Brasilien / Soziales / Umwelt

Anstieg der Kindersterblichkeit bei Yanomami-Indigenen in Brasilien

In den vergangenen Jahren starben immer mehr indigene Kinder. Fehlende medizinische Versorgung und illegaler Bergbau werden als Gründe genannt

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Auf dem 2. Forum der Anführer:innen der Yanomami und Ye'kwana wurde ein gemeinsamer Forderungskatalog erstellt
Auf dem 2. Forum der Anführer:innen der Yanomami und Ye'kwana wurde ein gemeinsamer Forderungskatalog erstellt

Boa Vista. Die Yanomami-Indigenen machen nur 0,013 Prozent der brasilianischen Bevölkerung aus, trotzdem haben sie einen Anteil von sieben Prozent an der landesweiten Kindersterblichkeitsrate. Allein in den Jahren 2019 und 2020 starben nachweislich 24 Yanomami Kinder im Alter zwischen ein und fünf Jahren. Das Sekretariat für indigene Gesundheit (Sesai) geht davon aus, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist, da keine flächendeckende Betreuung der indigenen Gemeinden vorliegt.

Die Indigenen geben vor allem der Politik der aktuellen Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro und der damit verbundenen steigenden Anzahl an Goldgräbern in indigenen Gebieten die Schuld. Bolsonaro verteidigte zuletzt immer wieder deren wirtschaftliche Nutzung.

"Die Gesellschaft muss verstehen, dass die Kinder krank sind, weil es keine gesundheitliche Unterstützung für diese Gruppen gibt", erklärt Júnior Hekurari, Präsident des Gesundheitsrates des Yanomami und Ye'kwana Indigenen. Er kritisiert die Abwesenheit des Staates sowie die Tatsache, dass medizinische Versorgung in vielen indigenen Gemeinden nicht gewährleistet wird. Einige sind aktuell seit mehr als sechs Monaten ohne ärztliche Betreuung.

Eine Untersuchung von Unicef und der Stiftung Oswaldo Cruz (Fiocruz) aus dem Jahre 2019 zeigt die Gründe für die hohe Kindersterblichkeit auf: Hunger und Krankheiten wie Malaria oder Durchfall. Der Arzt und Forscher Paulo Basta erklärt, dass die Kinder nach dem Abstillen am stärksten gefährdet seien, da sie nicht mehr mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt werden. Aber sobald sie nicht mehr gestillt werden, sind sie damit konfrontiert, dass es kein Wasser zum Hände waschen gibt, dass es kaum Trinkwasser gibt, dass es zu wenig Nahrung gibt.

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Durch die schlechte Lebensmittelversorgung können sich viele Kinder kaum von Malaria- oder Durchfallerkrankungen erholen. Um die Kinder medizinisch versorgen lassen zu können, sind die Eltern oft tagelang unterwegs, was sie wiederum davon abhält, nach Nahrung zu suchen.

Zugespitzt wird das Problem zusätzlich durch die ständige Anwesenheit von illegalen Goldgräbern. Durch die Abholzungen wird das Ökosystem verändert und Krankheiten werden eingeschleppt. Die Seen und Böden werden mit Quecksilber verunreinigt, das zur Goldgewinnung benutzt wird. Dadurch wird die Nahrungssituation noch schwieriger. Die Studie zeigt, dass mehr als 56 Prozent der Kinder und Frauen unter Krankheitssymptomen durch die dauerhafte Quecksilberaufnahmen leiden.

Kürzlich fand das zweite Forum der Anführer der Yanomami und Ye'kwana Indigenen statt. Hierbei wurde ein Forderungskatalog erstellt, welcher staatlichen Organen überreicht wurde. Gefordert werden unter anderem die regelmäßige medizinische Versorgung und "loyale Ärzt:innen, die sich mit den Traditionen und Lebensweisen der Indigenen vertraut machen", Zahnärzt;innen, die sich um die Mundhygiene kümmern und Ernährungssspezialist:innen, die sich um die unterernährten Kinder kümmern. Ebenso wird die regelmäßige Kontrolle von Seen und Flüssen gefordert, sauberes Trinkwasser und eine dauerhafte medizinische Versorgung auch in den Gebieten, die von Goldgräbern attackiert werden. In den vergangenen Monaten wurde das medizinische Personal nach Angriffen auf indigene Gemeinden aus Sicherheitsgründen abgezogen. Dies verschärfte die Situation vor Ort nochmals.

Angelita Prororita, Yanomami-Übersetzerin, ergänzt, dass auch die Krankenhäuser besser auf indigene Patient:innen vorbereitet werden müssen. Sie fordert, dass mehr Übersetzer:innen angestellt werden müssen, damit eine dauerhafte Betreuung möglich sei. Sie schildert, dass in Krankenhäusern die Behandlung der Indigenen verschoben wird, wenn keine Übersetzer:innen vor Ort sind. Das führe dazu, dass viele Hilfesuchende das Krankenhaus direkt wieder verlassen, sobald sie sehen, dass Prororita, die einzige Übersetzerin, nicht in der Nähe ist.

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