Havanna. In Fernandos Viertel in Havanna bricht bei Stromausfällen nicht nur die Beleuchtung zusammen. "Das Telefonnetz in meiner Gegend ist digital", erklärt der ehemalige BBC-Korrespondent Fernando Ravsberg, der seit 1997 in Havanna lebt, im Gespräch mit amerika21. "Wenn die Batterien der Sendemasten leer sind, stehen wir ohne Licht, ohne Telefon und ohne Internet da. Im Falle eines medizinischen Notfalls oder eines Brandes haben wir nicht einmal die Möglichkeit, den Krankenwagen oder die Feuerwehr zu rufen." Ihn betrifft das rund zwölf Stunden pro Tag, in anderen Provinzen fehlt der Strom oft deutlich länger.
Die Auswirkungen der US-Ölblockade durchziehen mittlerweile jeden Aspekt des kubanischen Alltags. Venezuela, einst wichtigster Lieferant, musste seine Öllieferungen Mitte Dezember einstellen. Auch Mexiko stoppte die Transporte, nachdem die US-Regierung Ländern, die Kuba beliefern, mit Zöllen gedroht hatte. Darüber hinaus haben die USA Lieferungen, die Kuba auf dem freien Markt erworben hatte, gezielt abgefangen. Die Trump-Administration verfolgt damit offenbar eine Strategie des Regimewechsels über den Weg einer herbeigeführten humanitären Krise.
Am 6. Februar verkündete die Regierung Notfallmaßnahmen und drastische Rationierungen (amerika21 berichtete), mit denen die sozialistische Inselrepublik den vorhandenen Treibstoff so effizient wie möglich nutzen will.
Der Verkehr in der Hauptstadt ist auf weniger als die Hälfte des Normalzustands zurückgegangen, schätzt Ravsberg. Viele seiner Nachbarn hätten erhebliche Schwierigkeiten, ihre Arbeitsplätze, Bildungseinrichtungen oder Krankenhäuser zu erreichen.
Auf dem Schwarzmarkt steigen die Kraftstoffpreise rasant: Ein Liter Benzin kostet bis zu sechs US-Dollar. Private Sammeltaxis verlangen daher umgerechnet fünf US-Dollar für eine Fahrt von nur drei Kilometern. Für die meisten Kubaner ist dies unerschwinglich.
Auch an den offiziellen Tankstellen herrscht Mangel. Autofahrer müssen laut Berichten der Nachrichtenagentur AP teils mehrere Monate warten bis sie eine Möglichkeit zum Tanken bekommen. Um Chaos zu vermeiden, hatte die kubanische Regierung vergangene Woche die Nutzung der App "Ticket" vorgeschrieben, um Termine zu erhalten. Doch Fahrer in Havanna berichteten, dass ihnen die Anwendung erst in mehreren Wochen oder Monaten Termine zuteilt. Wenn sie schließlich tanken dürfen, können sie nur 20 Liter kaufen. Der Verkauf von Diesel an Privatpersonen wurde gänzlich eingestellt.
Die fehlenden Treibstofflieferungen haben auch die Müllabfuhr lahmgelegt. Von 106 Müllwagen in Havanna waren vor den Rationierungen nur noch 44 einsatzbereit, berichtete das staatliche Nachrichtenportal Cubadebate. Inzwischen dürften es weniger sein. An der Straßenecke von Fernandos Haus versperren Müllberge mittlerweile fast die Durchfahrt für Fahrzeuge. Die Abfallhaufen sind zu Brutstätten für Ratten, Kakerlaken und Mücken geworden – ein Gesundheitsrisiko.
Julián Gutierrez, der in Havannas südlichem Außenbezirk Marianao wohnt, beschreibt die Situation gegenüber amerika21 als "massive Immobilität". "Der gesamte Transportsektor steht fast vollständig still", sagt er. "Wenn du irgendwohin willst, hast du keine Möglichkeit, dich fortzubewegen. Es wird viel zu Fuß gegangen."
"Die Universitäten sind praktisch geschlossen […] nicht einmal Essen wird dort mehr zubereitet", berichtet Gutierrez. Für den Rentner und ehemaligen Hochschuldozenten ist die Schuldfrage klar: "Es ist nicht die Regierung und nicht das System – es ist die US-Blockade. Und das Problem wird nicht durch Hilfslieferungen gelöst. Wer uns wirklich helfen will, muss die Blockade zu Fall bringen."
Doch die Leidensbereitschaft schwindet. Die junge Generation habe frühere Krisen nicht miterlebt, so Gutierrez. Für sie ist die aktuelle Situation trotz der Wirtschaftskrise der Vorjahre in dieser Schärfe neu.
