Bolivien / Wirtschaft / Politik

Erdgas- und Lithiumindustrie in Bolivien nimmt wieder Fahrt auf

Stillstand nach dem Putsch gegen Evo Morales. Präsident Arce will mit Deutschland kooperieren, besteht aber auf Neuverhandlung der Vertragsbedingungen

bolivien_arce_molina_lithiumindustrie.jpg

Präsident Arce (links) und Minister Molina
Präsident Arce (links) und Minister Molina

La Paz. Es kommt wieder Bewegung in die bolivianische Lithiumindustrie. Der Minister für Energie und Kohlenwasserstoffe, Franklin Molina Ortiz, hat Marcelo Gonzales als neuen Vorsitzenden des staatlichen Unternehmens YLB (Yacimientos de Litio Bolivianos) eingesetzt und damit den Startschuss für die Wiederaufnahme des Abbaus und der industriellen Weiterverarbeitung von Litium gegeben.

"Nachdem wir praktisch ein komplettes Jahr verloren haben, während dessen unsere Anlangen und der Verkauf unserer Erzeugnisse still standen, stehen wir nun vor einer großen Herausforderung", sagte Gonzales bei seinem Amtsantritt. Nach der Machtübername durch die De-facto-Regierung unter Jeanine Añez nach dem Putsch gegen Ex-Präsident Evo Morales im November 2019 war die Lithiumindustrie des Landes zum Erliegen gekommen.

Der nächste Schritt, so Gonzales, sei der Bau von zwei weiteren Anlagen zur Ionisation von Lithium und zur Produktion von Kathoden in Coipasa Uyuni und Pastos Grandes im Departamento Potosí im Südosten des Landes. Bolivien verfügt bereits über zwei Anlagen zur industriellen Weiterverarbeitung von Lithium zu Kaliumchlorid und Lithiumkarbonat, deren Produktion jedoch seit Añez Amtsantritt still lag.

Gonzales betonte, Bolivien verfüge über die nötigen Fachkräfte und Experten, um "in die Phase der Industrialisierung von Lithium einzutreten". Angesichts der hohen Nachfrage nach dem Rohstoff aufgrund seiner Bedeutung für die Elektromobilität verspreche er sich von der im Land stattfindenden Wertschöpfung einen wichtigen Impuls für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und insbesondere der Regionen Oruro und Potosí.

Präsident Luis Arce hatte vor seinem Wahlsieg im Oktober 2020 bereits angekündigt, das Rohstoffprojekt wieder aufnehmen zu wollen (amerika21 berichtete). Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Zusammenführung der Ministerien für Energie und Kohlenwasserstoffe. Molina, ein Ökonom aus Santa Cruz, leitet das restrukturierte Ministerium seit November letzten Jahres.

Der deutsche Botschafter in Bolivien, Stefan Duppen, hatte bereits das Interesse Deutschlands an einer weiteren finanziellen und technischen Beteiligung an der bolivianischen Lithiumförderung bekräftigt. Das baden-württembergische mittelständische Unternehmen ACI Systems hatte Ende 2018 ein Joint Venture mit der bolivianischen YLB geschlossen. Arce äußerte bereits die Absicht, die Zusammenarbeit mit dem deutschen Unternehmen wieder aufzunehmen, macht dafür jedoch eine Neuverhandlung des Vertragsbedingungen zur Voraussetzung.

Im Jahr 2019 hatten lokale Bürgerkomitees im Departamento Potosí gegen das Rohstoffprojekt protestiert und eine stärkere finanzielle Beteiligung sowie höhere Umweltstandards gefordert. Mit Hinblick darauf versprach Molina: "Wir werden nochmals alles genau überprüfen und eine Strategie entwickeln, die nachhaltig sowie sozial und politisch verträglich ist."

Bolivien strebt beim Thema Lithium eine regionale Zusammenarbeit an. Molina betonte in diesem Zusammengang den "integrativen Geist" Boliviens und schlug die Union südamerikanischer Nationen als Plattform für einen politischen Dialog vor.

Auch die Erdsgaswirtschaft des Andenlandes ist in Bewegung. Zu Beginn des Monats wurde ein neues Gasvorkommen im Departamento Chuquisaca entdeckt. "Unsere Mutter Erde macht uns, den Bolivianern, ein schönes Geschenk", so Präsident Arce. Er hatte Molina mit der Aufgabe betraut, die ebenfalls unter Añez zum Erliegen gekommene Erschließung von Erdgasquellen wieder aufzunehmen.

Das neu entdeckte Reservoir macht zehn Prozent des bolivianischen Gesamtvolumens an Erdgas aus. Das Staatsunternehmen YPFB (Yacimientos Petrolíferos Fiscales Bolivianos) wird zur Erschließung der Erdgasquelle mit den Konzernen Repsol, Shell und Pan American Energy zusammenarbeiten. Bis Ende des Jahres soll dort bereits mit der Förderung begonnen werden.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr