Polizeigewalt gegen Proteste in Chile eskaliert weiter

chile_verbrennungen_nach_wasserwerferneinsaetzen.jpeg

Demonstrierende klagen über Verbrennungen und Verätzungen nach Wasserwerfereinsätzen der Polizei
Demonstrierende klagen über Verbrennungen und Verätzungen nach Wasserwerfereinsätzen der Polizei

Santiago. Bei Demonstrationen in der chilenischen Hauptstadt Santiago sind erneut zahlreiche Demonstranten durch den Einsatz von Wasserwerfern verletzt worden.

Videos und Bilder von den Geschehnissen am vergangenen Freitag an der zentral gelegenen Plaza Dignidad zeigen, dass das eingesetzte Wasser eine eigentümliche gelbe Farbe hatte. Auf weiteren Bildern sind zahlreiche Demonstranten zu sehen, die extrem gerötete Haut haben. Unlängst war bekannt geworden, dass die Polizei dem Wasser teilweise Ätznatron beigemischt hat, was zu schweren Verbrennungen geführt hat.

Der Parlamentsabgeordnete Pablo Vidal Rojas vom linksliberalen Parteienbündnis Frente Amplio fragte im Kurznachrichtendienst Twitter dazu: "Kann jemand in der Regierung erklären, warum das Wasser vom Wasserwerfer diese Farbe hat? Es werden Gesichter und Körper von Demonstranten verbrannt! Diese Polizeibrutalität muss gestoppt werden!" Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile Ermittlungen angeordnet.

Neben dem offensichtlichen Einsatz von verbotenen chemischen Waffen wurde auf Videos dokumentiert, wie Polizisten in Zivil mehrere Jugendliche, die später verprügelt auf Polizeiwachen auftauchten, in nicht als Polizeiwagen gekennzeichneten Fahrzeuge verschleppten.

Auch aus anderen Städten werden erneut Fälle von Polizeigewalt gemeldet. In der nördlichen Hafenstadt Antofagasta wurde bereits am Mittwoch eine Journalistin des Mediums "Cooperativa" durch Schrotkugeln verletzt. Dayane Márquez berichtete: "Die Polizeireihe begann vorzurücken, und sie schossen direkt dorthin, wo die Presse war." Márquez wurde, obwohl sie eine Schutzbrille und eine Gasmaske trug, im Gesicht verletzt, das Projektil hatte die Maske durchschlagen.

Die neuesten Ereignisse reihen sich ein in eine lange Reihe von systematischen Menschenrechtsverletzungen der Sicherheitskräfte seit Beginn des landesweiten Aufstands im Oktober 2019. Berichte von Amnesty international, Human Rights Watch und dem UN-Hockommissariat für Menschenrechte haben dies dokumentiert. Nach Angaben des Nationalen Instituts für Menschenrechte (INDH) wurden bis Ende 2019 mindestens 3.583 Menschen verletzt, davon mehr als 2.000 durch den Einsatz von Schusswaffen. Mehr als 350 haben in Folge des Einsatzes von Schrotkugeln ein Auge verloren.

"Mord, Vergewaltigung, Augenverstümmelung, Folter, illegale Inhaftierung, Drohungen, Einschüchterung, mehr als 2.000 politische Gefangene sind die systematische Verletzung der Menschenrechte des chilenischen Volkes", so fasste Rechtsanwalt Federico Pagliero für die argentinische Nichtregierungsorganisation "Permanente Versammlung für Menschrechte" die Situation zusammen. Deswegen fordert sie vom Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte Schutzmaßnahmen für mehr als 250 Personen, die Opfer dieser Gewalt wurden.

Unter den schwerwiegendsten Vorwürfen, die Pagliero auf einer Pressekonferenz machte, waren auch Berichte von Folterzentren. So sei in der U-Bahn-Station Baquedano ein solches eingerichtet worden. Es gebe zwei Menschen, die nachgewiesenmaßen dort gefoltert wurden. Auch das INDH hat mittlerweile 777 Beschwerden wegen Folter eingereicht.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr