Jalisco. Die Lage in zahlreichen Regionen Mexikos bleibt angespannt. Besonders hoch ist dabei weiterhin das Risiko für Menschenrechtsaktivist:innen und Journalist:innen.
Hintergrund ist die Ermordung von Nemesio Oseguera El Mencho, Anführer des Drogenkartells Jalisco Nueva Generación (CJNG), durch Sicherheitskräfte des mexikanischen Militärs. Dies löste eine landesweite Welle der Gewalt und Unsicherheit aus.
Die Menschenrechtsorganisation Tlachinollan im Bundesstaat Guerrero berichtet über das Ausmaß der Gewalt: "Vor Tagesanbruch gestern eskalierten die Schießereien in Jalisco. Nach und nach tauchten ausgebrannte Geschäfte und Fahrzeuge sowie Straßensperren auf. Die schwarzen Rauchsäulen waren schon von weitem zu sehen. Die Autohupen hörten nicht auf zu schrillen. Aus Angst vor den Schießereien waren die Straßen menschenleer. "Schützt euch und bringt euch in Sicherheit", verkündete die Nationalgarde. Trotz der Angst filmten einige Menschen mit ihren Handys, andere rannten los, um sich vor den Kugeln in Deckung zu bringen.
In den folgenden Tagen errichteten Kartellmitglieder mehr als 250 Straßenblockaden. Jalisco, das machtpolitische Zentrum des CJNG, ist seit Jahren von einem kapitalistischen Gewaltsystem geprägt, das der Politikwissenschaftler Timo Dorsch als "Nekropolitik" beschreibt. Es ist Ausdruck einer Systematik wirtschaftlicher Akkumulation durch das Mittel der Gewalt und wird in Mexiko nicht nur durch das organisierte Verbrechen, sondern auch durch den Staat angewandt. Oftmals sind die Grenzen zwischen den beiden Akteuren unklar.
Das Kollektiv "Un Salto de Vida" kämpft in den Gemeinden El Salto und Juanacatlán in der Nähe von Guadalajara, der Hauptstadt von Jalisco, seit Jahren gegen zahlreiche transnationale und deutsche Unternehmen. Sie berichten: "Während wir gemeinsam mit Universitätsforschenden Beobachtungen im Gebiet durchführten, wurden wir festgehalten und gezwungen, aus unserem Kleinbus auszusteigen. Der Bus sowie die gesamte Ausrüstung für die Probenahme, mit der die von den Unternehmen des Industriekorridors von El Salto ungestraft ausgestoßenen Schadstoffe erfasst werden sollten, wurden in Brand gesetzt. Hier hat das organisierte Verbrechen das Schicksal unserer Dörfer geprägt. Es ist geschützt, gefördert, unterstützt und fest in der Macht verankert und dient stets den finanziellen und politischen Interessen der Eliten".
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Die geplante militärische Operation gegen das CJNG und dessen Anführer El Mencho wird vonseiten der mexikanischen Regierung als Erfolg im Kampf gegen das organisierte Verbrechen gewertet. Während das CJNG durch gezielte Desinformationskampagnen in den sozialen Medien ein Klima der Angst erzeugt, um ein Szenario zu kreieren, das die Vergeltungsgewalt größer und furchterregender erscheinen lässt, ringt Präsidentin Claudia Sheinbaum um den Erhalt von Kontrolle und Sicherheit. In wenigen Monaten soll die Fußball-WM in Mexiko-Stadt beginnen.
Diese aktuellen Darstellungen der Situation in Mexiko lassen Zweifel aufkommen, ob die Vernichtung einzelner Kartellbosse in einer von Gewalt und Verschwindenlassen geprägten Gesellschaft tatsächlich zu weniger Gewalt führen wird. Expert:innen befürchten das Gegenteil, denn in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass ein solches Machtvakuum nicht selten zu erbitterten Kämpfen und einer bloßen Machtverschiebung innerhalb der Kartellstrukturen führt.
Die Verstrickung von organisierter Kriminalität und korrupten staatlichen Strukturen ist seit vielen Jahren ein bekanntes Phänomen in Mexiko. In vielen Filmen, Serien und Liedern wird die sogenannte "Narco-Kultur" glorifiziert und romantisiert. Die oft undurchsichtigen politischen und ökonomischen Interessen, die damit einhergehen, bleiben jedoch häufig verborgen.
Auch geopolitisch betrachtet ist die Situation im Land kein rein mexikanisches Problem. Es ist eingebettet in globale kapitalistische Macht- und Gewaltstrukturen. Von diese profitieren das organisierte Verbrechen, aber auch die teilweise instabilen und korrupten staatlichen Strukturen Mexikos, die wiederum von multinationalen Konzernen ausgenutzt werden.

