Das folgende Gespräch ist ein Auszug aus einem Interview mit dem Politikwissenschaftler Franck Gaudichaud über die aktuelle Machtkonstellation in Venezuela, die Frage der venezolanischen sozialen Bewegungen und die Perspektiven des Landes unter dem imperialistischen Druck der USA nach der Entführung von Nicolás Maduro. Das vollständige Interview ist hier auf Spanisch abrufbar.
Wie ist laut deinen Informationen die Haltung des Staatsapparats und der herrschenden Klassen in Venezuela nach dieser Operation?
Der Prozess der Umorganisation ist noch im Gange. Was sich klar beobachten lässt – und was unsere Kontakte vor Ort bestätigen –, ist, dass nach der Entführung des Präsidenten und seiner Partnerin eine Kontinuität des staatlichen Apparats Maduros besteht, die heute in der Figur der Interimspräsidentin Delcy Rodríguez verkörpert wird. Sowohl die militärische als auch die zivile Führung, die höchsten Kreise der Bürokratie, die Führung der Partido Socialista Unido de Venezuela (PSUV) und die verschiedenen Fraktionen der bolivarischen Bourgeoisie scheinen, zumindest vorerst, geschlossen aufzutreten. Entscheidend ist und bleibt dabei natürlich die Haltung der Armee, die eine tragende Säule der bolivarischen zivil-militärischen Bewegung und zugleich der politischen Kontrolle Maduros bildet, insbesondere seit den Krisen von 2014 und 2017–2019.
Vorerst sind neben Delcy Rodríguez die wichtigsten Führungskräfte jenes Madurismus sichtbar, der seit dem Tod von Hugo Chávez im Jahr 2013 an der Macht war. Angefangen bei Diosdado Cabello, dem starken Mann der Regierung, der die Polizei kontrolliert, enge Verbindungen zur Armee und bislang auch zu China unterhält. Der Verteidigungsminister und Chef des Generalstabs, der unantastbare Vladimir Padrino López, zeigt seine Unterstützung, er wurde trotz der Niederlage im Januar nicht entlassen, (am 18. März 2026, nach dem Interview, wurde Padrino López als Verteidigungsminister entlassen, Anmerkung amerika21), ebenso wie der Bruder der Präsidentin, Jorge Rodríguez, einer der wichtigsten Männer des Chavismus und später des Madurismus, heute Präsident der Nationalversammlung. Unter der kritischen, aber auch chavistischen Linken (sogar unter amtierenden Ministern) sowie unter zahlreichen Analysten wird darüber diskutiert, inwieweit ein Teil oder zumindest einzelne Mitglieder der Regierung Maduro bereits zuvor im Stich gelassen haben könnten; ob es angesichts des maximalen Drucks der USA (und in Aussicht gestellten Belohnungen) sowie nach dem wiederholten Scheitern der von dem inzwischen in den USA inhaftierten Präsidenten geführten Verhandlungen mit Trump zu Verrat oder Desertionen im engsten Umfeld Maduros gekommen ist.
Ein erheblicher Teil der herrschenden Bürokratie, insbesondere hochrangige Militärs, hat wirtschaftliche Interessen, die es im Erdöl- und Bergbau zu wahren gilt, und müsste im Falle eines Regimewechsels über seine Straffreiheit verhandeln. Doch welchen Handlungsspielraum haben sie heute, insbesondere angesichts des Fehlens einer breiten autonomen Widerstandsbewegung auf nationaler Ebene?
Tatsache ist, dass auf den Angriff des Pentagons, der zwar als möglich, aber nicht als wahrscheinlich galt, keine sofortige politisch-militärische Reaktion der venezolanischen Streitkräfte erfolgte, die angeblich in ständiger Alarmbereitschaft waren. In den letzten Jahren wurden mehrere Milliarden Dollar in russisches und chinesisches Material investiert, insbesondere um Caracas und den Luftraum mit Luftabwehr und hochentwickelten Radarsystemen zu schützen. All dies scheint im Voraus neutralisiert worden zu sein, möglicherweise mit elektromagnetischen Waffen und zweifellos durch geduldige Geheimdienstarbeit. Aus dieser Sicht gibt es also viele Fragen, aber es gab keine koordinierte nationale Verteidigungsbewegung. Bedeutet dies eine gewisse aktive oder passive Komplizenschaft in begrenztem Umfang, einen Verlust der Kontrolle über die Befehlskette, eine strategische Passivität des Generalstabs in Erwartung einer Neuordnung der Machtverhältnisse? Die Debatten in Miraflores laufen auf Hochtouren, und Gerüchte und Fake News werden ebenfalls von den Diensten in Washington frenetisch geschürt, um die Kontrolle zu behalten. Den hohen Preis für dieses Debakel haben mehr als 110 Menschen (Zivilisten und Militärs) bezahlt, darunter Mitglieder der Leibwache von Maduro und insbesondere 32 kubanische Agenten, die bei dem Zusammenstoß getötet wurden.
