Jede imperiale Intervention fällt wie ein Bumerang auf ihre Urheber zurück

Kriege in der neuen geopolitischen Ordnung und die Rolle Lateinamerikas

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Lateinamerika ist für die USA von entscheidender Bedeutung. Trumps Behauptung, dass „sie uns nicht brauchen“, ist völlig absurd
Lateinamerika ist für die USA von entscheidender Bedeutung. Trumps Behauptung, dass „sie uns nicht brauchen“, ist völlig absurd

Am Ende des zweiten Treffens zur politischen Schulung ‚Stürme des Volkes‘ (Vientos del Pueblo) hat Huella del Sur mit Claudio Katz über die dort aufgeworfenen Themen gesprochen

Warum misst du der Verschärfung der Kriegsspannungen in der aktuellen Weltlage so große Bedeutung bei?

Meiner Meinung nach ist die Militarisierung die zentrale Tatsache der globalen geopolitischen Lage. Viele Länder bereiten sich auf Krieg vor, eindrucksvoll zu sehen etwa in Europa, wo das seit Jahrzehnten nicht mehr vorkam. Mit dem Ukraine-Konflikt hat die Nato den Einsatz erhöht. Sie versuchte, Raketen zu installieren, Russland reagierte mit der Invasion und Europa vollzog eine schwindelerregende Wende hin zu massiven Kriegsausgaben. Sogar die Wiedereinführung der Wehrpflicht wird im Rahmen einer unvorstellbaren Aufrüstung Deutschlands erwogen. Diese Welle der Militarisierung zeigt sich in voller Ausprägung in Palästina. Dort erleben wir einen qualitativen Sprung, eine Form des Krieges, wie sie seit dem Nazismus nicht mehr zu sehen war. Dort gibt es einen Völkermord, ethnische Säuberungen, geplante Massaker, vorsätzlich herbeigeführte Hungersnöte und Staatsterrorismus. Anders als in der Vergangenheit handelt es sich um ein Massaker, das sich vor den Augen der gesamten Welt vollzieht.

Israel setzt den Nahen Osten in Flammen und bricht dabei alle Kriegsregeln, vor allem bezüglich der Verhältnismäßigkeit der Repressalien mit wahllosen Bombenangriffen auf die Zivilbevölkerung und ein Verhältnis von Toten von sechzig zu eins. Mit der mafiösen Ermordung von Führungspersonen und Regierungsmitgliedern hat es die Regeln eines bewaffneten Konflikts gebrochen. Und mit seinen Angriffen auf Diplomaten hat es jeglichen Verhandlungsspielraum zerstört.1

Aber ist diese Extremform der Kriegstreiberei nicht eine spezifische Besonderheit des Zionismus?

Ja und nein. Einerseits unterscheidet sich Israels Kolonialismus vom gewöhnlichen Kolonialismus einer Metropole, die unterworfene Nationen unterdrückt, so wie es England oder Frankreich in der Vergangenheit in Afrika oder Asien taten. Israel setzt auf einen Siedlerkolonialismus, der auf der Beseitigung der einheimischen Bevölkerung und ihrer Ersetzung durch Einwanderer basiert und das Modell der Ausrottung wiederholt, das die Geburt der USA besiegelt hat. Anstatt sich die einheimische Arbeitskraft zu untertan zu machen, vernichtet es sie. Daher agiert Israel mit einem beispiellosen Maß an struktureller Gewalt. Es muss den Palästinensern eine Nakba nach der anderen auferlegen.

Aber Israel handelt nicht allein. Es erfüllt eine ko-imperiale Funktion in der gesamten Region des Nahen Ostens als Arm der USA, weil es durch die zionistische Lobby mit der inneren Struktur der ersten Weltmacht verflochten ist. Israel ist ein Instrument der US-Strategie, den Nahen Osten durch Herrschaft über die Gemeinschaften und Aneignung der Ressourcen umzugestalten. Der Imperialismus zielt darauf ab, das Öl dieser Region zu verwalten, Russland und China in die Knie zu zwingen, die regionalen Mächte einzudämmen und die Völker zu unterwerfen, die im Arabischen Frühling aufgebrochen sind.

