Zurück auf Kolumbiens Straßen

Graffiti in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá erinnert an den inhaftierten Aktivisten Julián Gil. Zweifel an Vorwürfen der Behörden

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Graffiti mit dem Konterfei von Julián Gil, gemalt von Familie, Freunden und Sympatisanten, bringt sein Gesicht wieder zurück in die Straßen Bosas in Bogotá, Kolumbien
Graffiti mit dem Konterfei von Julián Gil, gemalt von Familie, Freunden und Sympatisanten, bringt sein Gesicht wieder zurück in die Straßen Bosas in Bogotá, Kolumbien

Ein großes Graffiti mit dem Konterfei von Julián Gil, gemalt von Familie, Freunden und Sympatisanten, bringt sein Gesicht wieder zurück in die Straßen Bosas.

Anders ist es Julián Gil bis dato noch nicht möglich, in das Viertel von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá zurückzukehren, in dem er aufgewachsen ist. Denn seit dem 6. Juni 2018 sitzt er in Bogotá im Gefängnis ‒ unschuldig und ohne Urteilsspruch.

Er war vor seiner Verhaftung Mitglied der Gruppe Quinua und Sekretär der landesweiten Organisation "Kongress der Völker" (Congreso de los Pueblos). Hier war er aktiv in den Kommissionen für Internationales, Bildung, und Solidarische Wirtschaft. Sein überzeugter Einsatz galt einem radikalen Strukturwandel in Kolumbien sowie den Menschenrechten.

Ihm wird vorgeworfen, Teil der linken Guerillagruppe ELN (Ejército de Liberación Nacional, Nationale Befreiungsarmee) zu sein und in ihrem Auftrag gehandelt zu haben. Dabei wird er nicht für konkrete Aktionen verantwortlich gemacht, sondern ihm wird unterstellt, als "intellektueller Kopf" der ELN agiert zu haben. Diese Anschuldigung weist diverse Widersprüche auf und basiert ausschließlich auf einer einzigen Zeugenaussage.

Allein die Vermutung, dass politische Aktivisten Teil einer Guerillagruppe sein könnten, reicht in Kolumbien aus um politische Gegner mehrere Jahre ohne richterliches Urteil hinter Gitter zu bringen.

Diese Strategie zielt darauf ab, die sozialen Bewegungen einzuschüchtern und die unzufriedenen Stimmen von Menschen zum Schweigen zu bringen. In Kolumbien ist es ein Verbrechen, Menschenrechtsverteidiger, Lehrer, Gewerkschafter oder Aktivist zu sein.

Vergleichbar ist diese Vorgehensweise mit dem Gefährdergesetz in Deutschland. Dieses Gesetz ermöglicht es, eine Person präventiv in Haft zu nehmen, bei der eine "drohende Gefahr" vermutet wird. Die sogenannten Gefährder werden auf unbegrenzte Zeit eingesperrt, ohne dass eine Straftat begannen wurde. Die Richter können diese Präventivhaft beliebig alle drei Monate verlängern.

Das Strafsystem in Kolumbien kann eine solche Inhaftierung ohne Beweise, die sich ausschließlich gegen soziale Aktivisten richtet, bis zu fünf Jahre betragen.

Die Ungerechtigkeit, die Julian Gil widerfährt ist kein Einzelfall. Wie ihm geht es etlichen weiteren politischen Gefangenen, die sozialen Bewegungen angehören.

Allein vom Congreso de los Pueblos sind mehr als 62 Personen vor Gericht gestellt worden.

Sie verharren in Gefängnissen, die bis zu 500 Prozent überbelegt sind, teilen sich die Zelle mit fünf oder sechs weiteren Insassen oder müssen auf den Gängen schlafen, da in den Zellen kein Platz ist. In Zeiten des Coronavirus sind Menschen hinter Gittern besonders gefährdet. Die Gefangenen erhalten keinen Zugang zu Medikamenten, Ärzte und Pflegepersonal gibt es nicht und es werden keine Maßnahmen zur präventiven Gesundheitsversorgung ergriffen.

Die Zuspitzung der miserablen Knastbedingungen führte im März 2020 zu städteübergreifenden Lärmprotesten, um den Staat und die Gesellschaft auf die humanitär verheerende Lage aufmerksam zu machen.

In dem Gefängnis Modela, in dem Julián Gin einsitzt, wurde diese friedliche Geste des Protestes brutal niedergeschlagen und dabei 23 Gefangene von staatlichen Einsatzkräften getötet.

Eine Petition des Congreso de los Pueblos und viele weitere Organisationen fordern die Freilassung von Gil und weiteren politischen Gefangenen.

Ein aktuelles Interview unserer Autorin Ani Dießelmann mit Julián Gil finden Sie hier

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