Die dunkle Seite des Bergbaus in Lateinamerika

Lateinamerika ist mit zwei Dritteln der Fälle im Jahr 2019 die Region mit den meisten ermordeten Umweltschützern

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Protest gegen den Mega-Bergbau in der Provinz Chubut. In allen betroffenen Ländern setzt sich die Bevölkerung dagegen zur Wehr
Protest gegen den Mega-Bergbau in der Provinz Chubut. In allen betroffenen Ländern setzt sich die Bevölkerung dagegen zur Wehr

Am 10. April warf eine Gruppe unbekannter vermummter Männer einen Molotowcocktail, der die Büros des Bergbauunternehmens Agua Rica in Andalgalá in der argentinischen Provinz Catamarca in Brand setzte. Dies geschah während einer Demonstration von Anwohnern, die seit über einem Jahrzehnt jeden Samstag für die Umwelt auf die Straße gehen, immer auf friedliche Art und Weise. Trotz des Mangels an Beweisen und obwohl alles darauf hindeutete, dass es sich um eingeschleuste Provokateure handelte, ordnete ein Staatsanwalt, der für den Bergbausektor arbeitete, die Verhaftung von zwölf Anwohnern an. Die meisten von ihnen waren zwei Wochen im Gefängnis.

Am Tag ihrer Freilassung saßen über 5.000 Kilometer entfernt, in Honduras, acht Personen schon zwischen 20 und 30 Monaten im Gefängnis. Sie sind nach einer Reihe von Protesten gegen ein Bergbauprojekt der Firma Inversiones Los Pinares in Haft. In diesem Fall sind 32 Dorfbewohner, darunter auch ein Toter, als Mitglieder einer illegalen Vereinigung vor Gerichten angeklagt, die zur Untersuchung des organisierten Verbrechens geschaffen wurden.

Die beiden Fälle zeigen eine der dunkelsten Seiten des Mega-Bergbaus in Lateinamerika. Mit unterschiedlichen Graden von Gewalt wiederholen sich die Methoden zur Bekämpfung der fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz großer Bergbauvorhaben: Morde, Verhaftungen, Zwangsumsiedlungen/Vertreibungen, Kriminalisierung, Unregelmäßigkeiten in der Justiz, Sicherheitskräfte mit Polizeibefugnissen und Korruption. Wo es Bergbau gibt, gibt es einen sozialen Konflikt, wird Demokratie zur Fiktion und das Leben verändert sich für immer.

Der gefährlichste Sektor

Laut dem jüngsten Bericht der Organisation Global Witness ist Lateinamerika mit zwei Dritteln der Fälle im Jahr 2019 die Region mit den meisten ermordeten Umweltschützern. Die traurige Rangliste für dieses Jahr führt Kolumbien mit 64 Todesopfern an. Weitere fünf der folgenden sechs Länder sind in der Region: Brasilien (24), Mexiko (18), Honduras (14), Guatemala (12) und Venezuela (8). Der Bergbau war mit 50 Verbrechen der gefährlichste Sektor.

Bis heute hat das Observatorio de Conflictos Mineros de América Latina (OCMAL) 284 soziale Konflikte aufgrund des Mega-Bergbaus erfasst. Die meisten davon in Mexiko, Chile und Peru gefolgt von Argentinien, Brasilien und Kolumbien. Hinter den nackten Zahlen stehen Menschen. Und hinter ihnen eine Familie, eine Gemeinschaft, eine Geschichte fernab von den großen städtischen Zentren und dem demokratischen Leben.

Trotz des Vordringens von chinesischem Kapital und der starken Präsenz britischer Firmen sind nach wie vor mehr als die Hälfte der Bergbauprojekte in der Region im Besitz kanadischer Firmen. Während ihr Premierminister Justin Trudeau gemeinsam mit den USA auf Sanktionen gegen Länder mit schwachen Klimagesetzen drängt, machen die Handelsbeauftragten ihrer Botschaften Lobbyarbeit für Bergbauunternehmen, die mit Gewalt, Korruption und Umweltverschmutzung in Verbindung gebracht werden.