Diese Form von höchst zerstörerischem Krieg, den Israel betreibt, ist eine Fortsetzung der US-Invasionen, die in Afghanistan begannen, sich im Irak fortsetzten, sich nach Libyen ausweiteten, Syrien ausbluten ließen, den Libanon in Schach hielten und den Iran bedrohen. Diese Kriege verursachten die Katastrophen, die jetzt in Gaza ein apokalyptisches Ausmaß erreicht haben. Die Vereinigten Staaten zerstörten Länder und zertrümmerten Gesellschaften, wobei sie den Völkermord durch Israel vorwegnahmen. Und diese imperiale Aggressivität ist inhärent, denn sie versucht, dem eigenen wirtschaftlichen Niedergang mit geopolitischen Aggressionen und militärischen Interventionen entgegenzuwirken.

Mit gewöhnlich nachteiligen Ergebnissen...

Genau, und das ist ein zusätzliches Problem, denn der Imperialismus verursacht diese Zerstörungen, ohne die Vorherrschaft wiederzuerlangen. Und diese negativen Ergebnisse veranschaulichen, wie der Chaos-Imperialismus alle Konflikte verschärft. Jede imperiale Intervention fällt wie ein Bumerang auf den Betreiber zurück. Deshalb erleben wir einen neuen Kalten Krieg, der weitaus aggressiver ist als sein Vorgänger. Die Vereinigten Staaten hatten in der Vergangenheit eine wirtschaftliche Überlegenheit gegenüber der Sowjetunion, die sie derzeit gegenüber China nicht haben, und diese missliche Lage gleichen sie durch verstärkten Militarismus aus.

Ich glaube, dass alle dominanten Kreise der amerikanischen Elite darin übereinstimmen, mit dieser Entfaltung von Kriegstreiberei dem wirtschaftlichen Niedergang entgegenzuwirken. Es ist das einzige Mittel, das sie haben, und aus diesem Grund sind die Demokraten und Republikaner sich darin einig, Russland feindlich zu behandeln und China unter Druck zu setzen.

Sie verfolgen die gleiche Politik, allerdings mit starken Unterschieden bezüglich ihrer Umsetzung. Die Neokonservative bevorzugen einseitige Interventionen, ohne Rückhalt durch globale Organisationen und ohne ideologische Rechtfertigung. Im Gegensatz dazu bevorzugen die Globalisten, mit dem Konsens ihrer Verbündeten, der Unterstützung der Weltorganisationen und einem abgegriffenen Diskurs über die Demokratie zu handeln.

In den letzten Jahren haben sich die Neokonservativen gegen die liberalen Falken durchgesetzt, aber es kam auch zu einem neuen Ansatz durch Trump, der wirtschaftlich mit dem US-amerikanischen Protektionismus und politisch mit einem pragmatischen Realismus eine dritte Option ausprobiert.

Trump schlägt eine differenzierte, dreigleisige imperiale Strategie vor. Im Nahen Osten fördert er, dass Israel die vollständige regionale Führung übernimmt und westliche Verbündete wie Ägypten und Saudi-Arabien unter Kontrolle hält. In Europa begünstigt er ein Kriegsumfeld, damit England, Frankreich und Deutschland Russland feindlich begegnen und neutralisieren. Und in Asien wiederum strebt er an, dass die Vereinigten Staaten mit freien Händen agieren können, um den militärischen Druck auf China zu erhöhen, während sie versuchen, ihre wirtschaftliche Vormachtstellung zurückzugewinnen.

Du erwähntest, dass dieser Kurs dazu tendiert, die Kriege in gegensätzliche Blöcke zu bündeln. Welche Auswirkungen hat dieser Weg?

Es zeigt sich, dass Konflikte unterschiedlicher Herkunft dazu neigen, in gegensätzlichen Allianzen zu verschmelzen. Zwei Kriege, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, in Osteuropa und im Nahen Osten, sind nun in dem Maße miteinander verknüpft, wie die Ukraine ihre Beziehungen zu Israel festigt und gleichartige Aktionen durchgeführt werden. Die spinnennetzartige Sabotageaktion gegen Flugzeuge in Russland folgte beispielsweise dem gleichen Muster wie der Überfall Israels auf den Iran.