Was die Position von Delcy Rodríguez betrifft, so hat sie zunächst intern die Verlängerung des Ausnahmezustands bestätigt (weshalb eine Öffnung offenbar nicht in Sicht ist) und anschließend ein umfassendes Amnestiegesetz mit dem Titel "Demokratische Koexistenz" unterstützt, das den Zeitraum 1999–2025 abdeckt. Wird es vom Parlament verabschiedet,1 würde es die bedingte Freilassung mehrerer Hundert politischer Gefangener ermöglichen. Dieser Gesetzentwurf bestätigt offiziell die Existenz von "Gewissensgefangenen" in Venezuela (die unter anderem wegen politischer Vergehen oder wegen Kritik an Beamten inhaftiert sind). Es sei daran erinnert, dass das Gesetz nicht für Morde oder schwere Gewalttaten gilt, insbesondere nicht für solche, die von der extremen Rechten begangen wurden, und auch nicht für Korruption, was durchaus positiv ist. Dieser Amnestieentwurf ist auch das Ergebnis der intensiven Mobilisierung verschiedener Gruppen von Angehörigen inhaftierter Personen.
Allgemeiner gesagt scheinen die Rodríguez (Delcy und Jorge) zu bestätigen, was Trump und Marco Rubio unmittelbar nach dem Angriff stolz in ihrer Pressekonferenz verkündeten: Sie seien bereit, eine neue Ära der "Zusammenarbeit" mit den USA einzuleiten, um insbesondere den "Wiederaufbau" der Ölindustrie unter imperialistischer Vormundschaft zu erleichtern. Zwar ist der Handlungsspielraum begrenzt, doch die Präsidentin hat wiederholt betont, dass es darum gehe, die Souveränität des Landes zu retten. Sie hat die sofortige Freilassung von Maduro und Flores gefordert und in ihren Fernsehansprachen einen antiimperialistischen Ton angeschlagen. Dennoch wurde CIA-Direktor John Ratcliffe in Caracas empfangen.2Trump kündigte an, dass er alle weiteren Angriffe absage, da "die USA und Venezuela jetzt gut zusammenarbeiten". Der enthusiastische und lächelnde Empfang, den die Interimspräsidentin dem US-Ölminister Anfang Februar zur Planung der neuen imperialen Ordnung bereitet hat, hat bei vielen Venezolanerinnen und Venezolanern, denen die Souveränität ihres Landes am Herzen liegt, Bestürzung ausgelöst.
Inwieweit kann sich ein Madurismus ohne Maduro unter dem Druck des Imperialismus und in Zusammenarbeit mit Trump organisieren? Warum gab es keine bedeutenden Mobilisierungen der chavistischen Basis und der Bevölkerung von unten?
Die Option, die man in Betracht gezogen hatte – und die Trumps Option war –, bestand in einem Regimewechsel, indem man die ultrakonservative, neoliberale und proamerikanische Opposition, verkörpert durch María Corina Machado und den Präsidentschaftskandidaten von 2024, Edmundo González, der nach einem Wahlbetrug abgesetzt wurde, auf den Thron setzte. Doch Machado wurde von Trump öffentlich gedemütigt und beiseitegeschoben, zumindest vorerst: Und auch die Verschenkung ihrer Friedensnobelpreismedaille an den Autokraten der USA wird daran kaum etwas ändern! Trumps Kalkül besteht daher eindeutig darin, sich auf den Staatsapparat und den Madurismus zu stützen, in der Annahme, dass sie das Land kontrollieren, und in der Feststellung, dass sie weiterhin die entscheidende Unterstützung des Militärs sowie auch eine reale soziale Basis (wenn auch geschwächt) bewahren: den Chavismus von unten, dessen möglicher Widerstand aus imperialer Sicht kanalisiert werden sollte. All dies bei gleichzeitiger Ausübung eines erheblichen politisch-militärischen und wirtschaftlichen Drucks und Zwangs.