Vergewaltigung und Missbrauch

Exemplarisch ist der Fall der Fénix-Mine am Nordufer des Izabal-Sees in Guatemala, auf Land, das von der Q'eqchi-Maya-Gemeinschaft beansprucht wird. Der Konflikt führte zu drei Klagen vor dem Obersten Gerichtshof in Ontario gegen die kanadischen Unternehmen HudBay Minerals und HMI Nickel sowie deren Tochtergesellschaft Compañía Guatemalteca de Níquel (CGN). Es sind die einzigen Prozesse, in denen kanadische Gerichte Klagen gegen ein lokales Unternehmen wegen Menschenrechtsverletzungen im Ausland zugelassen haben.

Die erste dieser Klagen bezieht sich auf den sexuellen Missbrauch von elf Frauen am 17. Januar 2007 durch Polizei, Militär und Sicherheitspersonal in der Kleidung des Bergbauunternehmens CGN während der Vertreibung von rund hundert Familien aus der Gemeinde Lote Ocho.

Eines der Opfer, Rosa Elbira Coc Ich, berichtete, dass neun Männer in ihr Haus einbrachen, nach ihrem Mann fragten und sie vergewaltigten. Heute ist sie nicht in der Lage, Kinder zu bekommen, möglicherweise wegen der Verletzungen, die sie erlitten hat. Unter den Opfern sind auch schwangere Frauen, die ihre Babys verloren haben.

Im Rahmen des Prozesses mussten die Bergbauunternehmen den Klägerinnen rund 20.000 interne Dokumente aushändigen. "Daraus geht hervor, dass CGN Hunderttausende Dollar an die Soldaten und Polizisten gezahlt hat, um die Vertreibungen durchzuführen", betont der kanadische Anwalt Grahame Russell, Direktor von Rights Action, einer der Nichtregierungsorganisationen, die mit den betroffenen Gemeinden zusammenarbeiten.

In einer weiteren Klage geht es um das Verbrechen an dem Lehrer Adolfo Ich am 27. September 2009, inmitten neuer Räumungsdrohungen. Seine Ehefrau und Klägerin, Angélica Chub, erinnert sich, dass der Sicherheitschef des Projekts, der ehemalige Oberst Mynor Padilla, ihren Mann zum Gespräch zu sich gerufen hatte, aber eine Gruppe von Firmenangestellten begann, ihn zu schlagen, und verschleppte ihn auf das Bergwerksgelände. "Dort angekommen, griff ihn ein Mitglied der Fénix-Sicherheitskräfte mit einer Machete an. Dann ging Mynor Padilla auf ihn zu und schoss ihm in den Hals", heißt es in der Anklage.

Am Ende dieses Tages waren sieben weitere Dorfbewohner durch Schüsse verletzt. Einer von ihnen ist Germán Chub Coc, der seither querschnittsgelähmt ist. Er ist der dritte Kläger vor den Gerichten in Ontario.

Zermürbungsstrategie

Die ebenfalls kanadische Pan American Silver ist ein weiteres typisches Bergbauunternehmen in der Region, das in fünf Ländern vertreten ist. In Mexiko betreibt es zwei Projekte, darunter La Colorada in Zacatecas, die größte Mine der Firma. Es begann 2004 mit dem Betrieb und startete ein Jahrzehnt später einen Expansionsprozess, der einen Landkonflikt mit den Bewohnern des Gebietes auslöste.

Nach zwei Jahren der Drohungen zwang am 13. Januar 2017 das mit Langwaffen ausgerüstete Sicherheitspersonal von Pan American Silver 46 Familien, das Land zu räumen, das ihre Gemeinde seit fast einem Jahrhundert besiedelt hatte. Ihre Häuser wurden zerstört und sie wurden alle in Blechhütten umgesiedelt, die ihnen als Leihgabe gegeben wurden. Diese befinden sich innerhalb eines Wohnkomplexes, der fast wie ein Ghetto funktioniert, 200 Meter vom Eingang der Mine entfernt – inmitten des Lärms der Maschinen und Entlüftungsventile – und mit Draht umzäunt und 24 Stunden am Tag beleuchtet ist, was es schwierig macht, sich auszuruhen.

