"Das Leben in Kuba ist zur Zeit die Hölle"

amerika21 sprach mit dem deutsch-kubanischen Schauspieler und Schriftsteller Aciel Martínez Poll über den Alltag in Kuba, die Doppelmoral der westlichen Welt und die Solidarität aus Deutschland

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Aciel Martinez Poll ist deutsch-kubanischer Schauspieler und Autor
Aciel Martinez Poll ist deutsch-kubanischer Schauspieler und Autor

Thorben Austen: Sie haben kürzlich das Buch "Leben in Kuba: Im Würgegriff der US-Hegemonie und das Schweigen der moralischen Lämmer" veröffentlicht. Wie ist das Alltagsleben in diesen Monaten in Kuba?

Aciel Martínez: Hölle. Ich würde es gerne anders nennen und es ist keine Böswilligkeit gegenüber Kuba oder kubanischen Politikern. Ich bin 1990 in Nuevitas in der Provinz Camagüey geboren und daher als Kind in der sogenannten Spezialperiode nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Kuba aufgewachsen, aber das ist nichts gegen das, was heute in Kuba passiert. Meine Großmutter väterlicherseits lebt abgelegen in Kuba, Medikamente kommen nicht an, technischer Bedarf kommt nicht. Menschen fehlen lebensnotwendige Medikamente, Operationen können nicht durchgeführt werden. Kuba hat ein gutes Gesundheitssystem und die Kindersterblichkeit war immer eine der niedrigsten auf dem Kontinent. Jetzt sterben kubanische Kinder wieder, weil Medikamente fehlen, medizinischer Bedarf fehlt, das kann man nur als Hölle auf Erden bezeichnen. Lebensmittel fehlen oder verderben, weil das Land aufgrund des Ölembargos keine Kühlmöglichkeiten hat, und so weiter. Es ist eine Kette, ein Problem greift in das andere. Aber diese Hölle hat einen Namen, die Ursache ist bekannt, die Blockade der USA, der aber von den anderen westlichen Staaten schweigend zugesehen wird. Es ist eine Grausamkeit, aber eine bewusst herbeigeführte Grausamkeit. Wenn Russland oder China sowas täten, hätte es schon längst Krieg gegeben.

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Das Buch "Leben in Kuba - Im Würgegriff der US-Hegemonie und das Schweigen der moralischen Lämmer"
Das Buch "Leben in Kuba - Im Würgegriff der US-Hegemonie und das Schweigen der moralischen Lämmer"

TA: Der Untertitel in Ihrem Buch ist, das Schweigen der moralischen Lämmer. Wer schweigt nach Ihrer Auffassung?

AM: Die sogenannte westliche Welt sieht sich in einer moralischen Überlegenheit gegen Staaten, die sie als Kommunismus oder Diktatur tituliert. Sie sieht sich als Hüter von Moral und Menschenrechte und sieht schweigend zu, wie eine Weltmacht ihre politische und ökonomische Macht ausnutzt und seit 60 Jahren ein kleines Land blockiert und den Menschen bewusst Schaden zufügt.

TA: Sie haben Mitte September Ihr Bühnenstück "Der Maßstab der Freiheit" in Freiburg, -im Rahmen eines Solidaritätsabends gemeinsam mit der Partei Die Linke und der Kuba-Gruppe-Freiburg, uraufgeführt. Um was geht es in dem Stück?

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Vinzenz Glaser (MdB, Die Linke) und Martinez vor der Solidaritätsveranstaltung in Freiburg
Vinzenz Glaser (MdB, Die Linke) und Martinez vor der Solidaritätsveranstaltung in Freiburg

AM: Es ist kein reines Theaterstück, es ist eine politische Rede mit Musik. Ich habe mich an einen bestimmten Regelsatz gehalten, um das Publikum zu fassen. Es geht nicht direkt um politische Ziele, sondern darum dem Publikum meine Geschichte, meine Kindheit in Kuba zu vermitteln. Wir wissen alle, was gerade auf Kuba los ist, diese Realität möchte ich vermitteln. Die Darstellung hat verschiedene Ebenen, die politische Ebene wird eher über die Musik dargestellt.

