Neu ernannter Beauftragter für Schwarze in Brasilien spricht von "Nutella-Rassismus"

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Sérgio Camargo relativiert Rassismus und arbeitet somit gut mit Präsident Jair Bolsonaro zusammen
Sérgio Camargo relativiert Rassismus und arbeitet somit gut mit Präsident Jair Bolsonaro zusammen

Brasília. Das brasilianische Kulturministerium hat einen rechten Aktivisten, der Sklaverei und Rassismus relativiert, zum Beauftragten für Schwarze ernannt. Für den betreffenden Sérgio Camargo, der selbst Schwarzer ist, gibt es in Brasilien allenthalben einen "Nutella-Rassismus". Die Sklaverei sei zwar "schrecklich, aber vorteilhaft für die Nachfahren gewesen". Denn Brasiliens Schwarze lebten heute besser als die Schwarzen Afrikas, hatte sich Camargo vor seiner Berufung auf Facebook geäußert.

Mit seiner Ernennung zum Leiter der staatlich finanzierten Palmares-Stiftung, der Fundação Palmares, geht die Regierung des ultrarechten Präsidenten, Jair Bolsonaro, auf Konfrontation zur Schwarzen-Bewegung im Land. Schließlich hat die Stiftung die Aufgabe, historisches Unrecht an der schwarzen Bevölkerung aufzuarbeiten und deren politische Rechte zu schützen.

Doch entsprechend der diskursiven Linie der Regierung Bolsonaro, die die historische Aufarbeitung und Aufklärung als "linke Meinungsdiktatur" diffamiert, wendet sich auch Camargo, der sich selbst als "rechter Schwarzer" bezeichnet, gegen eine "Opfer-Mentalität und das politische Korrekte".

"Wirklichen Rassismus gibt es nur in den USA. Die hiesigen Schwarzen beschweren sich nur, weil sie dumm und nicht informiert sind", so Camargo vor seiner Bestellung 2019. Zudem forderte er das Ende des gesetzlichen Feiertags zur Erinnerung an die Jahrhunderte dauernde Unterdrückung schwarzer Menschen, dem Dia da Consciência Negra. Der Tag sei peinlich, so Camargo, der zukünftig mitverantwortlich für Gedenkveranstaltungen ist. Das Land war bis 1888 der letzte Staat der westlichen Hemisphäre, in dem die Sklaverei legal war.

Durch seine Berufung befürchten Aktivisten noch mehr Widerstand von staatlicher Seite. Die Professorin Ana-Lucia Araujo nannte die Ernennung "den Versuch, alles zu zerstören, was Afro-Brasilianer und ihre Bewegung seit dem Ende der Militärdiktatur aufgebaut haben".

Mehr als die Hälfte der etwa 210 Millionen Brasilianer gilt als schwarz oder afro-stämmig. Brasilien ist damit nach Nigeria das Land mit der zweitgrößten Afro-Bevölkerung weltweit. Dennoch ist vor allem die schwarze Bevölkerung weit überdurchschnittlich von Armut, fehlendem Zugang zu Bildung und Arbeit betroffen sowie medial stark unterrepräsentiert.

Infolge seines Geschichtsrevisionismus war der Ernennung Camargos ein Gerichtsstreit und mehrmonatige Suspendierung vom Amt vorausgegangen. Nach seiner Erst-Ernennung entschied ein Bundesgericht im November 2019, Camargo nicht für das Amt zuzulassen. Der zuständige Bundesrichter Emanuel José Matias Guerra folgte dem Antrag schwarzer Aktivisten, wonach die Aussagen Camargos den Zielen der Schwarzen-Bewegung widersprachen. Der Richter stellte die Kriterien für die Nominierung infrage.

Nun kassierte das Oberste Bundesgericht dieses Urteil aus formalen Gründen und gab die Ernennung Camargos zum Leiter der Palmares-Stiftung frei. Die Justiz hätte sich unrechtmäßig in die Kriterien zur Ernennung eingemischt. Dies sei einzig Aufgabe der Exekutive, so das Urteil vom 12. Februar.

Damit geht der Umbau des brasilianischen Staatsapparates durch die politische Rechte weiter. Erst vor Kurzem ist der evangelikale Missionar Ricardo Lopes Dias zum Koordinator der Abteilung für nicht kontaktierte Völker der Indigenenbehörde Funai ernannt worden. Lopes Dias hatte in der Vergangenheit immer wieder bei Missionierungsversuchen im Amazonasgebiet teilgenommen.

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