Der Kraftstoffmangel bedroht zunehmend die Lebensmittelversorgung. "Im Viertel macht sich bereits der Mangel an Produkten aus der kubanischen Landwirtschaft bemerkbar: Yuca, Malanga, Tomaten, Karotten oder Zwiebeln", schildert Ravsberg. "Das Problem ist, dass die meisten privaten Lastwagen, die diese Produkte brachten, mit Diesel fahren – der aufgrund von Trumps Ölblockade nicht mehr verkauft wird."
Die Agrarprodukte seien für die ärmsten Kubaner besonders wichtig, da sie sich die Preise für die von kleinen und mittleren Privatunternehmen (KMU) importierten Lebensmittel nicht leisten könnten. Eine Privatbäckerei im Stadtteil Vedado musste schließen, weil sie keine Möglichkeit hatte, Mehl vom Hafen in Mariel heranzuschaffen, sagt Ravsberg.
Noch hätten die teureren Supermärkte in jedem Viertel Waren. Ravsberg glaubt, dass sie sich noch einige Monate halten werden. "Wenn jedoch das Kraftstoffproblem für den Transport der Waren vom Hafen in die Stadt nicht gelöst wird, wird es Knappheit geben." Besonders betroffen sind Versandunternehmen. Der bekannte Onlinehändler Supermercado23 hat vergangenen Freitag angekündigt, seine Dienste aufgrund des Treibstoffmangels einstellen zu müssen.
Gutierrez bestätigt, dass das Angebot der Lebensmittelhändler noch funktioniere. "In den privaten Geschäften gibt es Waren. Mal mehr, mal weniger, aber sie sind da. Das Problem ist, dass alles immer teurer wird. Die Preise steigen ständig."
Mangels Strom und Gas kochen immer mehr Menschen mit Holzkohle, berichtet Ravsberg. "Nur wer in Gegenden mit Stadtgasanschluss lebt, ist derzeit nicht betroffen. Flüssiggas oder Gasflaschen sind fast völlig verschwunden." Es entstehe eine rege Eigenproduktion von Kohle- und Holzöfen; Anleitungen zum Selbstbau kursieren als Podcasts.
Holzkohle sei im Überfluss vorhanden, vermutlich auch deshalb, weil die Bestände, die früher exportiert wurden, nicht mehr zu den Häfen transportiert werden können. Gutierrez hat noch eine andere Erklärung: "Man bekommt Holzkohle, weil die Leute anfangen, sie selbst herzustellen, aber sie verkaufen sie ziemlich teuer."
Am dringendsten seien Anlagen für erneuerbare Energien, um das öffentliche Gesundheitswesen aufrechtzuerhalten, sagt Ravsberg. "Bald werden die Inkubatoren für Neugeborene, die Maschinen für Dialysepatienten und die Geräte für die Krebsbehandlung keinen Strom mehr haben, was den Tod vieler Unschuldiger zur Folge haben wird."
UN-Generalsekretär António Guterres ist sehr besorgt über die Lage, sagte sein Sprecher Stéphane Dujarric. Die Vereinten Nationen haben die USA wiederholt aufgefordert, die seit 1960 bestehende Wirtschaftsblockade zu beenden.
Spanien kündigte an, humanitäre Hilfe in Form von Lebensmitteln und medizinischen Produkten über Kanäle der Vereinten Nationen zu schicken. Das gab das spanische Außenministerium nach einem Treffen der Außenminister beider Länder in Madrid bekannt. Zuvor hatte bereits Mexiko 800 Tonnen humanitäre Hilfe nach Kuba geliefert. Zwei Marineschiffe mit Hilfsgütern trafen vergangene Woche in dem Karibikinselstaat ein.
Ravsberg sieht einen Hoffnungsschimmer in der jetzigen Situation: den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien. "Die Regierung intensiviert die Errichtung von Photovoltaik-Parks im ganzen Land. Vor wenigen Tagen wurde ein Leistungsrekord von 900 Megawatt während der solaren Spitzenzeit erreicht."
Etwa 8.000 Beschäftigte aus dem Gesundheits- und Bildungswesen hätten mithilfe von Staatskrediten solche Anlagen in ihren Häusern installiert. "Auch alle Kubaner, die über die finanziellen Möglichkeiten verfügen, installieren Photovoltaikanlagen in ihren Wohnungen. In meinem Viertel gibt es bereits zwei Orte, die Paneele verkaufen", schildert Ravsberg. Doch auch damit wird das Logistikproblem nicht gelöst. Kuba ist für Treibstoffe wie Diesel, Benzin und Kerosin zu 100 Prozent auf Importe angewiesen.
Julián Gutierrez dankt den Bewegungen, die Spenden sammeln und Kuba mit Hilfsgütern versorgen. Doch seine Forderung ist eindeutig: "Die US-Blockade muss weg. Wir müssen die Möglichkeit haben, uns aus eigener Kraft zu entwickeln." Dann würde sich zeigen, ob das sozialistische System wirklich etwas tauge oder nicht.





