Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen in Lateinamerika

Proteste in vielen lateinamerikanischen Staaten. Frauenrechtler:innen fordern ein Ende der Gewalt, mehr Prävention und den Schutz von LGBTQI+

internationaler_tag_gegen_gewalt_an_frauen_buenos_aires.jpg

In Buenos Aires protestierten Tausende gegen geschlechtsspezifische Gewalt
In Buenos Aires protestierten Tausende gegen geschlechtsspezifische Gewalt

Buenos Aires/Montevideo/Otavalo. Der Gedenk- und Protesttag am Donnerstag gegen häusliche und sexualisierte Gewalt sowie geschlechtsspezifische Ungleichheit ist zugleich Beginn einer internationalen Kampagne, die am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte endet.

Der Tag wurde ursprünglich eingeführt, um an die Ermordung der Schwestern Patria, Minerva und María Mirabal aus der Dominikanischen Republik im Jahr 1960 zu erinnern. Die drei politischen Aktivistinnen und Mitglieder des "Movimiento Revolucionario 14 de Junio" wurden durch Militärangehörige des damaligen Diktators Rafael Leónidas Trujillo ermordet, ihre Schwester Dedé Mirabal überlebte den Anschlag. 1981 riefen lateinamerikanische und karibische Frauenrechtlerinnen den 25. November zum Gedenktag der Mirabel-Schwestern und anderer Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt aus.

In nahezu allen lateinamerikanischen Ländern protestierten Frauen, Mädchen und Transgender für ihr Recht auf ein gewaltfreies Leben. Demonstrierende machten auf die hohe Zahl von Femiziden, das Verschwinden von Mädchen und Frauen, die Gewalt gegen Transgender sowie die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit im Leben von Mädchen und Frauen aufmerksam. Während der Covid-19-Pandemie hat sich die häusliche und sexualisierte Gewalt nicht nur in Europa, sondern auch in Lateinamerika verstärkt (amerika21 berichtete).

In allen 24 Bezirken Argentiniens fanden Aktivitäten auf symbolträchtigen Plätzen wie dem Plaza de Mayo statt, mit Workshops, Debatten und Ausstellungen. Die Gewerkschaft der Justizangestellten (Sitraju) rief ihrerseits zu einer Demonstration auf der Plaza Lavalle auf, um eine "feministische Justizreform" und ein "Leben ohne Gewalt" zu fordern. Thematisiert wurden außerdem die derzeitigen Nachverhandlungen der argentinischen Regierung über Rückzahlungen eines Rekordkredits mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Dagegen wird zurzeit mit dem Slogan "Die Schuld besteht gegenüber dem Volk, nicht dem IWF“ mobilisiert (amerika21 berichtete).

In einem Kommuniqué des Aktionsbündnisses machen die verschiedenen Initiativen die argentinischen Regierungen und den Staat verantwortlich. Sie prangern die mangelnde staatliche Unterstützung von Opfern häuslicher und sexualisierter Gewalt an. Es sei fatal und gefährlich, dass Betroffene stundenlang in einer Schlange vor einer lokalen Polizeistation warten müssten. Auch die gewaltsame Räumung eines großen Camps in Guernica, Heimat vieler obdachloser Familien in einem Vorort von Buenos Aires (amerika21 berichtete), wird kritisiert.

Die größte Demonstration in Uruguay wurde von dem Colectiva por el 25N, einem Zusammenschluss von 34 feministischen Organisationen, unter dem Motto "Ozeane der Gewalt, Meere des Widerstands" organisiert, das in violetten Buchstaben auf dem Front-Transparent und auf anderen kleineren Transparenten zu lesen war. Die Protestierenden richteten sich konkret an die rechte Regierung unter Präsident Luis Lacalle Pou, der sie Straflosigkeit und eine unzureichende Datenlage hinsichtlich der Gewalt vorwarfen. Schließlich würden die Richter:innen des Obersten Gerichtshofes, die Fälle von Gewalt nur unzureichend verhandeln, vom Präsidenten mit Zustimmung des Senats ernannt.

Einige Redner:innen nehmen Bezug auf eine Ansprache der Ministerin für Wohnungsbau und Raumordnung, Irene Moreira, am Vortag des Gedenk- und Aktionstags. Während einer Veranstaltung des Nationalen Fraueninstituts beging diese einen Faux-Pas und offenbarte ihre Unkenntnis, als sie im Fall der Schwestern Mirabel von "Selbstmorden" statt von Femiziden sprach.

In Otavalo, einer ecuadorianischen Kleinstadt in der Provinz Imbabura mit einem hohen indigenen Bevölkerungsanteil, fand die erste Demonstration eines indigenen Frauenkollektivs im Kontext des internationalen Aktionstages statt. Die Teilnehmenden prangerten die hohe Zahl der von Gewalt betroffenen Mädchen und Frauen im ländlich geprägten Imbabura an. Dem nationalen Statistikinstitut zufolge sind 73,6 Prozent der Frauen über 15 Jahre in der Provinz in irgendeiner Form von Gewalt betroffen. Damit ist sie eine der Provinzen mit der höchsten Rate geschlechtsspezifischer Gewalt.

Im Kommuniqué des argentinischen Aktionsbündnisses heißt es abschließend: "An diesem Tag rufen wir die gesamte Bewegung dazu auf, sich weiterhin zu organisieren und auf der Straße für unsere Rechte zu kämpfen, unabhängig vom Staat und Regierungen. Gemeinsam mit der Jugend, die sich überall auf der Welt gegen Prekarität und Extraktivismus erhebt und die, wie wir, nicht mehr zu verlieren hat als ihre Ketten."

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr