"Streik der Schmerzen": Protest in Guatemala bei angespannter Lage an Universität

Tradition seit 1898. Dieses Jahr Preiserhöhungen und Streit um Rektorwahl. Feuer vor Nationalpalast war laut Aktivisten eine Provokation

huelga.jpeg

Medizinstudenten mit verschiedenen Forderungen in Quetzaltenango
Medizinstudenten mit verschiedenen Forderungen in Quetzaltenango

Guatemala-Stadt/Quetzaltenango. Tausende Studenten der staatlichen San-Carlos-Universität haben sich am traditionellen huelga de dolores (Streik der Schmerzen) in Guatemala an Umzügen beteiligt. Bei dem Protest, der jährlich am Freitag vor Ostern stattfindet, werden soziale Probleme und Korruption im Land angeprangert. Der erste Umzug des huelga de dolores fand am 1. April 1898 statt.

In Guatemalas zweitgrößter Stadt Quetzaltenango zog der Umzug verschiedener Fachschaften von der San-Carlos-Universität zum Stadtzentrum. Auf Plakaten und in Redebeiträgen wurden die aktuelle Regierung um Bernardo Arévalo, der örtliche Bürgermeister Juan Fernando López sowie die politischen Gegner Arévalos um den sogenannten Pakt der Korrupten kritisiert und verspottet.

huelga_agronomia.jpeg

Studenten der Agronomie bei ihrer Ansprache am Parque Central
Studenten der Agronomie bei ihrer Ansprache am Parque Central

Eine Sprecherin der Studierenden der Agronomie erklärte am Ende des Umzugs, "die Regierung von Arévalo war nach der Regierung von Alejandro Giammattei, der korruptesten aller Zeiten, mit viel Hoffnung verbunden". Die Bewegung für seinen Amtsantritt im Jahre 2023 sei aber durch "Opportunisten verschmutzt", aktuell habe "Arévalo nicht den Mut, gegen die Erhöhungen der Benzinpreise regulierend einzugreifen". Die "Capuchados" (Vermummte) der Streikkomitees würden immer "an der Seite des Volkes stehen".

In der Hauptstadt Guatemala-Stadt kam es bei dem Protest vor dem Nationalpalast zu einem Zwischenfall. Direkt vor dem Eingang des Nationalpalastes entfachten Teilnehmende des Streiks, die traditionell vermummt auftreten, ein Feuer aus mitgebrachten Pappkartons und Schildern. Nach Medienberichten war die Situation aber nach wenigen Minuten unter Kontrolle, verletzt wurde niemand, am Nationalpalast entstand nur geringer Sachschaden. Laut einem Studentenaktivisten aus Guatemala-Stadt handelt es sich bei dem Vorfall um Provokationen. "Dahinter stecken Anhänger des illegitimen Rektors Walter Mazariegos, der 2022 durch Betrug zu seinem Amt kam. Seine Anhänger sind wütend, weil seine Amtszeit in diesem Jahr endet", erklärte der Aktivist, der anonym bleiben wollte, auf Nachfrage von amerika21.

studenten_fordern_fairen_wahlprozess.jpg

Studenten fordern am Morgen des Streiks der Schmerzen einen fairen Wahlprozess bei den Uniwahlen
Studenten fordern am Morgen des Streiks der Schmerzen einen fairen Wahlprozess bei den Uniwahlen

Die Frage der Neuwahlen des Direktors der ältesten und größten Universität Zentralamerikas war eines der zentralen Themen beim diesjährigen Streik der Schmerzen. Schon vor dem Umzug hatte in der Hauptstadt eine Demonstration einen fairen Wahlprozess bei den anstehenden Universitätswahlen gefordert. Die einzelnen Fachschaften der staatlichen Universität bestimmen Wahlvertreter, die dann in einer Versammlung den Rektor wählen. 2022 waren Wahlvertreter von Fachschaften, in denen die Opposition zu Mazariegos gewonnen hatte, ausgeschlossen worden. Ein Teil der Studierenden spricht daher Mazariegos die Legitimität ab und hielten 2022 und 2023 für Monate mehrere Universitätsstandorte besetzt.

Das Amt des Universitätsdirektors ist von gesellschaftlicher Bedeutung, weil der Wahlrat der Universität einen der fünf Richter des Verfassungsgerichtes bestimmt und der Direktor zusammen mit zwei Dekanen privater Universitäten der Kommission vorsteht, die das Wahlgericht für die allgemeinen Wahlen neu bestimmt. Am Morgen des Streiks der Schmerzen hatten oppositionelle Kräfte an der Universität den Dekan Rodolfo Chang Shum als Kandidaten für die diesjährigen Wahlen gewählt, der die Proteste gegen Mazariegos unterstützt hatte und deshalb 2023 kurzzeitig inhaftiert war.

In der Presse wird kritisiert, dass sich die Streiks in den vergangenen Jahren entpolitisiert hätten. Auch diene der rituelle Protest der eigenen Bereicherung, vor allem in den Großstädten Guatemala-Stadt, Quetzaltenango und San Marcos sei es in der Vergangenheit zu "regelrechten Erpressungen" von Gewerbetreibenden gekommen, Geld an die Streikkomitees zu zahlen. Prensa Libre forderte daher bereits im Februar 2024 in einem Artikel, die traditionelle Vermummung zu untersagen.

Seinen Ursprung hat der Streik der Schmerzen zu Beginn der Amtszeit von Manuel Estrada Cabrera. Zu Jahresbeginn 1898 waren mehrmals Medizin- und Jurastudenten auf die Straße gegangen und hatten bessere Bildungsmöglichkeiten in den Grundschulen gefordert. Die Idee war damals, dass Studierende ihre vergleichsweise privilegierte Stellung ausnutzen sollten, um die "Stimme derer zu sein, die keine Stimme haben". Im gleichen Jahr fand der erste Streik der Schmerzen statt. Während des Bürgerkrieges entwickelte sich aufgrund der Repression die bis heute übliche Vermummung, gleichzeitig radikalisierten sich die Proteste und riefen bei den huelgas teilweise offen zur Teilnahme am Guerillakampf auf.

2010 wurde der "Huelga de Todos los Dolores del Pueblo de Guatemala" (Streik aller Schmerzen des Volkes von Guatemala) auf Initiative des Ministeriums für Kultur und Sport zum nationalen Kulturerbe Guatemalas erklärt.