Brasilien: Corona erreicht Amazonas und indigene Gemeinschaften

Bundesstaat Amazonas meldet Überlastung des Gesundheitssystems. Oberster Gerichtshof verbietet Bolsonaro die Aufhebung der Isolationsmaßnahmen

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26.000 Yanomami leben zwischen Brasilien und Venezuela, in einem Gebiet so gross wie Portugal, nun ist der erste an Corona gestorben
26.000 Yanomami leben zwischen Brasilien und Venezuela, in einem Gebiet so gross wie Portugal, nun ist der erste an Corona gestorben

Manaus/Brasilía. In Brasilien verbreitet sich das Coronavirus zunehmend auch im Bundesstaat Amazonas und bedroht dort indigene Gemeinschaften. Am vergangenen Freitag zitierte die brasilianische Zeitung Folha einen Mitarbeiter des Krankenhauses in der Hauptstadt Manaus, der berichtete, Patienten im kritischen Zustand könnten nicht mehr aufgenommen werden.

Amazonas ist der flächenmäßig größte Bundesstaat mit nur vier Millionen Einwohnern und verfügt über ein einziges Krankenhaus mit Intensivstation in Manaus. Die Stadt wurde indes besonders von der Pandemie getroffen. Am Donnerstag waren 900 Fälle bestätigt, von denen 40 tödlich endeten. Bereits zuvor, am 6. April, waren nach Angaben des Gesundheitssekretärs Rodrigo Tobias 95 Prozent der Intensivbetten belegt. Nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums ist Amazonas neben Ceará, São Paulo, Rio de Janeiro und dem Distrikt um die Hauptstadt Brasília einer der Bundesstaaten, die Anzeichen für eine beginnende unkontrollierte Ausbreitung zeigen.

Im Nachbarstaat Roraima verstarb am Donnerstag erstmals ein Angehöriger einer indigenen Gemeinde in Folge von Covid-19. Der 15-jährige Schüler und Angehörige der Yanomami zeigte 21 Tage lang Symptome der Krankheit und wurde seit dem 3. April auf einer Intensivstation in Boa Vista, der Hauptstadt des Bundesstaats Roraima, behandelt.

Nach seinem Tod wurde der Körper des Jugendlichen auf dem städtischen Friedhof Cemitério Campos da Saudade beigesetzt. Seine Familie protestierte gegen dieses Vorgehen. "Die Eltern wollten den Körper in ihre Gemeinschaft Helepe bringen", erklärte Dario Yawarioma Urihithëri, Vizepräsident des Vereins der Yanonmami. Er kritisierte fehlenden Respekt und Kenntnis der Institutionen gegenüber traditionellen Zeremonien der indigenen Kulturen.

Der Nationale Justizrat (CNJ) hatte angesichts der Pandemie ein neues Protokoll für Begräbnisse der im Zusammenhang mit Covid-19 Verstorbenen erlassen. Robson Santos Silvo, Vertreter der Indigenen Gesundheitsbehörde Sesai, kündigte an, diesem Folge zu leisten: "Wir verstehen die Besonderheiten der Gemeinschaften, aber in diesem Moment hat der Erlass Vorrang."

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Die Vereinigung der Yanomami macht zudem auf Invasionen illegaler Goldgräber aufmerksam und befürchtet einen Zusammenhang mit der Ausbreitung des Virus: "Sie dringen ohne Erlaubnis in unser Gebiet ein und bringen Krankheiten und Zerstörung."

Gesundheitsexperten, Anthropologen und Aktivisten warnen vor der Gefahr einer Verbreitung des neuartigen Coronavirus in indigenen Gemeinschaften, weil diese oftmals keine Immunität für externe Krankheiten hätten und bei ihnen oftmals kein "Abstandhalten" möglich sei.

Inmitten dieses Ausnahmezustands hatte der Gouverneur von Amazonas, Wilson Lima, einen Führungswechsel in der Gesundheitsbehörde bekanntgegeben. Der bisher amtierende Rodrigo Tobias soll von Simone Papaiz aus São Paulo ersetzt werden. Diese Ernennung stieß auf Kritik. "Wir brauchen Personen, die sich bereits mit dem Netz vor Ort auskennen, damit wir nicht bei Null beginnen müssen", sagte Gesundheitsminister Luiz Enrique Mandetta.

Während die brasilianischen Bundesstaaten strenge Isolationsvorschriften durchsetzen, zeigte sich Präsident Jair Bolsonaro am Karfreitag erneut bei einem Spaziergang durch Brasília. Er besuchte öffentlichkeitswirksam ein Militärkrankenhaus, eine Apotheke und seinen Sohn Renan, verteilte Umarmungen, ließ Gruppenfotos machen. Zuletzt hatte Bolsonaro sich immer wieder auf Messen der evangelikalen Kirche gezeigt und ostentativ Handschläge verteilt. In seiner Video-Ansprache am Donnerstag zuvor wiederholte er, es sei kein Problem, wenn gesunde Menschen unter 40 das Haus verließen (er selbst ist 65 Jahre alt).

Inzwischen hat der Oberste Gerichtshof dem Präsidenten einen Riegel vorgeschoben: Er hat entschieden, dass ausschließlich Gouverneure und Präfekte für Isolationsmaßnahmen zuständig sind. Damit wurde Bolsonaros Versuch, die Maßnahmen aufzuheben, verhindert.

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