Costa Rica: Covid-19 verbreitet sich rasant

Lockerungen der Schutzmaßnahmen gegen Ansteckung zugunsten der Wirtschaftstätigkeit. Virus verbreitet sich in Ballungsgebieten und ärmeren Vierteln

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Aufruf des Gewerkschaftsverbandes Anep zum Autokorso gegen die Sparpolitik der Regierung am 27. Juli
Aufruf des Gewerkschaftsverbandes Anep zum Autokorso gegen die Sparpolitik der Regierung am 27. Juli

San José. Nach anfänglichen Erfolgen bei der Bekämpfung von Covid-19, breitet sich das Coronavirus seit Ende Mai in Costa Rica rasant aus. Vor dem 24. Mai wurden täglich 20 Neuinfektionen gezählt, im Juli jeden Tag über 200. Mittlerweile (Stand: 26. Juli) sind 14.600 Personen in dem mittelamerikanischen Land an Covid-19 erkrankt und 98 gestorben.

Erstmalig ist das Virus am 6. März bei einer US-amerikanischen Touristin registriert worden. Als Reaktion ließ die Regierung am 12. März alle Schulen schließen, verhängte ein Versammlungsverbot und schränkte Ladenöffnungszeiten und außerdem die Leistungen des öffentlichen Dienstes ein. Die Grenzen des Landes wurden geschlossen. Am 18. März gab es den ersten Todesfall.

Zur Dämpfung der Auswirkungen auf die Wirtschaft beschloss die Regierung des sozialdemokratischen Präsidenten Carlos Alvarado, zahlreiche Steuern auszusetzen und Bürgern Sofortkredite zu gewähren. Bis zum 24. Mai konnte die Ausbreitung des Virus weitgehend unter Kontrolle gehalten werden.

Ab Juni lockerte die Regierung die Quarantänemaßnahmen schrittweise. Beobachter führen den seitdem zu verzeichnenden Anstieg der Fallzahlen vor allem auf die Schritte zur Reaktivierung der Wirtschaft zurück.

Während sich das Virus zunächst vor allem unter Landarbeitern im Norden verbreitete, fand es langsam seinen Weg in das Valle Central. In dem Ballungsgebiet um die Hauptstadt San José wohnen rund 60 Prozent der knapp fünf Millionen Einwohner. Vor allem in den ärmeren Vierteln mit ihrer hohen Einwohnerdichte und eingeschränkten Möglichkeiten für Schutzmaßnahmen verbreitet sich der SARS-CoV-2-Erreger seitdem.

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Behörden machen auch eine zunehmende Nichteinhaltung der Sicherheitsmaßnahmen durch die Bevölkerung für den Anstieg der Infektionen mitverantwortlich. Gesundheitsminister Daniel Salas und der Vorsitzende der staatlichen Sozialversicherung, Román Macaya, nannten Feiern, Familienzusammenkünfte und andere Gruppenaktivitäten als Infektionsherde. Macaya rief die Bevölkerung dazu auf, die Regeln einzuhalten, da die Kapazitäten des öffentlichen Gesundheitssystems ihre Grenzen erreichten.

Der Gesundheitsexperte Luis Rosero spricht von einer paradoxen Situation im Land: Costa Rica weist eine der höchsten Infektionsraten und zugleich eine der niedrigsten Sterblichkeitsraten in Lateinamerika auf.

Um die schwächelnde Wirtschaft wieder anzukurbeln, kündigte Tourismusminister Gustavo Segura eine langsame Öffnung für den internationalen Flugverkehr an. Am 1. August sollen wieder Flüge aus der EU, Großbritannien und Kanada landen, zunächst nur fünf pro Woche. Vor Beginn der Corona-Pandemie waren es 552. Der Tourismussektor hat als wichtigste Devisenquelle eine elementare Bedeutung für die Wirtschaft des Landes. 2019 kamen rund drei Millionen Touristen. Über 200.000 Costa-Ricaner arbeiten in dem Bereich, der mehr als acht Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) erwirtschaftet.

Gewerkschaften nutzten indes die Aufhebung des Versammlungsverbotes und demonstrierten am 23. und 27. Juli gegen die von der Regierung angekündigten Sparmaßnahmen. Präsident Alvarado hatte dem Parlament Pläne für eine Kürzung des Haushaltes um ein Prozent des BIP vorgelegt. Das Land kämpft seit Jahren mit einem Haushaltsdefizit. Erst 2018 hatte das Parlament Steuererhöhungen und Kürzungen im öffentlichen Dienst zugestimmt, die vom längsten Generalstreik der Geschichte des Landes begleitet wurden. Auch einige Bürgermeister demonstrierten mit den Gegnern der Sparmaßnahmen. Johnny Araya, der Bürgermeister der Hauptstadt San José, warnte vor einem Kollaps der Kommunen, sollten die Sparmaßnahmen umgesetzt werden.

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