Die Doktrin der permanenten Offensive, die den US-Imperialismus antreibt, bestimmt diese Neuordnung. Mit Feindseligkeit und Sanktionen brachte sie Russland dazu, sich von Europa abzuwenden und sich China anzunähern. Im Nahen Osten bringt sie alte westliche Verbündete wie Saudi-Arabien dazu, mit China zu verhandeln und Verteidigungspakte mit Pakistan zu schließen.

Ich glaube, dass sich gewisse Parallelen zu der Situation vor dem Zweiten Weltkrieg abzeichnen, wo die Achse der Aggressoren, bestehend aus Deutschland, Japan und Italien, jetzt von der Koalition aus den Vereinigten Staaten, Israel und der Nato gebildet wird. Und die damals aus England, Frankreich, den Vereinigten Staaten und der UdSSR bestehende defensive Achse formiert sich jetzt um China, Russland und die Brics. Wenn sich diese Tendenz konsolidiert, wird sie auch den Charakter der laufenden Kriege verändern, da man sie in Bezug auf globale, gegensätzliche Blöcke interpretieren muss.

Es sollte außerdem klargestellt werden, dass eine Wiederholung des Zweiten Weltkriegs nicht unvermeidlich ist und die Vorhersagen über einen Dritten Weltkrieg bislang sehr abenteuerlich sind, da zwei wesentliche Gegenkräfte wirken. Die erste ist die atomare Abschreckung, die eine paradoxe Begrenzung der Ausbreitung von Kriegen zur Folge hat, und die zweite ist die Möglichkeit, den Angreifer im Voraus zu besiegen und so das Aufflammen des Krieges einzudämmen.

Der Zweite Weltkrieg war nicht unvermeidlich. Er hätte aufgehalten werden können, wenn Deutschland und Japan rechtzeitig gestoppt worden wären, und das Gleiche gilt heute. Wenn der US-Imperialismus einen Rückschlag erleidet, mäßigt er seine Offensive und strebt Versöhnung an (wie nach Vietnam); fühlt er sich hingegen gestärkt, greift er an (wie nach dem Zerfall der UdSSR).

Warum hebst du diese Bezüge zur Vergangenheit hervor?

Weil sie für die Strategien der Linken nützlich sind, um zu beurteilen, ob sie eine Position im Sinne ihrer Bezugshorizonte aus dem Ersten oder dem Zweiten Weltkrieg einnimmt. Im ersten Fall handelte es sich vorrangig um einen Kampf zwischen gleichermaßen reaktionären Weltmächten, die sich um die Beute des Weltmarkts stritten und damit das Blut der Völker vergossen. Lenin weigerte sich, Partei für die eine oder die andere Seite zu ergreifen. Er verurteilte beide gleichermaßen und rief zum Kampf für den Sozialismus auf.

Im Zweiten Weltkrieg verlief der Prozess ganz anders. Es gab einen Hauptfeind, nämlich den Nazismus, und vorrangig war das Ziel, ihn zu besiegen. Es formierten sich ein reaktionärer Block – die Achsenmächte – und ein oppositionelles Lager, die Alliierten mit der UdSSR. Die Linke schlug sich auf deren Seite und kämpfte von dort aus für den Sozialismus.

Ich denke, das gegenwärtige Szenario ähnelt eher dem des Zweiten Weltkrieges als dem des Ersten. Es gibt einen Feind erster Ordnung, nämlich den Imperialismus der Vereinigten Staaten, Israels und der Nato. Ich denke, es ist wichtig, diesen Gegensatz zu erkennen und den Fehler zu vermeiden, neutralistische Positionen einzunehmen, von denen aus heute das als ein Streit zwischen gleichermaßen regressiven Mächten angesehen wird und dabei die Tatsache ausgeblendet wird, dass der US-Imperialismus der Aggressor ist.

In deinem Vortrag hast du die Anziehungskraft der Brics erwähnt. Welche Bedeutung misst du ihnen bei?

Ich denke, sie bündeln die großen Umbrüche unserer Zeit. Zunächst versuchten sie, sich in die Globalisierung zu integrieren, doch die Finanzkrise von 2008 begrub diese Möglichkeit und führte zu einem Bruch. Daraufhin ersetzten sie die Strategie, internationale Organisationen zu reformieren, durch die Ausgestaltung eigener Institutionen. Sie haben sich als Block konsolidiert, mit China an der Spitze aufgrund seiner überwältigenden produktiven Vormachtstellung. Der Niedergang der Vereinigten Staaten ist die Haupterklärung für den Aufstieg der Brics.

