Santiago. Die chilenische Regierung hat am vergangenen Montag per Dekret die Enteignung der ehemaligen deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad eingeleitet. Präsident Gabriel Boric hatte das Vorhaben bereits im März angekündigt. Ziel der Maßnahme ist es, das Areal in einen Gedenkort umzuwandeln. Während der Pinochet-Diktatur (1973–1990) wurden dort schwerste Menschenrechtsverbrechen begangen.
Die Enteignung umfasst insgesamt 117 Hektar und betrifft zentrale Einrichtungen der Gruppe sowie Bereiche des Geländes, die in direktem Zusammenhang mit den begangenen Straftaten stehen. In den rund sechs Jahrzehnten des Bestehens der Colonia Dignidad haben sich die Behörden Deutschlands und Chiles wiederholt mit dem Verweis auf mangelnde Zuständigkeit ihrer Verantwortung entzogen.
Erst 2016, zehn Jahre nach der Verhaftung des Sektenführers Paul Schäfer, räumte eine deutsche Regierung erstmals ein, ihrer Fürsorgepflicht nicht nachgekommen zu sein. Zwar intensivierten sich seither die Bemühungen um eine bilaterale Aufarbeitung der in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen, doch die Errichtung eines Gedenk- und Erinnerungsortes verlief bislang schleppend.
Das betreffende Gelände wird bis heute von ehemaligen Siedlungsmitgliedern bewohnt und wirtschaftlich genutzt. Derzeit betreiben diese dort unter anderem ein Hotel. Seit 1988 agiert die Gruppe unter dem Namen Villa Baviera.
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In der Colonia Dignidad wurde ein breites Spektrum an Straftaten begangen, die verschiedene betroffene Personen und Opfer hinterlassen haben. Chilenische Kinder wurden zwangsadoptiert, zwischen 1973 und 1990 wurden auf dem Gelände Menschen gefoltert, ermordet oder verschleppt. Deutsche Siedlungsangehörige mussten über Jahrzehnte hinweg Zwangsarbeit leisten, wurden um ihre Sozialabgaben betrogen und schwersten psychischen sowie physischen Misshandlungen ausgesetzt. Einige wurden jedoch auch selbst zu Täter:innen. Sowohl Deutsche als auch Chilen:innen wurden Opfer sexualisierter Gewalt durch Paul Schäfer.
Bislang konnten sich die verschiedenen Betroffenengruppen nicht auf ein gemeinsames Narrativ oder eine kollektive Erinnerung einigen. Die nun beschlossene Enteignung gilt als Entscheidung in einem lange schwelenden Konflikt.
Die chilenische Regierung hat angekündigt, die Maßnahme noch vor den Präsidentschaftswahlen im November abzuschließen. Was dann mit den rund 100 verbliebenen, teils pflegebedürftigen ehemaligen Siedlungsmitgliedern geschehen soll, ist bislang unklar. In einem Statement erklärte die Gruppe, der chilenische Staat mache sie durch die Enteignung "ein weiteres Mal zu Opfern."

