Tausende gedenken in Chile der Opfer der Militärdiktatur

Bei dem Marsch in Santiago fordern Organisationen keine Begnadigung für Verurteilte. Redner rufen zu Einheit und weiterem Einsatz für Erinnerung und Rechte auf

memorial_2.jpg

Mahnmal für Opfer der Militärdiktatur
Mahnmal für die Ermordeten und Verschwundenen der Militärdiktatur im Hauptfriedhof von Santiago

Santiago de Chile. Am vergangenen Sonntag hat in der chilenischen Hauptstadt der traditionelle Gedenkmarsch für die Opfer des Militärputsches von 1973 vom Präsidentenpalast in der Innenstadt zum Hauptfriedhof stattgefunden. Die "Mesa de Derechos Humanos por una Vida Digna" und die Coordinadora Nacional de Organizaciones de DDHH hatten zu der Demonstration unter dem Motto "Kein Schritt zurück in Fragen der Menschenrechte, keine Begnadigungen" aufgerufen. Die Dachorganisation der Gewerkschaften, CUT, die Partei Frente Amplio von Expräsident Boric, die Kommunistische Partei Chiles und Studentenvertretungen riefen ihre Mitglieder und Anhänger zur Beteiligung an der Veranstaltung auf.

Es war die erste Demonstration eines breiten Bündnisses mit massiver Beteiligung unter der ultrarechten Regierung von Präsident José Antonio Kast. Auf der Abschlusskundgebung am Eingang des Hauptfriedhofs lobten Vertreter verschiedener Organisationen die hohe Beteiligung, würdigten die Opfer und riefen zu weiterem Widerstand gegen die ultrarechte Regierung und die Politik der Leugnung auf.

Die Redebeiträge von Gaby Rivera Sánchez, Präsidentin der AFDD (Agrupación de Familiares de Detenidos Desaparecidos), Maximiliano Montes von der Studierendenvertretung der Universidad de Chile, Pablo Ruiz, Sprecher der Coordinadora Nacional de Organizaciones Sociales y Derechos Humanos sowie Alicia Lira, Präsidentin der AFEP (Agrupación de Familiares de Ejecutados Políticos), wurden von Liedern aus der Zeit der Regierung der Unidad Popular von Präsident Allende begleitet. Aus der versammelten Menge war spontan die Internationale a capella zu hören. Nach der Kundgebung legten Familienangehörige und Freunde rote Nelken am Mahnmal der Opfer der Militärdiktatur nieder. Dort sind die Namen von 3.079 Menschen zum Gedenken und als Mahnung eingraviert.

Senator Fabiola Campillai, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Senats und Mitglied des Gremiums "Menschenrechte für ein würdevolles Leben" (Mesa de Derechos Humanos por una Vida Digna), nahm ebenfalls an der Demonstration teil. Vor der Presse verurteilte sie entschieden die Bestrebungen, Personen zu begnadigen, die wegen Verletzung der Menschenrechte verurteilt wurden. Eine solche Maßnahme könnte künftige Straflosigkeit begünstigen. Sie kündigte für die kommenden Monate weitere Aktivitäten zu Menschenrechtsfragen an. Vonseiten der jüngeren Generation sprach Maximiliano Montes, Koordinator des Referats für Erinnerungskultur und Menschenrechte der Studierendenvereinigung der Universidad de Chile. Er forderte von der Regierung die Fortsetzung aller Menschenrechtsprogramme ohne Haushaltskürzungen, wie sie bereits von der Regierung angedroht wurden (amerika21 berichtete). Vor allem müsse das nationale Suchprogramm fortgeführt werden, um alle Fälle von gewaltsamem Verschwinden aufzuklären.

Sie schätzen unsere Berichterstattung?

Dann spenden Sie für amerika21 und unterstützen unsere aktuellen Beiträge über das Geschehen in Lateinamerika und der Karibik. Damit alle Inhalte von amerika21.de weiterhin für Alle kostenlos verfügbar sind.

Anlässlich des internationalen "Tags der Opfer des gewaltsamen Verschwindenlassens" am 30. August kommentierten Menschenrechtsorganisationen 1.150 unaufgeklärte Fälle (amerika21 berichtete).

Alicia Lira, Präsidentin der Agrupación de Familiares de Ejecutados Políticos (AFEP), kürzlich mit dem Nationalen Menschenrechtspreis ausgezeichnet, forderte die Beteiligten auf, sich weiter für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen. Dieser Kampf sei Teil vielfältiger gesellschaftlicher Probleme, die zu lösen wären.

Lira sagte wörtlich (Anmerkung der Redaktion: eigene Transkription): "Warum sind wir heute hier? Wir sind hier wegen eines Projektes gegen eine ultrarechte Regierung. Das Thema der Menschenrechte ist nicht nur ein Thema für uns, die Opfer, sondern ein gesellschaftliches Problem. Je mehr wir uns diesen Kampf zu eigen machen, desto mehr werden wir Erfolg haben. Heute sind wir mit der Drohung einer Amnestie für die Täter der sozialen Unruhen konfrontiert. Wir dürfen nicht zulassen und müssen dagegen protestieren, dass diese Amnestie für diejenigen voranschreitet, die Menschen verstümmelt und ermordet haben. Darunter sieben unserer jungen Leute, die aufgrund der ihnen während der sozialen Unruhen zugefügten Verstümmelungen Suizid begingen. Heute wollen wir das Leben und die Einheit würdigen. Das beste Beispiel dafür, wie man dorthin gelangt, ist die "Unidad Popular". Wir müssen in Fragen der Arbeitswelt, des Umweltschutzes, der Menschenrechte und der Mapuche-Gemeinschaften vorankommen. Das werden wir nicht allein schaffen, Genossen. Es geht um das Kollektiv, jenes Kollektiv, das wir mit neuer Kraft beleben müssen. Wir geben die Straße nicht auf gegenüber dieser Regierung, die Probleme mit einer Demokratie hat. Einer Demokratie, mit der wir uns nicht identifizieren können, weil sie so viele Menschenleben gekostet hat. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich diese gewählte Regierung in eine Diktatur verwandelt. Genossen, wir haben eine Aufgabe vor uns. Die beste Würdigung für Allende, die Verschwundenen und politisch Hingerichteten ist die Fahne, die sie zurückgelassen haben. Und ist, unsere Fahne aufzugreifen. Für die Einheit zu kämpfen, unsere Organisationen zu stärken und dort, wo es keine gibt, neue zu schaffen. Denn das ist der einzige Weg, dieses System zu stoppen, vor allem für unsere Jugend. So, liebe Mitstreiter, nehmen wir von hier eine Aufgabe mit. Liebe Freunde, es war mir eine Ehre. Heute haben wir ein Zeichen der Stärke und Geschlossenheit gesetzt. Vielen Dank."