Sie bilden bereits eine Koalition, die im Streit mit den Diktaten Washingtons ihre eigene Agenda festlegt und eigenständig als defensiver Block agiert. Es handelt sich dabei nicht um einen antiimperialistischen Zusammenschluss wie in Bandung, obwohl sie gewisse Ähnlichkeiten mit der Bewegung der Blockfreien Staaten aufweisen.

Wie ist deine Einschätzung dieses Blocks?

Ich halte es für angebracht, die naiven Idealisierungen der Brics-Staaten zu überwinden und zu beachten, dass sie aus mehreren ultrarechten Regierungen (Indien), despotischen Monarchien (möglicher Beitritt Saudi-Arabiens) oder faktischen Tyranneien (Ägypten) bestehen. Es ist auch problematisch, den Block mit dem Globalen Süden gleichzusetzen, wenn er den geopolitischen Riesen Russland und den Wirtschaftskoloss China einbezieht.

Nachdem ich auf diese Vorbehalte hingewiesen habe, finde ich es wichtig zu betonen, dass die Brics in keiner Weise mit dem westlichen Kapitalismus gleichzusetzen sind. Der Eindruck, dass ihre Volkswirtschaften mit dem Westen verflochten sind und einen transnationalen Block bilden, wurde durch die Krise der Globalisierung und Trumps Wiederaufleben des Protektionismus widerlegt. Und diejenigen, die behaupten, China sei genauso imperialistisch wie die Vereinigten Staaten, übersehen, dass es auf den Einsatz militärischer Gewalt verzichtet. China als imperialistisch zu bezeichnen, verwässert die Bedeutung des Begriffs.

Meiner Meinung nach ist das Wichtigste, dass die Brics keinen kriegerischen Block bilden, und das macht den Unterschied zum Pentagon aus. Wir werden sehen, ob sie es schaffen, der Nato-Kriegstreiberei entgegenzuwirken, aber mit der Eindämmung des imperialen Militarismus und der Abschwächung seiner Überfälle, tragen sie zur Verbesserung der Bedingungen für den Kampf der volksnahen Bewegungen. Bei der Entwicklung dieses Konflikts könnte sich einen politischen Raum eröffnen, um mit anderen Akteuren und Subjekten einen emanzipatorischen Horizont zu schmieden.

Du hast auch die Konzepte genannt, die aufgegriffen werden sollten, um das aktuelle geopolitische Szenario zu verstehen

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Ja, ich schlage vor, einige grundlegende marxistische Konzepte wieder aufzugreifen, da die derzeit gängigen Kriterien unzureichend sind. Die derzeit am häufigsten verwendeten Begriffe sind der hegemoniale Übergang, der Globale Norden und der Globale Süden sowie die Multipolarität. Das sind Begriffe, die zweifellos auf reale, gegenwärtig ablaufende Prozesse verweisen.

Auf wirtschaftlicher Ebene wird der hegemoniale Übergang durch den Niedergang der Vereinigten Staaten sichtbar. Sie sind das Epizentrum der Finanzkrisen und sehen sich mit einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit konfrontiert, die durch die abnehmende Produktivität dieser Weltmacht bedingt ist. Aus diesem Grund neigen die USA dazu, Protektionismus wieder aufleben zu lassen, und scheuen Freihandelsabkommen. Im Gegensatz dazu hat China mit sozialistischen Grundlagen, merkantilen Ergänzungen und kapitalistischen Parametern beeindruckende wirtschaftliche Fortschritte erzielt. Das asiatische Land hat einen Großteil des Überschusses einbehalten, und zwar mit einem Modell, das auf Neoliberalismus und Finanzialisierung verzichtet.

Die Bezeichnungen "Globaler Norden" und "Globaler Süden" ersetzen das frühere Schema der Ersten, Zweiten und Dritten Welt, das bis zur Implosion der UdSSR vorherrschte, und verweisen auf Anzeichen der derzeitigen geopolitischen Neuordnung. Die Multipolarität wiederum deutet auf eine neue Streuung der globalen Macht hin, was durch die Expansion der Brics bestätigt wird. Diese Konzepte sind interessant, aber sie dienen allenfalls der Beschreibung und reichen nicht aus, um den sich vollziehenden Wandel zu erklären.

