Einer von drei Arbeitnehmern in Argentinien lebt in Armut

Corona-Pandemie und Verlust der Wirtschaftskraft der letzten Jahre treibende Faktoren. Verarmung der Angestellten in regulären Arbeitsverhältnissen. Leichte Erholung in Sicht

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Die Armut in Argentinien steigt immer weiter an, auch unter Arbeitnehmern
Die Armut in Argentinien steigt immer weiter an, auch unter Arbeitnehmern

Buenos Aires. Laut einer neuen Studie der Katholischen Universität Argentiniens (UCA) liegt der Verdienst bei einem von drei Arbeitnehmern im Land unter der Armutsschwelle. Auch das Institut für öffentliche Politik und Denken (IPyPP) untersuchte diese Entwicklung. In beiden Studien wird deutlich, dass aktuell nicht, wie in der Vergangenheit üblich, die Arbeitslosen oder diejenigen, die im informellen Wirtschaftssektor tätig sind, besonders gefährdet sind in die Armut zu rutschen. Vielmehr kommt es zu einer Verarmung der Angestellten in regulären Arbeitsverhältnissen, die trotz geregelter Arbeit nicht ihren Lebensunterhalt sichern können.

Die Armutsgrenze wird in Argentinien über einen Warenkorb (canasta familiar básica) gemessen, dessen Wert Monat für Monat angepasst wird. Um nicht als arm zu gelten, muss eine vierköpfige Familie derzeit über ein Einkommen von rund 63.000 Pesos (rund 550 Euro) verfügen. Der Durchschnittslohn liegt jedoch lediglich bei 32.000 Pesos. Etwa 38 Prozent der Arbeitnehmer erhalten zudem weniger als den gesetzlichen Mindestlohn (salario mínimo vital y móvil). Bei Frauen und jungen Arbeitnehmern sind diese Anteile noch höher. Insgesamt leben derzeit circa 42 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.

Die Ursachen für die aktuelle Entwicklung sind laut der Studien verschieden sowie kurz- und langfristig: Einerseits haben auf Grund der Pandemie viele Firmen auf Kurzarbeit gehen bzw. ihre Aktivitäten über längere Zeiträume komplett einstellen müssen. Dies wirkte sich auf die durchschnittlichen Löhne aus.

Andererseits ist die Inflation nach wie vor sehr hoch, besonders im Bereich der Lebensmittel. Dies brachte die Regierung kürzlich dazu, den Fleischexport zu unterbinden (amerika 21 berichtete). Die Preise für das Rindfleisch waren letztes Jahr fast doppelt so hoch wie die Inflation gestiegen, ohne dass es dafür eine Ursache in der Produktionskette gegeben hätte. Seit der Exportsperre sind die Preise auf dem Rindermarkt in Liniers erstmals wieder um rund 15 Prozent gesunken, wobei diese Senkung noch nicht bei den Verbrauchern angekommen ist.

Daneben ist jedoch als längerfristiger Faktor die Nachwirkung der Präsidentschaft von Mauricio Macri zu vermerken. Nach der großen Wirtschaftskrise im Jahr 2001 war in Argentinien bereits schon einmal über die Hälfte der Bevölkerung unter die Armutsgrenze gefallen (Höchstwert: 60,8 Prozent im Jahr 2003). Unter den Regierungen von Néstor und Cristina Kirchner wurde die Armutsrate bis 2015 praktisch halbiert (auf 27,3 Prozent), wobei die starken Wachstumsraten der ersten Jahre sich nach 2011 abschwächten und die Armutsrate nach 2013 wieder etwas anstieg.

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Nach dem Regierungswechsel 2016 setzte die neoliberale Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik der Regierung Macri ein. Dessen erklärtes Ziel war es, die Löhne zu senken. Dies war damals sogar konkret mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) vereinbart worden. So fiel der Wert des Mindestlohns von umgerechnet 580 US-Dollar im Jahr 2015, um 62 Prozent auf 221 US-Dollar im Jahr 2019. Dieses hatte jedoch keinerlei positive Auswirkungen auf die Wirtschaft: In den vier Jahren der Macri-Regierung mussten fast 25.000 Firmen schließen.

In den ersten drei Jahren kam es zudem zu sehr hohen Handelsbilanzdefizite, darunter 2017 das höchste in der argentinischen Geschichte. Nur 2019 gab es einen geringen Überschuss, da aufgrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs kaum etwas importiert wurde. Die Inflation stieg zudem von 17,2 Prozent im Jahr 2015 auf 53,8 Prozent für 2019, der höchste Wert in 28 Jahren. Erst nach dem Regierungswechsel zu Präsident Alberto Fernández konnte sie für 2020 auf 36 Prozent gesenkt werden, wobei sie jedoch aktuell droht, wieder deutlich anzusteigen.

Auf dieses schwierige Szenario folgte 2020 die Corona-Pandemie.

Aktuell gibt es jedoch einige positive Zeichen: Die industrielle Tätigkeit wuchs zuletzt nach fast fünf Jahren des Rückgangs erstmalig wieder, mit besonderen Schwerpunkten in der Automobilindustrie und Baumaterialien wie Zement, Stahl und Aluminium. Dies deutet auf eine Zunahme der Bauaktivität hin.

Verschiedene Unternehmen haben bereits Investitionen im Land angekündigt. Außerdem setzen Firmen, die in den letzten Jahren Produktionsstätten stillgelegt hatten, diese wieder in Betrieb. Zudem stiegen die Steuereinnahmen im Verhältnis mehr als die Inflation, was ein eindeutiges Zeichen für eine Reaktivierung der Wirtschaftsaktivität ist. Das Haushaltsdefizit lag neben anderen Faktoren auch dadurch bei sehr niedrigen 0,5 Prozent. Dies ermöglichte dem Staat zuletzt eine größere Bewegungsfreiheit.

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