Lateinamerika als Labor der globalen Politik der Ungleichheit

Das Vermögen der Reichen wächst weltweit um 16 Prozent. In Lateinamerika um 39 Prozent

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In Lateinamerika zahlen die ärmsten 50 Prozent der Bevölkerung rund 45 Prozent ihres Einkommens an Steuern, vor allem Verbrauchssteuern, während das reichste ein Prozent weniger als 20 Prozent zahlt
In Lateinamerika zahlen die ärmsten 50 Prozent der Bevölkerung rund 45 Prozent ihres Einkommens an Steuern, vor allem Verbrauchssteuern, während das reichste ein Prozent weniger als 20 Prozent zahlt

Die extreme Ungleichheit hat sich zu einem der bestimmenden Merkmale unserer Zeit entwickelt. Auf globaler Ebene schreitet die Konzentration von Reichtum schneller voran als die Fähigkeit der Staaten, Rechte zu gewährleisten, Demokratien aufrechtzuerhalten und der Klimakrise entgegenzutreten. Wenn es jedoch eine Region gibt, in der dieses Phänomen eine besonders beschleunigte und politisch gefährliche Form annimmt, dann ist es Lateinamerika und die Karibik.

Wenn der Wohlstand mehr vom Nachnamen als dem individuellen Vermögen abhängt

Die Region fungiert heute als eine Art Vorreiter und Labor für Dynamiken, die auch Europa und andere Teile der Welt durchziehen, die hier [in Lateinamerika] jedoch mit größerer Härte zutage treten. Laut dem jüngsten Oxfam-Bericht über Lateinamerika und die Karibik "Reichtum ohne Kontrolle, Demokratie in Gefahr" ist der Reichtum der Milliardäre im vergangenen Jahr weltweit um rund 16 Prozent gewachsen, während er in Lateinamerika um 39 Prozent zunahm. Die großen Vermögen wuchsen sechzehnmal schneller als das regionale BIP. Ihr Reichtum weist damit eine tiefgreifende Entkopplung von der Wirtschaft selbst und dem kollektiven Wohlergehen auf.

Der versprochene "Trickle-Down-Effekt" findet nicht statt. Die Vorstellung, dass das bei einigen wenigen konzentrierte Kapital nach unten tröpfeln und letztendlich auch diejenigen erreichen würde, die sich an der Basis der Pyramide befinden, hat nicht funktioniert. Ganz im Gegenteil: Dieses Maß an Ungleichheit behindert das Wachstum, verzögert die Bekämpfung von Armut, polarisiert die Gesellschaft und erodiert die Demokratie. Obwohl die Indikatoren der Einkommensarmut leichte Verbesserungen zeigten, ist ihr Fortschritt im Vergleich zum rasanten Tempo des Reichtums langsam. In Lateinamerika und der Karibik leben noch immer nahezu 160 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze und 63 Millionen Menschen in extremer Armut.

Auch der Mythos der Meritokratie wurde gebrochen. In der Region hängt der Wohlstand nämlich mehr vom Nachnamen als vom individuellen Können ab: 54 Prozent der Milliardäre haben ihren Reichtum teilweise oder vollständig geerbt, weit über dem globalen Durchschnitt; und mehr als 62 Prozent dieses Reichtums werden in den kommenden Jahren an die nächste Generation weitergegeben. All das geschieht praktisch ohne finanzpolitische Bremsen: nur vier Länder erheben Steuern auf Nettovermögen, und nur neun besteuern Erbschaften oder Schenkungen.

Nichtsdestotrotz verschiebt sich die öffentliche Debatte. Statt dem Ursprung dieser Vermögen nachzugehen, verwandelt der herrschende Diskurs den extremen Reichtum in das Ziel jeglichen persönlichen Strebens und die Armut in individuelles Versagen. Die Armen sind arm aufgrund eines Mangels an Anstrengung; die Reichen sind ein wandelndes Beispiel einer "Meritokratie", die zum größten Teil vererbt wurde. Zudem ist der Großteil des Vermögens der Superreichen kein Produkt offener Märkte, sondern strukturell hochkonzentrierter Sektoren, die als Monopole und Oligopole agieren und sich durch Privatisierungen, staatliche Konzessionen oder vorteilhafte Rahmenbestimmungen konsolidierten. Finanzen, Telekommunikation und Medien sowie Energie und natürliche Ressourcen machten 2025 etwa 65 Prozent der Vermögen der lateinamerikanischen Milliardäre aus. Die enormen Markteintrittsbarrieren und die Kontrolle über strategische Infrastrukturen ermöglichen Einflussnahme auf Preise, Regelungen und öffentliche Entscheidungen, womit die ökonomische Konzentration in politische Macht verwandelt wird.

Die Steuersysteme verstärken diese Muster. Die ärmsten 50 Prozent der Bevölkerung in Lateinamerika geben etwa 45 Prozent ihres Einkommens für Steuerzahlungen aus, hauptsächlich in Form von Verbrauchssteuern, während das reichste ein Prozent weniger als 20 Prozent seines Einkommens dafür aufbringt. Die Steuereinnahmen stützen sich auf den Konsum, während Vermögen, Kapitaleinkünfte und die großen Unternehmenskonzerne systematisch privilegiert behandelt werden.

Wirtschaftseliten in der Politik

Die Grenze zwischen wirtschaftlicher und politischer Elite ist ebenfalls zusehends durchlässig geworden. Zwischen 2000 und 2025 gelangten mindestens sechzehn Präsidenten in elf Ländern der Region mit einer Vorgeschichte als Eigentümer, Großunternehmer, Aktionäre oder Führungskräfte von Unternehmen an die Macht. Das Geld beeinflusst nicht nur: Es besetzt direkt Entscheidungsräume.