Meines Erachtens müssen wir erfassen, dass der gegenwärtige Wandel in erster Linie auf die Krise des neoliberalen Kapitalismus zurückzuführen ist. Das globalisierte, prekarisierte, finanzialisierte und digitale Modell, das eine neue Etappe in der Funktionsweise des Kapitalismus einleitete, wurde durch die Ungleichgewichte, die mit dem Finanzkollaps von 2008 zutage traten, ernsthaft ausgehöhlt. Die Inflation und eine unkontrollierte Staatsverschuldung sind zurückgekehrt, in einem Modell, das von beispiellosen sozialen Ungleichheiten geprägt ist.

Die Auswirkungen dieser globalen Widersprüche auf das neoliberale Modell der USA sind weit größer als auf das regulierte Wirtschaftssystem Chinas. Deshalb fand der große wirtschaftspolitische Kurswechsel nach 2008 in Washington und nicht in Peking statt.

Das zweite Konzept, mit dem sich erklären lässt, was abläuft, ist die Aggressivität und Krise des imperialen Systems, das heißt des gesamten Instrumentariums, das von den Großmächten eingesetzt wird, um die Peripherie auszubeuten. Der zeitgenössische Imperialismus unterscheidet sich stark von seinem klassischen Vorgänger im vergangenen Jahrhundert. Er agiert unter dem Kommando der Vereinigten Staaten mit untergeordneten europäischen Partnern und Verbündeten wie Israel, Australien oder Kanada.

In diesem Schema herrscht eine Kriegsneigung der Vereinigten Staaten, die aus der Auflösung der einst bestehenden Gleichwertigkeit von wirtschaftlicher und militärischer Macht resultiert. Sie haben die wirtschaftliche Vorherrschaft verloren, bleiben jedoch die militärische Führungsmacht und versuchen erfolglos, diese zu nutzen, um ihre globale Führungsrolle aufrechtzuerhalten.

Das dritte Schlüsselkonzept ist die Verschärfung der Ausplünderung, unter der der periphere Kapitalismus leidet. Dort wird die Unterentwicklung durch Werttransfers aufrechterhalten, die die Kluft zwischen den Volkswirtschaften, die den Überschuss abziehen, und denen, die ihn empfangen, weiter vergrößern. Es handelt sich um einen Transfer, der durch Produktionsdispositive vollzogen wird, die auf der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte, auf Mechanismen des ungleichen Austauschs im Handel und auf Abkommen über Auslandsverschuldung beruhen, wodurch die finanzielle Ausblutung verstärkt wird.

Der abhängige Kapitalismus geht mit einem wirtschaftlichen Verfall einher, verschärft durch neoliberale Politiken, die den Vorrang des Extraktivismus, die regressive Umgestaltung der Industrie und den Albtraum der Verschuldung intensivieren.

Zusammengefasst: Wenn wir die zugrunde liegenden Trends der Gegenwart erklären wollen, müssen wir unser Studium dieser drei Konzepte vertiefen: neoliberaler Kapitalismus, imperiales System und Abhängigkeit.

Welche Auswirkungen hat diese Konzeption auf Lateinamerika?

Lateinamerika ist für die USA von entscheidender Bedeutung. Trumps Behauptung, dass "sie uns nicht brauchen", ist völlig absurd. Die Tatsachen zeigen genau das Gegenteil. Die Vereinigten Staaten brauchen Lateinamerika mehr denn je bei ihrem Versuch, die globale Vorherrschaft wiederzuerlangen.

Für die USA ist unsere Region nach wie vor ein bevorzugtes Gebiet für Interventionen. Deshalb unterzeichnen sie militärische Abkommen mit rechtsgerichteten Regierungen und wenden die Monroe-Doktrin an, die die ausdrückliche US-Vorherrschaft bedeutet. Nicht nur durch Taten, sondern auch durch Worte. Trump hat keine Skrupel, zu verkünden, dass die Vereinigten Staaten das venezolanische Öl verwalten sollten, und fordert die Rückgewinnung des Panamakanals.

