Brasilien: Tödlicher Polizeieinsatz in Rio de Janeiro legt Verkehr lahm

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Von der Polizei sichergestellte Drogen und Waffen in Rio de Janeiro (Screenshot)
Von der Polizei sichergestellte Drogen und Waffen in Rio de Janeiro (Screenshot)

Rio de Janeiro. Bei einem Polizeieinsatz im Komplex Maré im Norden Rio de Janeiros sind am Montag erneut sieben Menschen zu Tode gekommen. Schulen, Krankenhäuser und die in der Nähe gelegene staatliche Universität stellten zur Sicherheit ihrer Mitarbeiter:innen und Schüler:innen die Arbeit ein. Auf drei Hauptverkehrsstraßen der Stadt war der Verkehr zeitweilig unterbrochen.

Bereits in den frühen Morgenstunden verzeichneten Bewohner:innen in der Favela im Norden der Stadt die ersten Explosionen und Schüsse. Das Institut Fogo Cruzado weist auf seiner Website die ersten Schüsse gegen sechs Uhr aus. Einige Anwohner:innen berichten hingegen davon, dass es bereits zuvor zu ersten Schusswechseln gekommen sei.

Die Polizeistelle erklärte nach dem Einsatz, 26 "Kriminelle" seien festgenommen, zudem sieben Gewehre, acht Pistolen sowie etwa eine Tonne Marihuana und mehrere Motorräder und Autos sichergestellt worden. Nach Angaben der Regierung des Bundesstaates Rio de Janeiro handelte es sich um eine "Notoperation" zur Vermeidung einer Auseinandersetzung zwischen befeindeten Gruppierungen.

Insgesamt kamen sieben Personen bei dem Polizeieinsatz zu Tode, 15 weitere wurden verletzt. Unter den Toten befindet sich auch ein 53-jähriger Mann, der kommenden Montag als Hauptzeuge gegen drei Polizist:innen aussagen sollte. Den Polizist:innen wird vorgeworfen, 2005 an der Tötung eines unschuldigen Jugendlichen beteiligt gewesen zu sein.

Via Instagram Live-Video hatten sich 20 der später Festgenommenen der Polizei gestellt. "Wir wollen unser Leben leben. Wir wollen uns stellen, nichts weiter", erklärten sie in dem Video und forderten alle Zuschauer:innen auf, das Video zu teilen. 

Viele der Anwohner:innen üben Kritik an dem erneut tödlichen Einsatz. Über viele Stunden hinweg konnten sie ihre Wohnungen nur unter Lebensgefahr verlassen.

"Ich hatte Angst, weil sie die Autos und Türen meiner Nachbarn zerstörten", erklärte eine junge Studentin, die inmitten des starken Schusswechsels das Haus verlassen musste, um eine Abschlussprüfung abzulegen. Ihre Dozentin hatte ihr zuvor verweigert, einen anderen Termin wahrnehmen zu können.

Der Verkehr rund um Maré war zwischenzeitlich unterbrochen. Der Einsatz weitete sich auf insgesamt drei Hauptverkehrsstraßen der Stadt aus. Auf Social Media zeigen Videos, wie Autofahrer:innen versuchen, sich in ihren Autos oder hinter Absperrwänden vor Querschlägern zu schützen.

Auch das städtische Busunternehmen kritisierte den Einsatz. Insgesamt 50 Buslinien und rund 300.000 Passagiere seien direkt oder indirekt von dem Polizeieinsatz betroffen gewesen. "Wir haben rund 25 Minuten auf dem Boden gelegen, um uns zu schützen", berichtete eine Frau, die sich auf dem Weg zur Arbeit befand, als ihr Bus im Einsatzgebiet zum Stehen kam. "Aus dem Fenster konnte man beobachten, wie die Leute sich hinter den Mauern versteckt haben, wie Leute mitten über die Straße gerannt sind". Eine andere Person kommentierte auf Twitter: "So ist es, in Rio de Janeiro zu leben. Ein ewiges Gefühl von Gefahr und Hilflosigkeit!".

Sowohl im Mai als auch im Juni diesen Jahres forderten große Polizeieinsätze in den Favelas von Rio de Janeiro bereits Menschenleben. Im Mai kamen 26 Personen zu Tode, im Juli starben 19. 

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