Folter und Drohnenangriffe: Militärkooperation zwischen USA und Ecuador

Human Rights Watch legt Bericht vor. Fischerboote und dörfliche Gemeinden betroffen. Verschwundene Personen gemeldet

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Präsident Daniel Noboa treibt die Militarisierung und Zusammenarbeit mit der US-Armee in Ecuador voran
Präsident Daniel Noboa treibt die Militarisierung und Zusammenarbeit mit der US-Armee in Ecuador voran

Quito/Washington. Die Sicherheitskooperation zwischen den USA und Ecuador im sogenannten Kampf gegen den Drogenhandel steht nach einem neuen Bericht von Human Rights Watch (HRW) unter erheblichem Druck. Die Organisation dokumentiert in ihrem aktuellen 94-seitigen Bericht "Una alianza peligrosa" (Eine gefährliche Allianz) schwere Menschenrechtsverletzungen. Diese stehen entweder direkt mit der bilateralen Militärpartnerschaft in Verbindung oder werfen bislang ungeklärte Fragen zur Verantwortung beider Regierungen auf.

Grundlage des Reports sind 62 Interviews mit Betroffenen, Anwält:innen und Zeug:innen sowie die Auswertung von Satellitenbildern, Schiffsortungsdaten, Gerichtsunterlagen und medizinischen Befunden. Konkret geht er auf vier Vorfälle zwischen Januar und März 2026 ein: Eine Militäroperation an der Grenze zu Kolumbien sowie Drohnenangriffe auf Fischerboote nahe den Galápagos-Inseln, bei denen ein Boot mit acht Besatzungsmitgliedern bis heute verschwunden bleibt.

Im ersten Fall geht es um eine Militäroperation im März in der Gemeinde San Martín in der an der Grenze zu Kolumbien liegenden Provinz Sucumbíos, die von ecuadorianischen und US-Behörden öffentlich als gemeinsame Operation bezeichnet wurde. Ecuadorianische Soldaten nahmen vier kolumbianische Landarbeiter ohne Haftbefehl fest. Die Männer berichteten gegenüber HRW, sie seien geschlagen, mit Elektroschocks gefoltert und mit durchgeladener Waffe bedroht worden. "Sie übergossen mich mit Wasser und setzten dann Stromstöße ein", zitiert der Bericht einen Betroffenen. Laut HRW bestätigen medizinische Untersuchungen die Verletzungsmuster.

Drei Tage später bombardierte das Militär die Finca, auf dem die Männer gearbeitet hatten. Die Regierung bezeichnete den Ort als Trainingslager der Comandos de la Frontera, einer Gruppierung mit angeblichen Verbindungen zu Dissidenten der FARC. HRW fand hingegen anhand von Satellitenbildern und Zeugenaussagen keine glaubwürdigen Hinweise darauf. Vielmehr spreche alles für eine funktionierende Milchviehfarm. Zwei weitere, seit Jahren verlassene Holzhäuser wurden ebenfalls niedergebrannt und teils bombardiert. Eine abgeworfene Bombe landete auf kolumbianischem Gebiet ohne zu explodieren. Dies löste einen diplomatischen Zwischenfall zwischen Kolumbien und Ecuador aus (amerika21 berichtete).

Der zweite Komplex betrifft drei ecuadorianische Fischerboote, die zwischen Januar und März nahe den Galápagos-Inseln unterwegs waren. Das Boot Fiorella verlor am 20. Januar mit acht Besatzungsmitgliedern jeden Kontakt. Überlebende berichteten zuvor von einem grauen Patrouillenboot mit US-Flagge in der Nähe. Die Besatzung gilt bis heute als vermisst. Im März wurden zwei weitere Boote, La Negra Francisca Duarte II und Don Maca, nach Angaben von Überlebenden von bewaffneten Drohnen attackiert (amerika21 berichtete). Mehrere Besatzungsmitglieder wurden schwer verletzt, einem Fischer wurde nach eigener Aussage der Fuß von einem Drohnenpropeller aufgeschnitten.

