Kolumbien: Führende Mitglieder der Farc entschuldigen sich bei Opfern

Entführungen seien wichtiges Mittel zur Finanzierung der Guerilla gewesen. Man wolle nun einen Beitrag leisten, dass sich das Land endlich versöhne

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Illustration des Kommuniqués der Farc
Illustration des Kommuniqués der Farc

Bogotá. Hochrangige Vertreter der Farc-Partei , die aus der früheren Guerilla-Organisation Farc-EP hervorgegangen ist, haben öffentlich eingestanden, dass frühere Entführungen ein schwerwiegender Fehler gewesen seien. Sie entschuldigten sich bei der Öffentlichkeit und bei den Opfern und ihren Familien. Als Unterzeichner des Kommuniqués fungieren Mitglieder des früheren Sekretariats der demobilisierten Guerilla, angeführt von Rodrigo Londoño "Timochenko", Pablo Catatumbo, Pastor Alape und Jaime Alberto Parra.

Sie könnten sich den tiefen Schmerz und die Angst vorstellen, den die Söhne und Töchter der entführten Personen ausstehen mussten: "Wir haben ihnen das am meisten Geschätzte weggenommen: ihre Freiheit und ihre Würde", so die acht Vertreter der Partei "Alternative revolutionäre Kraft des Volkes" (Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común, Farc),

Deren Vorsitzender, Rodrigo Londoño, räumte in einem Interview mit W Radio ein, dass das Kommuniqué herausgegeben wurde, nachdem sie die Zeugenaussage der früheren Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt gehört hätten. Er erklärte weiter, dass man auch Minderjährige rekrutiert habe und dass es, neben anderen schwerwiegenden Verbrechen, auch Zwangsabtreibungen gegeben habe.

Die Farc-Senatorin Griselda Lobo erklärte ihrerseits, dass für alle Tatbestände wie beispielsweise Gewalt gegen Frauen, Drogenhandel und die Rekrutierung von Minderjährigen, welche während des Konflikts begangen wurden, die Wahrheit gesucht werden müsse. Das Ziel sei eine versöhnte Nation, "in der alle Platz haben".

Noch vor Wochenfrist wurden die früheren Guerillachefs kritisiert, nachdem Medien berichteten, dass diese in freiwilligen Aussagen gegenüber der Sonderjustiz für den Frieden (Jurisdicción Especial para la Paz, JEP) erklärt hätten, dass es in ihrer Organisation keine Rekrutierung von Minderjährigen gegeben habe.

Für die Farc-EP waren Geiselnahmen eine wichtige Quelle für die Finanzierung des bewaffneten Kampfes. Seitens der Opfer gab es Stimmen, die das Kommuniqué der Farc-Vertreter begrüßten, andere blieben weiterhin sehr kritisch.

Präsident Iván Duque kritisierte die Mitteilung der Farc und erklärte, dass es wichtig sei, dass sie die Wahrheit vor der JEP sage und nicht in einem Kommuniqué. Viele Familien wüssten bis heute nicht, wo ihre Angehörigen seien.

Pater Francisco de Roux, der Präsident der Wahrheitskommission (Comisión de Verdad) erklärte, dass das Kommuniqué der Partei für den Weg Richtung Versöhnung wichtig sei. Es sei klar, dass noch "viele Wahrheiten" fehlen würden. Es sei jedoch das erste Mal, dass die Farc anerkenne, dass es Entführungen gegeben habe, vorher habe sie nur von "Gefangennahmen" gesprochen. Es sei auch wichtig, dass die Farc bereit sei, sich wegen der Entführungen der Justiz zu stellen, dafür zu kämpfen, dass in Kolumbien nie mehr jemand entführt werde und sich für den Frieden der Kolumbianer einzusetzen, so de Roux weiter.

Während des Krieges in Kolumbien, der für viele noch nicht vorbei ist, hat es zwischen 1958 und 2016 laut Nationalem Zentrum für Historische Erinnerung (Centro Nacional de Memoria Histórico), insgesamt 262.000 Tote, 80.000 Verschwundene und acht Millionen vertriebene Personen gegeben. Dazu kommen 37.000 Entführungen, davon werden 8.600 der früheren Guerilla Farc-EP zugeschrieben.

Ehemalige Mitglieder der Farc, die sich seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags demobilisiert hatten, werden immer wieder Opfer von Mordanschlägen. Nach Angaben des Instituts für Friedens- und Entwicklungsstudien Indepaz wurden allein dieses Jahr bis Ende August 43 ehemalige Guerrillamitglieder umgebracht, die das Friedensabkommen mitgetragen hatten.

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