Los Angeles/Chicago. Der jüngste Anstieg von Abschiebungen und Razzien durch die US-Einwanderungsbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) hat in mehreren amerikanischen Städten eine neue Welle des Widerstands ausgelöst. In Los Angeles, Chicago und zuletzt Minneapolis reagieren Aktivist:innen und Anwohner:innen mit einer Mischung aus Frühwarnsystemen, direkter Konfrontation und öffentlicher Sichtbarmachung staatlicher Gewalt. Der Widerstand ist tief im Alltag von Communitys verankert. Das Grundgerüst stellen dabei Latino-Organisationen, die oft auf mehrere Jahrzehnte Erfahrung zurückgreifen können.
In Los Angeles stellen die "Hispanics", wie sie in der Amtssprache heißen, die Hälfte der Einwohner:innen und damit die größte ethnische Gruppe mit Dutzenden von Latino-Organisationen. Die Mobilisierung gegen ICE erfolgte unmittelbar nach deren ersten Einsätzen im vergangenen Juni – und informell: über Signal-Chats, Zoom-Strategietreffen und Textnachrichten. Freiwillige überwachten gezielt Gehwege und Parkplätze, etwa vor Baumärkten, wo sich Tagelöhner:innen schon in den frühen Morgenstunden um Lohnarbeit bemühen. Sie alarmierten ihre Netzwerke, sobald ICE-Festnahmen beobachtet wurden. Diese Logik eines zivilen Frühwarnsystems, "Rapid Response" genannt, wurde rasch in andere Städte übertragen. In Chicago, wo ICE im Spätsommer aktiv wurde, hatten Organisationen für Migrant:innenrechte bereits im Vorfeld orangefarbene Trillerpfeifen verteilt. Sie dienen als akustisches Warnsignal, sobald ICE-Agent:innen in einem Viertel auftauchen.
"Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem es ein regelrechtes Handbuch für friedlichen, legalen Widerstand gibt", teilte Joanna Klonsky, eine Medienstrategin der New York Times aus Chicago mit. Dazu gehöre, sagte Klonsky, "Fahrzeugen von ICE und anderer Repressionsorgane mit Trillerpfeifen zu folgen und so laut wie möglich zu sein, um Menschen in der Nähe zu warnen". Öffentlichkeit wird zur Schutzstrategie: Lärm, Präsenz und Sichtbarkeit sollen verhindern, dass Abschiebungen unbeobachtet stattfinden.
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Zugleich spielen Smartphones eine zentrale Rolle. In Minneapolis tauchen bei gemeldeten Festnahmen regelmäßig Nachbar:innen auf, schreien ICE-Beamt:innen an und filmen sie mit ihren Handys. Diese Praxis erinnert an die Black-Lives-Matter-Bewegung, für die die Dokumentation von Polizeigewalt ein zentrales politisches Instrument war. Auch organisatorisch zeigen sich Parallelen: Der Widerstand ist dezentral, das heißt getragen von Netzwerken jenseits klassischer Aktivist:innenmilieus. Er speist sich aus Begegnungsorten, die von "block clubs" (Nachbarschaftsinitiativen auf Straßen- bzw. Häuserblockebene) über katholische Kirchengemeinden bis hin zu WhatsApp- und Instagram-Gruppen von Schüler:innen reichen.
Zweierlei treibt die Aktivist:innen an: der Schutz ihrer Nachbar:innen – oft Menschen ohne gültige Dokumente, aber fest verankert im Arbeits- und Alltagsleben – und der Wunsch, gegen staatliches Vorgehen Widerstand zu leisten. Es bleibe "oft nichts anderes übrig als Widerstand zu leisten", ist immer öfter zu hören. In Townhall-Versammlungen fällt zunehmend der Begriff "Faschismus", und Immigrant:innen etwa aus Honduras oder Iran ziehen Parallelen zur Gewaltpraxis vermummter Paramilitärs in ihren Herkunftsländern.
Besonders zugespitzt hat sich die Lage in Minnesota nach der Erschießung der 37-jährigen Renee Nicole Good durch einen ICE-Paramilitär. Statt den Widerstand zu brechen, wirkt die Tötung bisher aber eher mobilisierend. "Nach dem, was Renee passiert ist, hatte ich das Gefühl, wir hätten nichts mehr zu verlieren", sagt Ashley Lopez aus West St. Paul, die sich seitdem an Patrouillen beteiligt, Trillerpfeifen benutzt und Autohupen als Alarm einsetzt. Ähnlich verstärkte staatliche Repression in Chicago den Protest. "Wenn sie in einem Viertel Tränengas einsetzen, ist es egal, ob man ICE unterstützt oder nicht – man wird trotzdem mit Gas attackiert", sagte Brandon Lee von der Illinois Coalition for Immigrant and Refugee Rights. Solche Erfahrungen hätten die lokale Unterstützung gegen ICE "überall, wo sie auftauchten", verstärkt.