Die Bewohner prangern an, dass dies alles Teil einer Zermürbungsstrategie ist, um sie zum Verlassen der Gegend zu zwingen, die damit begann, als das Bergbauunternehmen die Angestellten aus der Gemeinde entließ. Die psychologische Folter wird durch eine harte Vorschrift der Firma ergänzt. Die Dorfbewohner versichern, dass sie nicht einmal einen Geburtstag außerhalb ihrer Häuser feiern können und dass nach 23 Uhr kein Lärm mehr erlaubt ist. Sie können auch keine Tiere aufziehen, um sich zu ernähren, und sie haben sogar Vorschriften für die Arten von Haustieren, die sie halten dürfen. Wenn sie ein Möbelstück zerkratzen, werden sie mit 300 Pesos bestraft. Ihnen wurde sogar für über einen Monat das Wasser abgestellt.

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Trotz dieser und anderer Präzedenzfälle, wie der Kontamination rund um die Quiruvilca-Mine in Peru, versucht Pan American Silver in Chubut, im Süden Argentiniens mit dem Projekt "Navidad" (Weihnachten) voranzukommen, und dabei werden ständig demokratische Institutionen untergraben. Das schließt Repression und Verhaftungen ein, eine versteckte Kamera, die einen Abgeordneten aus der Provinz aufnahm ,wie er um Geld für Lobbyarbeit bittet, eine Tonaufnahme einer anderen Abgeordneten, die offenbart, dass Schmiergelder gezahlt wurden, und ein Foto des Handys eines dritten Abgeordneten, der mitten in einer Parlamentssitzung eine Nachricht mit Anweisungen eines Direktors eines Bergbauunternehmens erhielt, um den Inhalt einer Initiative der Bevölkerung zu entstellen.

Das Navidad-Projekt stößt jedoch auf ein Hindernis: In der Provinz Chubut sind nach einer Volksbefragung in der Stadt Esquel im Jahr 2003 der Tagebau und die Verwendung von Zyanid verboten. Es war die zweite Befragung zum Thema Mega-Bergbau in Lateinamerika und nahm als Bezug die beispiellose Erfahrung in Tambogrande, in der peruanischen Provinz Piura, im Juni 2002.

Insgesamt hat OCMAL 39 Volksbefragungen in der Region gezählt, aber sie konzentrieren sich auf nur sechs Länder. Obwohl die Regierungen diese Abstimmungen nicht immer anerkannt haben und manchmal rechtliche Mittel eingesetzt haben, um ihre Ergebnisse zu umgehen, habe viele Volksbefragungen erreicht, dass Projekte modifiziert, verzögert oder sogar gestoppt wurden.

Eine andere Form der direkten Beteiligung ist die vorherige Konsultation, die aber oft eine reine Formalität ist, deren Ergebnisse nicht berücksichtigt werden. Eine ähnliche Situation gab es in Honduras rund um die Konzessionen ASP 1 und ASP 2 von Inversiones Los Pinares, einem der eingangs beschriebenen Fälle. Am 29. November 2019 fand in der Gemeinde Tocoa im Departamento Colón eine offene Bürgerversammlung statt, an der nach offiziellen Angaben etwa 3.500 Menschen teilnahmen, obwohl die Bewohner sagen, dass es viel mehr waren. Trotz der Tatsache, dass die Anwohner die Gemeinde für bergbaufrei erklärten, teilte das Unternehmen mit, dass dies seine Tätigkeit "überhaupt nicht tangiert".

