Argentinien: Ein Zeugnis gegen das Vergessen

Ehemalige Gefangene der argentinischen Diktatur haben ein Buch über ihren Widerstand in der Haft geschrieben. Nun ist es in der Schweiz auf Französisch erschienen

Von 1974-1979 schmorten über 1.000 politische Gefangene in der Strafanstalt Coronda, rund 400 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires. Jahrzehnte nach der argentinischen Diktaktur schrieb ein Kollektiv ehemaliger Gefangener ein eindrückliches Zeugnis über den Widerstand und die Solidarität im Gefängnisalltag nieder. Nun ist das Buch unter dem Titel "Ni fous, ni morts" (Weder verrückt noch tot) auf Französisch in der Schweiz erschienen.

"Sofern ihr hier rauskommt, dann verrückt oder tot." Diese Ansage von Gefängnisdirektor Adolfo Kushidonchi an die politischen Gefangenen bringt auf den Punkt, was das Ziel der Haft in Coronda war: Den Willen der Gefangenen zu brechen und sie mental zu zerstören. Nebst der psychischen und physischen Folter lastete eine große Ungewissheit auf den Insassen. Sie wussten nie, wie lange sie noch eingekerkert bleiben würden: ein Jahr, fünf Jahre oder bis zum Tod?

Um nicht, wie Kushidonchi prognostiziert hatte, "verrückt" zu werden, organisierten sich die Gefangenen trotz Isolation als Kollektiv. So bauten sie ein Kommunikationssystem mit Gebärdensprache und Klopfzeichen auf. Wenn die Luft rein war, sprachen die Gefangenen über die offenen Fenster oder durch die Abwasserrohre miteinander. Sie erzählten sich Geschichten, Filme oder erteilten einander gar Unterricht.

Dies alles war strengstens verboten. Wen die Wärter erwischten, der wurde schlimm verprügelt und zur Strafe wochenlang in einem finsteren Verlies isoliert. Um dieses Risiko zu verkleinern, bastelten die Häftlinge ein winziges "Periskop". Als Material dienten ein Besenhalm, zu einer Teigmasse geformte Brotkrümel und Glassplitter. Mit der Flamme eines Zündholzes wurde das Glas geschwärzt, damit es als Spiegel funktionierte. Die Teigmasse wiederum diente als Klebstoff und Halterung. Mit dem Halm durch die Ritzen oder Luftlöcher der Zellentüre geschoben, wurde das "Periskop" zum Instrument, um den Gang vor der Zelle zu überwachen. So konnten die Mitgefangenen ihren "Aktivitäten" nachgehen, während andere im Turnus die Lage observierten und die anderen rechtzeitig warnen konnten, wenn ein Wärter auftauchte.

Diese und viele andere Anekdoten aus dem alltäglichen Widerstand gegen ein zerstörerisches Gefängnisregime finden sich in "Ni fous, ni morts". Der solidarische Zusammenhalt, zu dem auch eine Portion schwarzer Humor gehörte, half, die Qualen von Isolation und Folter zu ertragen. Doch die Erzählungen zeugen auch von großem Leiden, etwa wenn ein Häftling starb, weil ihm eine medizinische Behandlung versagt blieb.

In Argentinien spielte das Buch (Originaltitel auf spanisch Del otro lado de la mirilla) eine wichtige Rolle bei der juristischen Aufarbeitung der während der Militärdiktatur begangenen Verbrechen gegen die Menschheit. So traten ehemalige Gefangene, die sich zur Vereinigung El Periscopio zusammengeschlossen hatten, im Prozess gegen die Gefängniskommandanten als Zeugen auf. Diesem Gerichtsverfahren ist im Buch ein zusätzliches Kapitel gewidmet, und es schließt mit einer Genugtuung: Im Mai 2018 verurteilten die Richter den Peiniger Adolfo Kushidonshi zu einer Haftstrafe von 22 Jahren.

Weiterführende Informationen sowie ein kurzer Dokumentarfilm über das Gefängnis Coronda finden sich auf der Webseite www.nifousnimorts.com. Spezialpreis von 25 Franken (plus Portokosten von vier Franken) unter der Mailadresse: info@nifousnimorts.com bestellen.

Ni fous, ni morts. Prisonniers politiques sous la dictature argentine. Coronda, 1974-1979.
Collectif (El Periscopio). Editions de l’Aire, Vevey, 2020.

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