Rio de Janeiro. In der Mittagssonne ging Niara in ihren Gemeinschaftsgarten. Zielstrebig steuerte sie auf den Chaya-Strauch zu, eine Pflanze aus Mittelamerika, deren Blätter wie Spinat gegessen werden. Behutsam pflückte sie Blätter und Stängel, an den Bruchstellen trat ein milchiger Saft aus. Sie hielt die Stängel vorsichtig in der Hand, damit die Blätter auf dem Weg in die Küche keinen Schaden nahmen. Als sie sich zum Gehen wandte, raschelten die Blätter des Strauchs im Wind, als wollten sie, sie sanft grüßen.
Am 18. September ist die indigene Älteste Niara do Sol im Alter von 78 Jahren in Rio de Janeiro gestorben. Die Umstände ihres Todes müssen nach Ansicht von Menschenrechts- und indigenen Organisationen aufgeklärt werden.
Wie das indigene Medium Rádio Yandê berichtet, wurde Niara, mit bürgerlichem Namen Arlinda Barros Silva de Melo, laut Zeugenaussagen am Abend des 16. Septembers im Treppenhaus ihres Wohnhauses angegriffen. Eine Zeuge gibt an, gesehen zu haben, wie jemand an ihrer Tasche riss und sie gegen eine Wand stieß. In der Nacht wurde sie im städtischen Krankenhaus Miguel Couto untersucht und wieder nach Hause entlassen. Am Morgen des 18. September verschlechterte sich ihr Zustand und sie verstarb wenige Stunden später im Hospital Souza Aguiar. Die Sterbeurkunde nennt unter anderem ein Brustkorbtrauma als Ursache. Offen ist, wann es entstand, wer verantwortlich ist und ob Versäumnisse bei der medizinischen Versorgung zum Tod beitrugen. Die in den Aussagen beschuldigte Person bestreitet die Tat. Die Polizei nahm den Fall zunächst nur als leichte Körperverletzung nach einem Streit um den Garten des Wohnhauses auf.
Niaras Umfeld, die Kongressabgeordnete Célia Xakriabá und Rádio Yandê fordern nun, dass wegen eines möglichen Tötungsdelikts ermittelt wird, dass die Zeug:innen geschützt werden und dass auch die medizinische Erstversorgung geprüft wird. Unter dem Hashtag #JustiçaPorNiaraDoSol wird zudem gemahnt, sorgfältig zu ermitteln und dabei auch Geschlecht, Alter und ethnische Zugehörigkeit als mögliche Faktoren zu berücksichtigen.
Ihnen gefällt, was Sie lesen?
Das freut uns. Unterstützen Sie unsere Arbeit. Regelmäßige Spenden helfen uns, das Projekt amerika21 nachhaltig aufzustellen.
Niara do Sol war eine indigene Frau, die den Kariri-Xocó und Fulni-ô angehörte. Sie war bekannt für ihr weitreichendes Wissen zu Nahrungs- und Heilpflanzen, das sie in Universitäten, Museen und Schulen weitergab, sowie für ihren Einsatz für die Rechte indigener Gemeinschaften in der Stadt. Sie lebte mit anderen umgesiedelten Indigenen in der Aldeia Vertical, einem Gebäude der Wohnsiedlung Zé Keti im Zentrum Rio de Janeiros. Hinter ihrer Wohnung pflegte sie den Garten "Dja Guata Porã", Guaraní für "gemeinsam gehen". Dort lernten Besucher:innen und Kinder des Wohnkomplexes viel über Pflanzen wie Kaffee, Baumwolle, Chaya und Maracuja.
Ihr Wissen lebt weiter, wo Menschen pflanzen und kochen, wie sie es praktiziert und gelehrt hat. Ihr Tod verlangt aber Antworten: von der Kriminalpolizei, der Staatsanwaltschaft und dem Gesundheitsamt Rio de Janeiros.
Die Autorin hat mit Niara do Sol während ihrer Forschung über Waldgärten in Rio de Janeiro zusammengearbeitet.