"Das Wasser sah aus wie Tamarindensaft"

Der Konflikt hatte, wie andere in der Region, unter größter Geheimhaltung begonnen, als das Parlament ein Jahr nach der Gründung die Verkleinerung der Kernzone des Nationalparks Montaña de Botaderos in Honduras durchsetzte, um den Weg für den Abbau von Eisenoxid zu ebnen.

"Wir sind auf allen Ebenen gegen eine Wand gelaufen: Gemeinde, Zentralregierung und Unternehmen", erinnert sich Juan Antonio López, ein Bewohner von Tocoa und Vertreter der Opposition gegen das Bergbauprojekt.

Der Auslöser für das dunkelste Kapitel des Konflikts begann im April 2018 während des Baus der Zufahrtsstraßen zum Projekt. Das ist nichts Neues: Es ist üblich, dass die ersten Auswirkungen der Präsenz von Bergbauunternehmen an einem Ort erst zu spüren sind, wenn bereits die Zufahrtsstraßen gebaut werden, und zwar durch den Staub der Explosionen. Ein bekannter Präzedenzfall ist das binationale Projekt Pascua Lama zwischen Chile und Argentinien, bei dem die chilenische Justiz die Arbeiten stoppte, weil sie das Vorhandensein einer Staubschicht auf zwei Gletschern nachwies.

Im honduranischen Fall war der Staub in den Flüssen Guapinol und San Pedro und ihren Nebenflüssen sichtbar. "Das Wasser sah aus wie Tamarindensaft", erinnern sich die Anwohner. Dies mobilisierte auch Gemeinden, die bis dahin nicht protestiert hatten.

Die Anwohner besetzten für zwei Wochen das Gemeindehaus. Sie blockierten auch die Zufahrtsstraße zum Unternehmen und legten den Betrieb lahm. Sie baten um Gespräche mit der Regierung, aber die Behörden forderten sie auf, mit dem Unternehmen zu verhandeln. Sie waren auf ein wirtschaftliches Abkommen zwischen der Bergbaufirma und den Bewohnern aus. "Sie sagten uns sogar, dass der Staat nicht für das verantwortlich sei, was uns passieren könnte", erinnert sich López.

Kriminalisierung der Verteidiger

Während einer der vielen Proteste wurde nach Angaben der Anwohner ein Schuss aus einem Firmenfahrzeug abgefeuert, der einen Demonstranten verwundete. Die Reaktion der Anwohner war die Festnahme des Sicherheitschefs der Mine, der an die Polizei übergeben wurde. Und die Antwort des Staates war brutal: Im September 2018 leitete die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen 18 Dorfbewohner ein.

Die Kriminalisierung war im Gange, aber die Lektion war nicht genug: Im Februar 2019 wurden weitere 14 Personen angeklagt, 32 insgesamt. Sie wurden beschuldigt, sechs Straftaten begangen zu haben, einschließlich Bildung einer kriminellen Vereinigung. Acht von ihnen bleiben in Haft, und fünf weiteren droht eine Inhaftierung.

Die Strategie ist nicht zufällig. Eine kürzlich von Mongabay durchgeführte Untersuchung ergab, dass allein in Peru, Kolumbien, Mexiko und Ecuador 156 Umweltschützer kriminalisiert wurden, 58 von ihnen ‒ die Mehrheit ‒ wegen Konflikten im Zusammenhang mit dem Mega-Bergbau.

Einer der Angeklagten in Honduras ist Juan Antonio López. Die Staatsanwaltschaft sieht ihn als Kopf der Gruppe an, eine Art Drogenbaron im Stile von Pablo Escobar, aber statt illegale Geschäfte zu machen, fordert er nur, dass ein Bergbauunternehmen nicht in einem gesetzlich geschützten Gebiet angesiedelt wird, in dem es 34 Wasserquellen gibt, von denen Tausende Menschen abhängen.

Diese Publikation ist Teil eines journalistischen Projekts unter der Leitung von Periodistas por el Planeta (PxP) in Lateinamerika. Creative Commons Lizenz, mit Angabe der Autor:innen und der Quelle (PxP)

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