TA: Sie haben eine zehnteilige Reihe von Arbeitspapieren zum Embargo verfasst, unter anderem zur EU-Blocking-Verordnung. Mit dieser Verordnung versucht die Europäische Union ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit gegenüber den Sanktionen der USA zu schützen. Wie verhält sich die EU gegenüber den Sanktionen der USA, speziell seit Januar?

AM: Wir haben uns als Europäische Gemeinschaft abhängig gemacht von den USA, dass wir eigentlich nicht mehr autark agieren können. Man will den Handel mit den USA nicht verlieren, dagegen ist Kuba ein kleiner Markt. Aber die EU hat sich mit der EU-Blocking-Verordnung eigene Richtlinien gegeben, die sie selbst nicht einhält. Das Problem ist aber auch, das wie gesagt die EU abhängig ist, kein eigenes Finanz- oder Bankensystem hat, das unabhängig von den USA agieren kann. Die EU hat selbst eine Reihe von Problemen, bei denen das Verhältnis zu Kuba ein Symptom ist, nicht die Krankheit.

TA: Nochmal zurück zum Buch, in dem Ihre Mutter zu Wort kommt, die nicht an "die Blockade als Ausrede" glaubt. Was müssen Regierung und Gesellschaft in Kuba tun, um aus eigener Kraft die Lage im Land zu verbessern?

AM: Seit der Revolution hat die Regierung vieles richtig gemacht. Kuba hat die besten Universitäten, die besten Schulen, die besten Ärzte in Lateinamerika. Der Staat hat sich um die Menschen gekümmert. Das hatte aber auch zur Folge, dass die Menschen sehr abhängig vom Staat geworden sind. Bis 1991 war das kein Problem. Trotz der Blockade funktionierte unsere Wirtschaft, es wurde alles geliefert, es war alles vorhanden. Das Problem begann erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Handelspartner. Da wurde in der Wirtschaftspolitik versäumt, Kapital ins Land zu holen, trotz vorhandener starker wirtschaftlicher Partner wie Vietnam und China. Ich rede nicht von Kapitalismus, aber von der Öffnung für Investitionen, auch für Kubaner im Ausland. Es geht nicht darum, dass die sozialen Leistungen, die in Kuba für alle zur Verfügung stehen, reduziert werden sollen, aber das muss finanziert werden. Ein anderes Problem ist der geringe Ertrag in der Landwirtschaft. Aktuell werden Lebensmittellieferungen blockiert und Lebensmittel können wegen der Energieblockade nicht weiter verteilt werden, da verstehe ich das Versorgungsengpässe auftreten, aber Kuba verfügt über viel Land, das nicht genutzt wird. Ich denke, hier ist mehr Selbstständigkeit notwendig, auch wirtschaftliche Reformen, ein Steuersystem. Wo das hinführt, das müssen die Menschen in Kuba selbst entscheiden. Es gibt aber zum Teil auch Unklarheit und fehlende Transparenz, was mit dem Geld passiert, das der Staat einnimmt. Und ich sage genauso deutlich: Es gibt in Kuba politische Gefangene. Nach dem 11. Juli 2021 (Proteste, die während er Coronapandemie in mehreren Städten Kubas stattfanden, amerika21) wurden Hunderte Menschen verurteilt, weil sie für Strom und Essen auf die Straße gegangen sind, und das Strafgesetzbuch von 2022 bestraft Aufruhr mit bis zu dreißig Jahren oder dem Tod. Wer nur die Blockade nennt, verrät diese Menschen, und wer nur Havanna nennt, verrät das Kind in Camagüey, das auf ein Hörgerät wartet. Ich nenne beides, sonst glaubt man mir den Rest nicht.

