Chile: Regierungsinitiative zur Aufklärung illegaler Adoptionen in der Kritik

Betroffene fordern mehr staatliche Gelder für juristische Ermittlungen und die Fortführung der nationalen DNA-Datenbank

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Wird von der Regierung ignoriert: die Organisation von Betroffenen, die "Kinder und Mütter des Schweigens"
Wird von der Regierung ignoriert: die Organisation von Betroffenen, die "Kinder und Mütter des Schweigens"

Santiago. Die scheidende Regierung von Präsident Sebastián Piñera hat eine "Pilotinitiative" angekündigt, die 700 Familien bei der Suche nach ihren seit dem Putsch 1973 verschwundenen Kindern unterstützen soll. Mit staatlichern Geldern ausgestattet soll die NGO "Nos buscamos" ihnen den Zugang zu internationalen privatwirtschaftlich betriebenen DNA-Banken erleichtern.

Dies stößt auf Kritik bei der Organisation von Betroffenen, der "Kinder und Mütter des Schweigens" (Hijos y Madres del Silencio, HMS).

Nach dem Militärputsch unter Führung von General Augusto Pinochet ist in Chile ein als Adoptionen getarnter internationaler Menschenhandel mit Neugeborenen betrieben worden. Bis heute kämpfen Betroffene um Aufklärung und Wiedergutmachung. Bisher gibt es 1.238 Fälle mit konkreten Hinweisen auf illegale Adoptionen, insgesamt wird jedoch in 20.000 Fällen ermittelt.

Als 2014 eine Reihe von Beschwerden von Familien auf die Verantwortung des chilenischen Priesters Gerardo Joanon als Vermittler bei illegalen Adoptionen nach 1973 hinwiesen, gelangte das Thema der Kindesentführungen durch einen Bericht des Centro de Investigación Periodística de Chile (Ciper) in die chilenische Presse.

2017 beauftragte das Oberste Gericht den anerkannten Richter in Menschenrechtsfragen am Berufungsgericht von Santiago, Mario Carrozza, mit der strafrechtlichen Untersuchung. Aus einem internen Dokument Carrozas geht hervor, dass gegen 19 Jugendgerichte, 28 Gesundheitszentren (einschließlich Krankenhäuser, Kliniken und Arztpraxen), 24 Heime (von katholischen, evangelischen und privaten Organisationen) und 72 Einrichtungen im ganzen Land, die angeblich als Kindergärten genutzt wurden, bevor die Kinder aus Chile hinausgebracht wurden, ermittelt wird.

Die Gruppe "Kinder und Mütter des Schweigens" hat in jahrelanger ehrenamtlicher Arbeit 260 Kinder mit ihren leiblichen Müttern zusammenführen können. Durch deren Recherchen konnte auch festgestellt werden, dass viele der entführten Kinder mit chilenischen Geburtsurkunden in die Zielländer (vor allem Schweden, Italien, Frankreich und USA) gebracht wurden. Diese Urkunden wurden in den offiziellen Adoptionssystemen der Länder oder bei den Adoptiveltern aufbewahrt.

Die Militärdiktatur unter Pinochet hat eine systematische Politik des Menschenhandels mit Neugeborenen betrieben. Persönliche Bereicherung und der Versuch, im Ausland das lädierte Ansehen des Regimes reinzuwaschen, waren die Gründe.

In einer Untersuchung stellte die Historikerin Karen Alfaro fest, dass etwa "die transnationale Adoption armer chilenischer Kinder nach Schweden von der Militärdiktatur als Mechanismus der diplomatischen und politischen Annäherung geschätzt wurde, da sie den Aufbau von Verbindungen zu Institutionen und Sektoren der extremen Rechten in Schweden ermöglichte".

Nachdem Mónica Madariaga, Kusine Pinochets und Justizministerin Mitte der 1970er Jahre, Schweden besuchte, begannen dort die massenweisen Adoptionen von chilenischen Kindern. Die schwedische Justiz ermittelt derzeit in mehr als 2.000 Fällen irregulärer Adoptionen.

In der Regel wurde den jungen Müttern die Unterschrift unter Papiere abgenötigt, die sie gar nicht verstanden, aber rechtlich Adoptionseinwilligungen waren. In anderen Fällen wurde den Müttern eine Totgeburt vorgetäuscht, ohne jedoch jemals den Körper für eine Beerdigung zu übergeben. Oder es wurden schwangeren Frauen in Gefangenschaft nach der Entbindung die Kinder weggenommen. Ärzte und Hebammen stellten gefälschte Totenscheine aus, Gerichte entzogen ohne Prüfung den Familien das Sorgerecht für ihre Neugeborenen, "fürsorgliche" Kirchenvertreter sortierten die Mütter aus, denen dann später die Adoption aufgezwungen wurden.

Jedes Kind wurde dann im Durchschnitt für 10.000 US-Dollar an wohlhabende chilenische Familien oder an international tätige Adoptionsagenturen vermittelt. Die Betroffenen sprechen daher von staatlich geduldetem Menschenhandel.

Nun will die scheidende Regierung Gelder an eine NGO übergeben, die ein Jahr lang Familien von 700 Opfern illegaler Adoptionen "begleiten" und mit internationalen privaten DNA-Datenbanken zusammenarbeiten soll.

Die "Kinder und Mütter des Schweigens" kritisieren das Vorhaben scharf. Internationale DNA-Banken seien zwar wichtig, jedoch erhielten sie Tests von Tausenden von Menschen aus der ganzen Welt, die nicht immer persönliche Daten angeben oder die Rückverfolgung von Familienangehörigen ermöglichen. Zudem handele es sich nicht um staatliche Einrichtungen und es sei nicht bekannt, wer mit diesen Daten umgehe und ihre Vertraulichkeit garantiere. Die Gruppe kritisiert außerdem, dass die Regierung sie nicht in die Überlegungen für diese "Pilotinitiative" einbezogen habe und eine NGO mit staatlichen Geldern ausstatte, deren Vorgehensweise fragwürdig sei.

Die Organisation fordert stattdessen vom Staat mehr Ressourcen für juristische Ermittlungen und die Fortführung der nationalen DNA-Datenbank, die nach nur 58 durchgeführten Tests mit der Begründung geschlossen wurde, es gebe zu wenig Proben. Zudem müsse eine Nationale Kommission für Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung eingerichtet werden, um die Opfer illegaler Adoptionen zu erfassen und ihnen Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen. Der Staat sei verpflichtet, die Verantwortung für diese schwere Verletzung der Menschenrechte Tausender Familien zu übernehmen, heißt es in dem Kommuniqué von "Kinder und Mütter des Schweigens".

"Wir fordern die neue Regierung auf, sich mit dem Thema zu befassen und für transparente Wege zur Umsetzung geeigneter Maßnahmen zugunsten der Opfer zu sorgen", heißt es in dem Kommuniqué abschließend.

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