NYT: Angriff von Ecuador und US-Militär traf Milchfarm statt kolumbianische Drogengang

NYT-Recherche widerspricht der Version aus Quito und Washington. Der von den USA unterstützte Angriff vom 6. März traf einen landwirtschaftlichen Betrieb nahe Kolumbien.

region_amazonica_.jpg

In dieser Gegend an der Grenze zwischen Kolumbien und Ecuador wurde die Farm mithilfe der USA bombardiert
In dieser Gegend an der Grenze zwischen Kolumbien und Ecuador wurde die Farm mithilfe der USA bombardiert

Quito/Washington. Ein Zeitungsartikel sorgt für wachsende Zweifel an der Darstellung der Behörden in Quito und Washington über einen Angriff Anfang März. Ein von den USA verbreitetes Video zeigte damals eine große Explosion und die Zerstörung eines angeblichen Trainingslagers von Farc-Dissidenten in einer ländlichen Region an der Grenze zu Kolumbien (amerika21 berichtete). US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte erklärt, das Militär bombardiere nun "Narco-Terroristen auch an Land".

Am Dienstag veröffentlichte Recherchen der New York Times (NYT) zeichnen jedoch ein anderes Bild. Demnach wurde bei dem Angriff keine Drogenbasis zerstört, sondern eine Rinder- und Milchfarm in der abgelegenen Ortschaft San Martín nahe der Grenze zu Kolumbien. Die Untersuchung stützt sich auf Interviews mit dem Eigentümer der Farm, mehreren Arbeiter:innen, Menschenrechtsanwält:innen sowie Bewohner:innen der Region.

Nach Aussagen von Augenzeug:innen waren ecuadorianische Soldaten bereits Tage vor der Bombardierung vor Ort. Sie seien mit Hubschraubern gekommen, hätten Gebäude mit Benzin übergossen und in Brand gesetzt. Zudem berichten Arbeiter, dass sie verhört, geschlagen und teilweise gefoltert worden seien. Gegenüber NYT zeigten sie ihre Verletzungen.

Drei Tage später, am 6. März, kehrten Militärhubschrauber zurück und warfen offenbar Sprengsätze auf die bereits zerstörten und noch rauchenden Strukturen. Dabei sollen auch die Aufnahmen entstanden sein, die später von US- und ecuadorianischen Behörden als Beleg für einen erfolgreichen Schlag gegen den Drogenhandel verbreitet wurden.

Das Pentagon hatte erklärt, es habe auf Anfrage Ecuadors eine gemeinsame "gezielte Aktion" durchgeführt. Nach Recherchen der NYT beschränkte sich die Rolle der USA auf Unterstützung, unter anderem durch Beratung und den Einsatz eines Hubschraubers.

Über den Tellerrand schauen?

Mit Ihrer Spende können wir Ihnen täglich das Geschehen in Lateinamerika näher bringen.

Die ecuadorianische Regierung hält an ihrer Darstellung fest. In einer in der Presse zitierten Mitteilung erklärte sie, das Gelände sei von einer bewaffneten Gruppe genutzt worden, um Waffen zu verstecken sowie als Trainings- und Aufenthaltsort für etwa 50 Drogenhändlern. Auch Verbindungen zu der kolumbianischen Gruppe Comandos de la Frontera wurden genannt. Belege für diese Angaben legten die Behörden jedoch nicht vor.

Der Eigentümer der Farm und Bewohner:innen der Region widersprechen den Vorwürfen und betonen, dass es sich um einen zivilen landwirtschaftlichen Betrieb gehandelt habe.

Auf Fotos der Journalisten der NYT sind Tierkadaver und zerstörte Äcker zu sehen. Im Interview mit der NYT sagte Miguel, der Besitzer der Farm: "Diese Lüge, 50 Personen zum Training hier. Wo sollen sie denn trainieren. In diesem ganzen offenen Gelände. Das ergibt keinen Sinn." Er fügte hinzu: "Schau, wohin man auch blickt, überall sind Tiere: die Milchkühe, die Kälber, die Pferde." Viele Tiere sind bei dem Angriff umgekommen.

Auch die Alianza por los Derechos Humanos, ein Zusammenschluss von Menschenrechtsgruppen aus Ecuador, reichte eine 13-seitige Beschwerde bei den Behörden und den Vereinten Nationen ein. Sie erklären, dass die Handlungen des Militärs Angriffe auf die Zivilbevölkerung darstellten. "Bis jetzt ist kein einziger Beamter gekommen, um eine Überprüfung durchzuführen", sagte die Menschenrechtsanwältin María Espinosa vor Ort.