bei der die Sicherheitskräfte mindestens 19 Menschen tötete und mehrere festnahm. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft und der Gerichtsmedizin befanden sich unter den Todesopfern auch zwangsrekrutierte Minderjährige. Bereits zuvor nahmen militärische Operationen in Guaviare, Caquetá und Arauca mehreren Jugendlichen das Leben.

Mordisco nutzt das Video, um der Regierung schwere Vorwürfe zu machen. Er spricht von "revolutionären Prozessen" gegen "die Verantwortlichen", bezeichnet die Bombardierungen als Ergebnis einer angeblichen "Nachsicht gegenüber den Gringos" und wirft Präsident Gustavo Petro "Heuchelei" vor. Während die Regierung Angriffe in Gaza oder der Karibik kritisiere, führe sie selbst tödliche Aktionen in abgelegenen Regionen wie Guaviare, Amazonas oder Arauca durch. Außerdem beschuldigt er staatliche Sicherheitskräfte, 2025 eine Vielzahl an außergerichtlichen Hinrichtungen verübt zu haben, sogenannte "falsos positivos", und Medien, sich "in den Krieg gegen das Volk" einzureihen. Er kritisiert das kapitalistische System sowie Petros Reformpolitik, die es erhalten würde. Schließlich macht er die Politik, Exklusion und fehlende Rechte für den Bürgerkrieg verantwortlich.

Besondere Brisanz erhält das Video durch Mordiscos Ankündigung, der EMC werde sich in die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2026 einmischen. Man habe versucht, die Wahlen unbeeinträchtigt zu lassen, doch angesichts der "Offensive kriegerischer Sektoren" bleibe der Gruppe nichts anderes übrig, als ihre Territorien und politischen Interessen zu verteidigen.

Zugleich richtet Mordisco Worte des Mitgefühls an die Familien der getöteten Minderjährigen. Er bezeichnet die Jugendlichen als "Kämpfer für die Befreiung unseres Volkes".

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Präsident Petro reagierte mit deutlicher Kritik. Zwar bedauerte er den Tod der Kinder und sprach den betroffenen Familien sein Mitgefühl aus, doch betonte er, dass die militärische Führung keine Kenntnis über die Anwesenheit Minderjähriger gehabt habe. Er macht die Guerilla für diese Todesfälle verantwortlich, da sie Kinder und Jugendliche gewaltsam in ihre Reihen aufgenommen habe. Die Sicherheitsstrategie sei politisch und militärisch ausgerichtet. Militärische Operationen seien unvermeidlich, wenn eine bewaffnete Gruppe Friedensverhandlungen verweigere.

Seit dem Friedensabkommen von 2016 und der Auflösung der FARC konkurrieren in Kolumbien weiterhin verschiedene bewaffnete Gruppen, darunter paramilitärische Organisationen und FARC-Splittergruppen, um die Kontrolle von Kokaanbaugebieten, die für die Kokainproduktion für internationale Märkten genutzt werden.

Die Regierung unter Präsident Petro hat mehrfach Gespräche mit den Dissident:innen angestrebt, bislang jedoch ohne Erfolg. Nach mehreren Angriffen auf militärische und zivile Ziele verstärkte Petro das staatliche Vorgehen gegen diese Gruppen. Beobachter:innen sehen darin auch eine Reaktion auf die Ankündigungen von US-Präsident Donald Trump, bei unzureichender Bekämpfung des Drogenhandels mögliche militärische Maßnahmen auch gegen Kolumbien zu prüfen.

Die Generalstaatsanwaltschaft für Militär- und Polizeivergehen leitete inzwischen eine Untersuchung zur Rechtmäßigkeit des Angriffs ein. Das UN-Menschenrechtsbüro zeigt sich "tief besorgt" über die Hinweise auf getötete Minderjährige.