Brasilien: 25 Tote durch Polizeieinsatz in der Favela Jacarezinha

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Personen des öffentlichen Lebens sprechen von einem gezielten "Massaker" beziehungsweise von "außergerichtlichen Hinrichtungen"
Personen des öffentlichen Lebens sprechen von einem gezielten "Massaker" beziehungsweise von "außergerichtlichen Hinrichtungen"

Rio de Janeiro. In Rio de Janeiro hat sich der tödlichste Polizeieinsatz in der Geschichte der Millionenmetropole ereignet. Gegen sechs Uhr vergangenen Donnerstag sind ungefähr 200 schwerbewaffnete Polizist:innen in die Favela Jacarezinho eingedrungen und haben sich über mehrere Stunden Schusswechsel mit Bewohner:innen und angeblichen Mitgliedern der Gruppe "Comando Vermelha" (Rotes Kommando) geliefert. Innerhalb von sieben Stunden kamen dabei 25 Menschen ums Leben. Zwei Personen in einem vorbeifahrenden Zug wurden durch Querschläger verletzt.

Fotos von Leichen und Blutlachen gehen in den Sozialen Netzwerken um. Personen des öffentlichen Lebens sprechen von einem gezielten "Massaker" beziehungsweise von "außergerichtlichen Hinrichtungen". Zum Beispiel der Richter des Obersten Bundesgerichtshofs, Edson Fachin. Nach und nach berichten Anwohner:innen, dass Einsatzkräfte in die Häuser eingedrungen seien, um dort alles zu zerstören, Telefone zu konfiszieren und Menschen einzuschüchtern oder zu ermorden. Ein junger unbewaffneter Mann wurde auf einem Stuhl sitzend erschossen. Alle zogen sich in ihre Häuser zurück, um sich vor den Schüssen zu schützen. Auf den Straßen war außer den Einsatzkräften kaum jemand unterwegs.

In der Folge kam es unter den Bewohner:innen der Favela zu Protest. In Brasilien kommen häufig Menschen durch Polizeieinsätze ums Leben. Die Einsätze, die immer wieder unter dem Deckmantel "Drogenkrieg" stattfinden, hinterließen schon viele zivile Opfer, darunter auch immer wieder Kinder.

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Der Oberste Gerichtshof hatte erst letztes Jahr beschlossen, die Einsätze während der Corona-Pandemie auszusetzen. Einen Monat später drang die Polizei 78 Prozent seltener in die Favelas ein, 70 Prozent weniger Menschen starben bei Schusswechseln. Allerdings nahmen die Einsätze in den vergangenen Monaten wieder stark zu. Im Jahr 2021 gab es bisher über 30 Schießereien, bei denen auch immer wieder Menschen ums Leben kamen. Vor allem arme junge schwarze Menschen werden dabei erschossen.

Bei dem Einsatz am Donnerstag hat die Polizei sechs Personen festgenommen und Drogen sowie Waffen sichergestellt. Die Polizei äußert sich kritisch zu den Vorwürfen. Sie sagt, der Einsatz habe rechtmäßig stattgefunden. Der stellvertretende Polizeichef von Rio de Janeiro, Rodrigo Oliveira, gab zu verstehen, dass es bei den getöteten Menschen nicht um "Opfer" oder "Verdächtige" ginge, sondern um "Kriminelle, Mörder und Drogendealer". Man müsse aufhören, die arme Bevölkerung in Schutz zu nehmen, und anfangen Kriminelle als ebensolche zu bezeichnen. Felipe Curi ergänzte, nur der Tod eines Kollegen sei zu betrauern.

Verschiedene Gruppen fordern nun die Aufarbeitung der Geschehnisse. Deren Ergebnis bleibt abzuwarten. In der Vergangenheit hat sich die Polizei immer wieder erfolgreich gegen Prozesse gewehrt.

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