TA: Ich war im August in Kuba und habe zu diesem Aspekt der geringen landwirtschaftlichen Produktion und anderen Problemen mit vielen Menschen gesprochen. Mehrere Gesprächspartner sagten zum Thema der Landwirtschaft, dass dies zum einen einer Politik geschuldet ist, die seit der Revolution eher das Leben in der Stadt gefördert hat. Und es sei die "Kehrseite" der guten Bildungsmöglichkeiten, wer studieren kann, will nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten.

AM: Das Problem ist doch die Frage von Angebot und Nachfrage. Wie ich sagte, wir haben seit Jahrzehnten die besten Universitäten Lateinamerikas, aber was machst du mit den ganzen gut ausgebildeten Fachleuten, wenn es keine adäquaten Arbeitsstellen gibt? Wir haben die besten Ärzte der Welt, aber wir können sie nicht gut bezahlen. Da darf man sich nicht wundern, wenn die Menschen weglaufen. Daher denke ich, wir brauchen Investitionen, zum Beispiel in die veraltete Zucker- und Tabakindustrie, und das geht halt nur über ausländische Investitionen. Diese Investitionen sind notwendig, gerade wenn Kuba die sozialen Leistungen wie kostenlose medizinische Versorgung für alle erhalten will. Ich denke, wohin Kuba wieder zurückkehren muss ist der Blick nach vorne. Das Kuba von Fidel, die große Identifikationsperson, der er war, gibt es nicht mehr. Das heißt aber nicht, dass der Blick nach hinten gerichtet ist. Der Blick muss nach vorne gerichtet werden. Entscheidungen müssen getroffen werden, die das Land vorwärtsbringen.

TA: Es heißt, Kuba als ursprünglich sehr sicheres Land, leide mittlerweile unter einer Welle der Kriminalität. Ist das zutreffend?

AM: Es haben sich Dinge geändert. In meiner Kindheit in Kuba haben wir die Türen nicht abgeschlossen, jeder konnte in die Häuser rein und raus. Das überlegen sich Menschen heute zweimal.

TA: Sie haben in diesem Jahr mit Hilfsprojekten unter dem Motto "Helfen statt Blockieren" begonnen. Welche Arbeit verrichten Sie dort und wie können Menschen in Deutschland die Menschen in Kuba unterstützen?

AM: Ich habe versucht, einem Krankenhaus in der Provinz Camagüey zu helfen, und bin dabei an einer Wand aus Höflichkeit gelandet: Ein Pharmaunternehmen, Banken und ein deutsches Ministerium haben nie Nein gesagt, aber auch keinen Weg geöffnet. Die Banken fürchten die US-Sekundärsanktionen, obwohl europäisches Recht genau diese Furcht verbietet. Auf dem Abend in Freiburg wurden 1.500 Euro für Energieversorgungsprojekte in Kuba gesammelt. Ich liefere seit Januar Solaranlagen für Krankenhäuser, Medizintechnik und Lebensmittel in die Provinz Camagüey, in der ich aufgewachsen bin, in Zusammenarbeit mit der kubanischen Botschaft. Es gibt in Deutschland viele gute Initiativen und Solidaritätsprojekte, die sehr gute Arbeit leisten. Diese Initiativen und Projekte können durch aktive Mitarbeit oder durch Spenden unterstützt werden. Wer etwas tun will, kann auch etwas tun.

* Aciel Martinez Poll, geboren am 10. August 1990 in Nuevitas, Provinz Camagüey Kuba, lebt seit 2001 in Deutschland. Martinez ist ein deutsch-kubanischer Schauspieler, Musicaldarsteller, Regisseur und Autor. Er ist Mitglied im Bundesverband Schauspiel und lebt in Stuttgart. Am 1. September erschien sein Buch "Leben in Kuba: Im Würgegriff der US-Hegemonie und das Schweigen der moralischen Lämmer".