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Die Überlebenden schilderten übereinstimmend, sie seien anschließend von bewaffneten, mutmaßlich US-amerikanischen Militärangehörigen mit US-Flaggenabzeichen an Bord eines blau-weißen Schiffes festgehalten worden. Sie seien gefesselt, mit Kapuzen versehen und stundenlang auf einem heißen Metalldeck festgehalten worden, bevor man sie der salvadorianischen Küstenwache übergab. Erst zehn Tage später kehrten sie nach Ecuador zurück. Das US-Verteidigungsministerium und die Küstenwache bestreiten jede Beteiligung. Zwar konnten weder das Schiff noch die Identität der bewaffneten Personen zweifelsfrei geklärt werden, der Bericht verweist aber auf zahlreiche Indizien für eine mögliche US-Beteiligung.

Noboa hatte im Januar 2024 einen "internen bewaffneten Konflikt" erklärt und seither wiederholt per Dekret verlängert, zuletzt im Juni 2026. Ecuadors Verfassungsgericht bezweifelte mehrfach, dass die rechtlichen Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Gleichzeitig hat die US-Regierung unter Donald Trump nach HRW-Recherchen zentrale Kontrollmechanismen im Verteidigungsministerium geschwächt, etwa durch die Entlassung ranghoher Militärjuristen. Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte angekündigt, US-Streitkräfte sollten ohne "dumme Einsatzregeln" mit "maximaler Tödlichkeit" agieren.

Die USA haben sich unter Noboa zum wichtigsten Verbündeten Ecuadors in der Sicherheitspolitik entwickelt. Die Allianz im "Krieg gegen den Drogenhandel" gerät allerdings zunehmend unter Druck. Bereits in der Vergangenheit gab es vermehrt Vorwürfe über Menschenrechtsverletzungen im Andenstaat. Gleichzeitig bleibt die Mordrate auf einem historisch hohen Niveau. Dennoch hält die Regierung an ihrer harten Linie fest. Bei der Berichtsvorstellung in Washington gab HRW-Amerikadirektorin Juanita Goebertus zu bedenken, dass gemeinsame Militäroperationen zwar "sehr spektakulär im Fernsehen und in sozialen Netzwerken" wirken, für die Zivilbevölkerung seien sie jedoch riskant und im Kampf gegen organisierte Kriminalität wenig wirksam.

Die Warnung reicht inzwischen über Ecuador hinaus. Bei der Berichtsvorstellung richtete Goebertus einen Appell an den designierten kolumbianischen Präsidenten Abelardo de la Espriella, der eine engere Sicherheitskooperation mit den USA angekündigt hat (amerika21 berichtete). Jede Zusammenarbeit müsse auf "klaren Regeln, wirksamer Aufsicht und Menschenrechtsgarantien" beruhen. Wenn organisierte Kriminalität pauschal als Kriegspartei statt als Gegenstand ordentlicher Strafverfolgung behandelt wird, begünstige dies schwere Menschenrechtsverletzungen. Länder, die Geheimdienstinformationen an die USA weitergäben, könnten zudem selbst völkerrechtlich mitverantwortlich gemacht werden, sollten diese in rechtswidrigen Operationen münden, so Goebertus.

Der Bericht endet mit Empfehlungen an die ecuadorianische und die US-Regierungen. So solle Ecuador unter anderem "den ungerechtfertigten Einsatz von Ausnahmezuständen und die Einstufung organisierter krimineller Gruppen als Parteien eines bewaffneten Konflikts" beenden. Die US-Regierung wird aufgefordert, sich in der "Sicherheitszusammenarbeit mit Lateinamerika auf die Stärkung der justiziellen Kapazitäten zu konzentrieren, um eine wirksame Strafverfolgung organisierter krimineller Gruppen zu gewährleisten." Bislang haben weder Quito noch Washington auf die zentralen Fragen des Berichts reagiert.