Wie an anderen Orten verursacht jede direkte oder indirekte Intervention der Vereinigten Staaten Zerstörung. Lateinamerika, das nicht von militärischen Konflikten zerrissen ist, sieht sich dennoch schweren Gefahren der Desintegration gegenüber. Haiti liefert bereits das regional wohl eindrucksvollste Beispiel für diesen Zusammenbruch der Gesellschaft. Nach mehreren Zyklen imperialer Intervention wurde die haitianische Wirtschaft zerstört, und der Staat funktioniert nicht.

Unsere Region ist das unmittelbare Feld der US-Konfrontation mit China, und Trump versucht, die beeindruckende Expansion des östlichen Riesen einzudämmen, dem es gelungen ist, bereits 21 der 33 Länder der Region in die Neue-Seidenstraßen-Initiative einzubeziehen. Die USA versuchen, China durch Druck auf die Regierungen der Region zu verdrängen. Es begann mit Panama und setzt sich mit Argentinien fort, wo sie im Austausch für eine finanzielle Rettung die Auslieferung der Wirtschaft an die USA und die Annullierung chinesischer Investitionen durchsetzen wollen, nachdem sie bereits den Rückzug des Landes aus den Brics erreicht haben.

Um diesen Kurs aufzuzwingen, unterstützt Trump ultrarechte Politiker: Bukele, Noboa, Boluarte, Milei, Peña, Bolsonaro. Diese Figuren ordnen sich dem Weißen Haus unter, ohne ein eigenes Wirtschaftsprojekt zu verfolgen. Sie unterstützen lediglich das, was die Vereinigten Staaten verlangen. Sie sind angetreten, um die Auswirkungen von unten kommenden Aufständen zu neutralisieren, um den ersten Zyklus progressiver Regierungen zu begraben und die zweite progressive Welle zu vereiteln. Das ist ihre Priorität.

Die Ultrarechte ist unser Hauptfeind, und ein Sieg über sie ist die Bedingung, um bei alternativen Projekten voranzukommen. Es ist ein täglicher sozialer und politischer Kampf, einschließlich Wahlschlachten in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen. Wir haben einen Präzedenzfall zu unserem Gunsten, denn wir sollten nicht vergessen, dass die erste Trump-Regierung eine konservative Restauration in Lateinamerika versuchte, und diese Absicht auf den Straßen und bei den Wahlen vereitelt wurde. Diese Abwehrreaktion führte zu einer Welle progressiver Mitte-Links-Regierungen, die derzeit in den meisten Teilen der Region bestehen.

Aber wir werden nur vorankommen, wenn wir die Enttäuschungen über die frustrierenden Erfahrungen mit dem Progressivismus "light" überwinden, die letztendlich einen rechten Anstieg nähren. Diese politische Enttäuschung war in Argentinien unter Alberto Fernández besonders traumatisch und führte zur Präsidentschaft von Milei.

Und wie siehst du die umstrittene Situation in Venezuela?

Es scheint mir der wichtigste Prozess in der Region zu sein. Dort wird die wichtigste antiimperialistische Schlacht ausgefochten, weil sich die Vereinigten Staaten des Erdöls bemächtigen wollen. In einem Anfall der Aufrichtigkeit verkündete Trump das offen. Er greift Venezuela an, um die Bildung einer regionalen Achse, die gegen die Ultrarechte agiert, zu neutralisieren und Unasur, Celac und Alba zu zerstören. Jetzt tut er es mit militärischen Provokationen in der Karibik, er greift Fischerboote unter dem lächerlichen Vorwand des Drogenhandels an. Das Ausmaß der Angriffe nimmt zu, weil die venezolanische Rechte bedeutsame Niederlagen erlitten hat.

Die Regierung hat es geschafft, die Einheit zu bewahren und das tragische Ergebnis einer inneren Spaltung zu vermeiden, die wir in Bolivien beobachten. Sie schafft es zudem, mit Sanktionen umzugehen und eine Erholung der Wirtschaft zu erreichen.

Dieser Kontext erleichtert das Wiederaufleben der kommunalen Macht. Es ist eine Art Unterstützung von unten, die entscheidend ist, dem Autoritarismus der Rechten entgegenzutreten. Mir scheint, dass wir es sorgfältig bewerten müssen, weil es darauf hinweisen könnte, wie der Niedergang des liberalen Institutionalismus ein weiteres politisches Kampfszenario erzeugt. Es scheint mir, dass die vereinfachende Alternative "Demokratie oder Diktatur" allmählich durch eine substanziellere Gegenüberstellung zwischen Volksmacht und der Tyrannei der Mächtigen ersetzt wird.