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Die Berechnungen Washingtons gehen davon aus, dass Corina Machado und Edmundo González nicht in der Lage wären, das Land kurzfristig brutal zu reorganisieren, ohne die direkte Unterstützung des Imperialismus, selbst mit Truppen vor Ort. Ein Szenario nach irakischem Vorbild ist für Trump undenkbar und wäre selbst innenpolitisch zu kostspielig, da seine MAGA-Basis sehr kritisch ist, die Lage in den USA angespannt bleibt, mit äußerst bedeutenden laufenden Auseinandersetzungen (insbesondere gegen die ICE), und die Zwischenwahlen näher rücken im November.
Es ist ziemlich überraschend, dass der Staatsapparat und die Bolibourgeoisie zu einem derart drastischen Kurswechsel fähig sind.
Alle warten gespannt ab; die amtierende venezolanische Übergangsregierung ändert, wie ich bereits sagte, ständig ihre Position, sogar gegenüber der eigenen Bevölkerung. Dennoch war der Sturz hart, insbesondere für diejenigen, die glaubten, dass ein massiver nationaler antiimperialistischer Widerstand möglich sei, der durch Jahre der Bolivarischen Revolution genährt wurde. Derzeit überwiegen Angst und Unsicherheit, und obwohl es Demonstrationen zur Unterstützung der Freilassung Maduros mit mehreren Zehntausend Menschen gegeben hat, waren diese relativ zurückhaltend und wenig spontan. Andererseits ist dies angesichts der enormen militärischen Asymmetrie und des maximalen politischen Drucks, den der US-Imperialismus in einem ungünstigen regionalen Kontext ausübt, nicht so überraschend. Aber auch, weil wir seit mehr als einem Jahrzehnt einen autoritären Zerfall, einen politischen Zusammenbruch und die wirtschaftliche Zerstörung des von Chávez geprägten Landes sowie dessen erleben, was der bolivarische Prozess und sein national-volksnaher, progressiver, cäsaristischer, umverteilender und antiimperialistischer Impuls in den Nullerjahren verkörpern konnten.
Der Madurismus hat die problematischsten Aspekte des Chavismus noch verschärft und eine Kaste der Bolibourgeoisie an der Macht etabliert, eine neue Oligarchie, die durch Enteignung und Korruption Devisen aus der Öl- und Bergbauindustrie sowie einige staatliche Vermögenswerte angehäuft hat. Nach der Repression der (oft gewalttätigen) Demonstrationen und der proimperialistischen konservativen Teile der Opposition sowie nach der vorübergehenden Schließung des 2017 gewählten Parlaments und der Konzentration der Macht in der Exekutive ging Maduro ebenso gegen die linke Opposition vor, gegen ehemalige Verbündete (insbesondere die Kommunistische Partei Venezuelas PCV), inhaftierte Gewerkschafter und ehemalige Führungskräfte sowie frühere Minister aus dem Lager Chávez’. Die innenpolitische Lage, die durch jahrelange Blockaden der USA und Hunderte imperialistischer Sanktionen verschärft – ja sogar vervielfacht – wurde, führte zum Exil von acht Millionen Venezolanern (bei einer Bevölkerung von 28 Millionen!).
Obwohl es in den letzten Jahren zu einer langsamen und kontinuierlichen Erholung auf makroökonomischer Ebene gekommen ist, verkörpert durch die sehr pragmatische Politik von Delcy Rodríguez, der für die Ölförderung zuständigen Ministerin, beklagen mehrere venezolanische Gewerkschaften, dass die Wirtschaftspolitik und die Arbeitsrechte unter Maduro eher einer neoliberalen Dystopie, der Zerstörung vieler Grundrechte und einer extraktivistischen Flucht nach vorn mit katastrophalen ökologischen Folgen ähneln als dem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Dies ging so weit, dass eine breite Gewerkschaftskoalition sogar Streiks und Mobilisierungen für Mitte Januar geplant hatte, was jedoch durch Trump und seine Kriegstreiberei vereitelt wurde.
