Gefährliche Pestizide: Welle an Neuzulassungen in Brasilien

Globaler Spitzenverbraucher: Etwa 2.300 Pestizide in Brasilien im Einsatz. Expertenberichte über Anstieg der Kindersterblichkeit in Gemeinden, die ihr Wasser aus Sojaanbaugebieten erhalten

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Mit der "Campanha Permanente contra os Agrotóxicos e pela Vida" wehren sich Landarbeiter:innen und indigene Gemeinschaften seit Jahren gegen den Einsatz giftiger Pestizide
Mit der "Campanha Permanente contra os Agrotóxicos e pela Vida" wehren sich Landarbeiter:innen und indigene Gemeinschaften seit Jahren gegen den Einsatz giftiger Pestizide

Brasília. Bei einer öffentlichen Anhörung der Umweltkommission in Brasilien zu den Auswirkungen des Pestizideinsatzes haben renommierte Wissenschaftler:innen den zunehmenden Einsatz von Pestiziden kritisiert. Sie forderten zudem Unterstützung für alternative, umweltverträgliche Praktiken der Schädlingskontrolle.

Senator Fabiano Contarato (Rede-ES), auf dessen Initiative die Debatte einberufen wurde, betonte, dass ländliche Bevölkerungsgruppen wie Kleinbauern und indigene Gemeinden keine Möglichkeit hätten, sich zu wehren, da die Ausbringung von Pestiziden durch Flugzeuge immer noch erlaubt sei. Er verwies auf den zunehmenden Einsatz von Pestiziden, die in der Europäischen Union (EU) und den USA wegen ihrer Neurotoxizität verboten sind. Contarato hat nach eigenen Angaben selbst beobachtet, dass indigene Völker aus Mato Grosso do Sul nach Pestizid-Besprühungen unter Symptomen wie Fieber, Erbrechen, Kopfschmerzen und Durchfall litten.

Dem Senator zufolge geht mit dem explodierenden Pestizideinsatz in Brasilien keine Zunahme der landwirtschaftlichen Produktion einher: Seit 2010 ist der Verkauf von Pestiziden in Brasilien um 43 Prozent jährlich gestiegen, im gleichen Zeitraum wuchs die Anbaufläche für Zwischen- und Dauerkulturen laut Statistik-Institut nur um 20 Prozent.

Seit dem Amtsantritt von Präsident Jair Bolsonaro im Januar 2019 wurde eine Rekordzahl von mindestens 1.257 Pestiziden zugelassen, davon nur 160 auf biologischer Basis für den Einsatz im ökologischen Landbau. Bereits unter seinem Vorgänger Michel Temer wurde seit Mitte 2016 die Zulassung neuer Mittel verdreifacht. Insgesamt sind aktuell etwa 2.300 Pestizide im Einsatz, Brasilien ist damit globaler Spitzenverbraucher.

Viele dieser "neuen" Produkte wurden in der EU bereits vor 20 Jahren aufgrund wissenschaftlicher Belege über ihre schädlichen Auswirkungen auf Mensch und Natur verboten. Diese werden von der brasilianischen Regierung ignoriert. So enthielten 522 von den "neuen" Produkten, die in letzter Zeit zugelassen wurden, Wirkstoffe, von denen 53 in der EU verboten oder nicht einmal zugelassen sind.

Laut dem Atlas "Geografie des Pestizideinsatzes in Brasilien und Verbindungen zur Europäischen Union" der exilierten Forscherin Larissa Bombardi werden 80 Prozent aller in Brasilien verkauften Pestizide im industriellen Anbau von Soja, Mais, Baumwolle und Zuckerrohr eingesetzt. Zu den gesundheitlichen Folgen zwischen 2007 und 2017 gehörten offiziell 41.612 Vergiftungen, unter den Betroffenen 514 Babys.

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Die Dunkelziffer liegt jedoch viel höher: Eine neue, von Forschern der Princeton University, der Getulio Vargas Stiftung und Insper durchgeführte Studie dokumentiert, dass die Verbreitung von Glyphosat in Sojaplantagen zu einem Anstieg der Kindersterblichkeit um fünf Prozent in Gemeinden führten, die Wasser aus Sojaanbaugebieten erhalten. Dies entspricht insgesamt 503 zusätzlichen Todesfällen bei Säuglingen pro Jahr im Zusammenhang mit der Verwendung von Glyphosat im Sojaanbau.

Eloisa Dutra Caldas, Professorin für Toxikologie an der Universität Brasilia, sagte bei der Anhörung, dass die berufsbedingte Exposition gegenüber Pestiziden vor allem für Kleinbauern ernst ist.

Die nationale Koordinatorin der Landlosenbewegung MST, Antônia Ivoneide, kritisierte, dass viele ökologische Kulturen von Kleinbauern durch die Begiftung aus der Luft in umliegenden Monokulturen beeinträchtigt würden. Dies schade wirtschaftlich den ökologischen Erzeugern, die ihre Ernte nicht mehr als solche verkaufen können. Das Versprühen von Giftmischungen aus der Luft verseucht Böden, Flüsse und Grundwasser in kilometerweiter Entfernung.

Mehr als 60 Prozent der in Brasilien zugelassenen Agrarchemie-Unternehmen haben ihren Sitz in China, das wiederum der größte Abnehmer brasilianischer Sojabohnen ist. Nach Ansicht des Agronomen Leonardo Melgarejo nutzten die Geschäftsleute die politische und rechtliche Situation in Brasilien aus: "Es handelt sich um eine Flut von in der EU verbotenen Giften, die unter anderen Namen und in Kombination mit anderen Namen hergestellt werden, ohne dass sie einer Analyse unterzogen werden. Ohne bewertet zu werden, erschienen diese alten Daten als "neu", als "sauberer Datensatz“. China profitiere von den importierten Sojabohnen, auch weil die ausgebrachte Giftmenge tausendmal größer sei als die Menge, die in die Bohnen zurückkomme.

Agrarökologische Forscher:innen wie Regina Sambuichi vom Institut für angewandte Wirtschaftsforschung brachten in der Anhörung vor, dass alternative Beikraut- und Schädlingskontrollmethoden existierten, die weniger oder gar nicht toxisch sind und die gleiche Wirksamkeit hätten. Die einzigen, die an der weiteren Verwendung der derzeit in der Landwirtschaft verbrauchten Produkte interessiert seien, seien ihr zufolge die internationalen Agrarchemiekonzerne.

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