Meiner Meinung nach ist die Kontinuität des Widerstands in Venezuela von entscheidender Bedeutung dafür, dass wir auf der Grundlage von drei Säulen ein anderes Modell für die gesamte Region konzipieren können: Widerstand gegen die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten, Neuverhandlung im Block mit China und Vorrang für die regionale Integration.

Der Kampf gegen die imperiale Herrschaft ist vorrangig, weil wir keine Entwicklungsprozesse in Angriff nehmen können, ohne die politische Souveränität erlangt zu haben. Eine wirtschaftliche Neuverhandlung im Block mit China ist wiederum unabdingbar, um die Rohstoffwirtschaft, den Nichttransfer von Technologien und die Investitionen in nebensächliche Bereiche zu überwinden. Und die regionale Einheit ist die einzige Möglichkeit für fragile periphere Staaten, ihre Stimme geltend zu machen. Eine gemeinsame regionale Aktion ist unerlässlich, um die Entwicklung volksnaher Wirtschaftsprojekte zu ermöglichen, die sich auf die Umverteilung der Staatseinnahmen sowie auf die Schwerpunkte Energie-, Finanz- und Ernährungssouveränität fokussieren.

Schließlich: Was sind die nächstliegenden Wege für die Entwicklung der Linken?

Palästina ist ein Schlüsselthema, das alle Länder angeht und die Basisbewegungen aufrüttelt. In zunehmendem Maße wird die Analogie mit den mobilisierenden Auswirkungen des Vietnamkriegs sichtbar. Eine neue Generation von Aktivisten entsteht gerade auf globaler Ebene im Kampf um die Solidarität mit Palästina.

Die lateinamerikanische Linke reift auch im Kampf gegen die extreme Rechte heran. Sie treibt dabei Foren, Treffen und Kongresse voran, um gemeinsame Aktionen zu koordinieren.

Überall kommen Kampagnen mit Inhalten auf, die sich der Rechten entgegenstellen. Die Rechten begrüßen das Massaker in Palästina, während wir einen Abbruch der Beziehungen zu Israel fordern; sie fördern die Militarisierung, während wir für Verhandlungslösungen eintreten; sie wollen Autoritarismus und wir Demokratie; sie wollen die totalitäre Kontrolle über die Netzwerke, während wir ihre Regulierung und Demokratisierung anstreben. In allen Bereichen tritt dieser Kontrapunkt zu Tage: Sie sind Antifeministen, während wir die erreichten Rechte ausweiten wollen; sie fördern die soziale Ungleichheit, wir hingegen die Besteuerung der Milliardäre; sie fördern den chauvinistischen Nationalismus, wir die internationalistische Solidarität.

Es existiert außerdem ein anhaltender ideologischer Kampf, denn die Ultrarechte beharrt verbissen auf einer kulturellen Konterrevolution, und wir müssen mit ihnen über Theorien, Konzepte, Phrasen und Worte streiten. Sie sind zum Beispiel keine wirklichen Libertäre, denn sie vergöttern den Kapitalismus und blenden aus, dass dieses System eine traumatische soziale Ungleichheit erzeugt.

Aber wenn wir etwas von ihnen lernen müssen, dann ist es die Art und Weise, wie sie ihre Ideen ohne Scham, Zurückhaltung oder Verheimlichung vortragen. Es scheint mir, dass wir mit der gleichen Entschlossenheit unser sozialistisches Projekt und unser kommunistisches Ideal darlegen müssen. Wir werden dann eine mächtige und erneuerte Linke schmieden, wenn wir zum Inhalt und zur Benennung unserer Traditionen zurückfinden.

* Claudio Katz ist ein argentinischer Ökonom, Universitätsdozent und Menschenrechtsaktivist. Er ist außerordentlicher Professor für "Wirtschaft für Historiker" an der Fakultät für Philosophie und Geisteswissenschaften sowie ordentlicher Professor für "Wirtschaft II" an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Buenos Aires.

  • 1. Der Originaltext auf Spanisch wurde vor dem Abkommen über den Waffenstillstand und die Freilassung von Geiseln Mitte Oktober zwischen der israelischen Regierung und der Hamas veröffentlicht. (A. d. Ü.)