Der Fall von Marcos Galperín ist ein Beispiel dafür, wie Geld auch Kampagnen und Ideen finanziert, die den eigenen Interessen zugutekommen. Der Argentinier und Gründer von Mercado Libre, der größten E-Commerce-Plattform Lateinamerikas, gehört zu den reichsten Männern der Region. Er hat öffentlich die Deregulierung verteidigt, staatliche Eingriffe kritisiert und Regierungen unterstützt, die zu Sozialkürzungen neigen, während sein Unternehmen von Steuerbefreiungen und Sonderregelungen profitierte. All das ist keine Ausnahme, sondern System: wirtschaftliche Eliten, die aktiv Einfluss auf politische Maßnahmen nehmen, die ihre eigenen Vorteile festigen.

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Diese Macht stützt sich auch auf die Produktion von Narrativen, die den öffentlichen Sektor delegitimieren. Der Skandal um Odebrecht wurde vor allem als moralischer Zusammenbruch der Politik dargestellt, mit einem Fokus auf korrupte Amtsträger, während sein unternehmerischer Kern in den Hintergrund rückte: ein privates System von Bestechungszahlungen zur Sicherung von Aufträgen und günstigen Regulierungen. Das Ergebnis war ein Diskurs, der die Vorstellung verstärkte, dass Korruption dem Staat inhärent ist, und zugleich die Ausweitung der Macht des Großkapitals normalisierte.

Technologiekonzerne, die Kriminalisierung der Migration und ausgehöhlte Demokratien

Die großen Technologiekonzerne nehmen heute eine zentrale Rolle in der Herstellung gesellschaftlichen Konsenses ein. Online-Plattformen mit enormen finanziellen und kommunikativen Möglichkeiten finanzieren Kampagnen, betreiben Lobbyarbeit und blockieren steuerliche, arbeitsrechtliche und inhaltsbezogene Regulierungen. Investigativer Journalismus in Ländern wie Kolumbien und Brasilien hat deren Unterstützung für politische Kräfte dokumentiert, die "Freiheit" versprechen, während sie zugleich die demokratischen Kontrollmechanismen über ihre Macht einschränken. Die Schwierigkeit, sie zu regulieren, ist keine technische, sondern eine politische.

Die Konsequenzen dieses Modells werden in zwei entscheidenden Bereichen besonders sichtbar: der Klimakrise und der Migration. Lateinamerika, das selbst nur für einen Bruchteil der historischen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, ist eine der von der globalen Erwärmung am meisten betroffenen Regionen. Trotzdem wird die Energiewende als ein neues Feld der Kapitalakkumulation für extraktive Sektoren und den Finanzsektor gestaltet, während die Kosten vor allem auf ländliche, indigene und verarmte Gemeinschaften abgewälzt werden.

Angetrieben von Ungleichheit, Gewalt und Klimakrise wird die Migration immer mehr als ein Problem der Sicherheit behandelt. Der Fall der Dominikanischen Republik ist dabei besonders aufschlussreich: Haitianische Migrantinnen werden für den schlechten Zustand der Entbindungsstationen verantwortlich gemacht, die Einwanderungspolizei wird in Krankenhäuser entsendet, woraufhin Schwangere und Kinder auf der Suche nach medizinischer Behandlung abgeschoben werden. All das passiert vor dem Hintergrund von geringen Investitionen in das Gesundheitssystem und sich wiederholenden Skandalen der nationalen Gesundheitsversorgung. Dabei wird der Fokus von den strukturellen Mängeln auf diejenigen gelenkt, die in größter Vulnerabilität leben und dabei die Wirtschaft aufrecht erhalten.

Diese Logik kommt auch in den USA unter der von Donald Trump vorangetriebenen Rhetorik und Politik zum Tragen, wo die Kriminalisierung der Migration mit Kürzungen im sozialen Bereich und Steuervergünstigungen für die Reichsten einhergeht. Somit etabliert sich das Thema der Migration zu einer neuen Nische des politischen Marketings, während die Grundrechte ausgehöhlt werden.

Das Resultat sind an materiellem Inhalt entleerte Demokratien. Wenn sich der Reichtum ohne Grenzen konzentriert, ohne Reibung vererbt und im Namen der Effizienz dereguliert wird, während die Mehrzahl der Menschen den Staat durch Verbrauchersteuern finanziert, hört die Demokratie auf, ein Versprechen des geteilten Wohlergehens zu sein, und verwandelt sich in eine zunehmend brüchige Prozedur.

Von Spanien aus den Blick auf Lateinamerika zu richten, sollte nicht dem Zweck dienen, Entfernungen zu unterstreichen, sondern die Alarmglocken zu läuten. Was dort auf unverblümte Weise vor sich geht, ist eine Vorahnung möglicher Dynamiken, bei denen der vererbte Reichtum, die Vereinnahmung des Staates und die Entwertung des öffentlichen Sektors ohne Gegengewichte voranschreiten können. Auseinandersetzungen um die Steuerpolitik, die Regulierung wirtschaftlicher Macht, die Entlarvung von Mythen, die Ungleichheit legitimieren, und die Stärkung der Teilhabe der Bürger sind keine regionalen Aufgaben, sondern auf globaler Ebene vordringlich notwendig im Sinne der Demokratie.

* Rosa Cañente Alonso ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Expertin für die Messung, Analyse und Konzeption staatlicher Maßnahmen zur Bekämpfung von Ungleichheit und Armut. Sie hat Regierungen in Lateinamerika und der Karibik beraten, für die Vereinten Nationen, Basisorganisationen und Nichtregierungsorganisationen gearbeitet und als Sprecherin verschiedener Institutionen und sozialer Bewegungen fungiert.