Unter diesen Umständen ist es offensichtlich, dass die Voraussetzungen für einen breiten, parteiübergreifenden antiimperialistischen Widerstand mit einer mobilisierten Basis hinter einer legitimen nationalen Regierung fehlen. Und die Regierung Trump ist sich dessen vollkommen bewusst. Wir befinden uns nicht mehr im April 2002, als Hugo Chávez einen von der CIA und den lokalen Arbeitgeberverbänden unterstützten Staatsstreich erlitt und durch die Leute in den Stadtvierteln, durch eine sehr starke Mobilisierung der einfachen Bevölkerung, "gerettet" wurde, während die Militärs ihre Bereitschaft zeigten, diesen proimperialistischen Staatsstreich abzulehnen.
Gibt es nun noch Bereiche des zivil-militärischen Apparats, die nach wie vor in dieser national-volksnahen Perspektive verankert sind und bereit sind, Widerstand zu leisten? Der Chavismus von unten, die kritische Linke, die Gewerkschaften und die sozialen Bewegungen sind erheblich geschwächt, einige demoralisiert, andere kooptiert. Dennoch bleibt die Erinnerung an den ursprünglichen Chavismus bestehen, und in vielen Landgebieten existieren nach wie vor einige kollektive Gemeinschaftsprojekte. Es scheint jedoch, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung resigniert davon ausgeht, dass diese neue Krise den Würgegriff um das Land lockern und den Zufluss von US-Kapital ermöglichen könnte, was einen wirtschaftlichen Aufschwung oder sogar die Rückkehr von Millionen von Exilanten zur Folge haben könnte.
Werden wir Zeugen der Einführung einer Art erzwungener Mitverwaltung zwischen dem fossilen Kapitalismus der USA und der Bolibourgeoisie? Und auf politischer Ebene einer proimperialistischen Zusammenarbeit seitens der Regierung, um ihre Interessen zu wahren und das Land gleichzeitig in einem quasi protektoratähnlichen Kontext weiter zu regieren? Derzeit sind weder ein Übergang noch kurzfristige Wahlen geplant. Mittelfristig gehen jedoch alle davon aus. Ist eine nationalistische Reaktion seitens der Machthaber möglich? Auf jeden Fall vertieft das gerade verabschiedete neue Gesetz für die Öl- und Gasindustrie erheblich das, was Maduro in den letzten Monaten begonnen hatte, und stellt die Souveränität des Staates über die Ressourcen sowie die Ausrichtung der bolivarischen Verfassung von 1999 radikal infrage – zugunsten der US-amerikanischen multinationalen Unternehmen. Das ist ein historischer Rückschritt! Unter diesen Umständen stellt sich die zentrale Frage, inwieweit die unteren Schichten in der Lage sein werden, sich autonom neu zu organisieren, sich der Vormundschaft Trumps zu entziehen und in diesem neuen Kontext nach Jahren enormer materieller Unsicherheit und autoritärer Tendenzen eine echte Demokratisierung des Landes zu fordern.
* Franck Gaudichaud ist Doktor der Politikwissenschaft. Im Jahr 2005 schloss er seine Doktorarbeit über die chilenische Volksbewegung an der Universität Paris 8 unter der Leitung von Michael Löwy ab. Derzeit ist er Professor für Lateinamerikastudien an der Universität Toulouse in Frankreich.
- 1. Dieses Gesetz wurde kurz nach der Veröffentlichung dieses Interviews, am 20. Februar 2026, in zweiter und letzter Lesung einstimmig vom Parlament verabschiedet (Anmerkung des Übersetzers).
- 2. Hier stand, dass Ratcliffe in Caracas ausgezeichnet wurde. Diese Information zirkulierte zum Zeitpunkt des Interviews in den sozialen Medien. Die venezolanische Regierung dementierte sie jedoch später und Faktencheck-Portale bestätigten, dass sie falsch ist. Deshalb wurde sie aus dieser Übersetzung entfernt (A. d. Ü.)

