Kolumbien / Soziales

Medizinisches Personal aus Kolumbien berichtet für amerika21 nach Tod von zwei Ärzten

Mangelnder Schutz und drohende Kündigungen. Dekret des Präsidenten kann zur Arbeit zwingen

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Ärzte protestieren gegen das Dekret der Regierung von Duque
Ärzte protestieren gegen das Dekret der Regierung von Duque

Bogotá. In Kolumbien gibt es landesweit Unruhe unter den Mitarbeitern des Gesundheitssystems wegen fehlenden Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 seitens der Regierung. Gestern gab es massive Demonstrationen in vielen Bundesländern. Ein Grund dafür ist die Korruption bei der Verteilung von Geldern. Nun soll medizinisches Personal per Dekret zur Arbeit gezwungen werden.

"Die Schutzmittel sind sehr begrenzt und es gibt keinen Filter bei Eintritt eines Patienten mit Symptomen. Das Niveau der medizinischen Versorgung in Kolumbien ist je nach Größe des Ortes sehr unterschiedlich, häufig aber geradezu prekär", so Oswaldo Restrepo Manotas gegenüber amerika21. Er ist Notfallmediziner in der Hauspflege in Cartago und medizinrechtlicher Berater in Manizales. Eine Umfrage der Medizinergewerkschaft Federación Médica Colombiana Ende März bestätigt dies: Nur 400 von 880 der Befragten erhielten einen Mundschutz, nur 50 von ihnen hatten einen des sichereren Typs N95 zur Verfügung. Zurzeit benutzen Pflegekräfte und Ärzte zum Teil Plastiktüten anstelle von Sicherheitskleidung.

Für erste Aufmerksamkeit sorgte diese Woche ein Skandal: Der fehlende Schutz hat zwei Ärzten das Leben gekostet, Carlos Fabián Nieto und William Gutiérrez. Gesundheitsminister Fernando Ruiz Gómez erklärte daraufhin, dass die Beschaffung von Schutzmaterial beschleunigt würde. Die Medizinergewerkschaft hat das Ministerium allerdings stark kritisiert: Dieser Tod sei vorhersehbar und vor allem zu verhindern gewesen, heißt es in einer Stellungnahme. Die Ärzte bezeichnen sie als "Märtyrer". Selbst die Kondolenznachricht des Ministers und des kolumbianischen Präsidenten Iván Duque wies die Gewerkschaft zurück. Und vorgestern, am 14. April, starben dann in Cali bereits zwei weitere Ärzte: Jesús Antonio Cabrales und Óscar González.

Paula Andrea Gómez, Anästhesiologin, zeichnet gegenüber amerika21 ebenfalls ein anderes Bild: "Seit zwei Wochen rufe ich bei der Versicherungsgesellschaft ARL an, die für die Verteilung der Schutzmittel im Land verantwortlich ist. Und seit zwei Wochen geschieht nichts."

Restrepo Manotas sieht das größte Problem in der Verteilung von Geldern: "Die Mittel müssen durch mindestens drei Hände, ehe sie an ihr Ziel gelangen. Daher kommen Hilfen manchmal sehr spät – oder bisweilen gar nicht an. Zurzeit protestiert viel medizinisches Personal dagegen, dass die Regierung seit über zwei Monaten keine Gehälter mehr auszahlt."

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Eliana Marín Rivera, ehemals Oberschwester im Nationalen Krebsinstitut von Bogotá, nennt gegenüber amerika21 Zahlen: "Laut Daten der Controlaría wurden etwa 80 Milliarden kolumbianische Pesos [circa 19 Millionen Euro] durch Korruption umgeleitet."

Am vergangenen Sonntag erließ Kolumbiens Präsident Iván Duque das Dekret 538. Dieses solle "die gesundheitlichen Dienstleistungen während der Handhabung von Covid-19 stärken", so eine Regierungsmitteilung. Jedoch autorisiert Artikel 9 des Dekrets die Regierung, medizinisches Personal zum Dienst zu zwingen. Dafür wird es viel kritisiert. Zudem soll die Rekrutierung von Mitarbeitern im Gesundheitssektor vereinfacht werden und die Ansteckung mit dem Coronavirus als staatlich versicherter Krankheitsausfall gelten.

Laut Gómez spielt hier allerdings ein weiteres Problem eine Rolle: "Etwa 80 Prozent des medizinischen Personals sind nicht direkt einem Krankenhaus zugeteilt, sondern werden über Arbeitsvermittlungen eingesetzt. Sie werden nur nach geleisteter Arbeit bezahlt. Da allerdings jegliche medizinische Beratung ausfällt, die keine Notaufnahme beinhaltet, kann keine Arbeit geleistet werden und nur das festangestellte Krankenhauspersonal wird regulär weiterbezahlt – die 80 Prozent gehen hingegen leer aus."

Laut Rivera ist die Angst unter dem Personal so weit gediehen, dass "Medizingremien sogar massive Kündigungen voraussagen". Alle drei Befragten für diesen Artikel waren sich einig: "Die Menschen werden in einen Krieg ohne Waffen und ohne Schutz gezwungen."

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