Coronavirus in Südamerika: Regierungen verschärfen die Maßnahmen

Ausgangssperren und Reisebeschränkungen in immer mehr Staaten. Nur Bolsonaro geht trotz unklarer Infektionslage auf eine Demonstration

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"Die Romantisierung der Quarantäne ist ein Klassenprivileg": Transparent in Kolumbien
"Die Romantisierung der Quarantäne ist ein Klassenprivileg": Transparent in Kolumbien

Lima/Bogotá et al. Angesichts der pandemischen Verbreitung des neuartigen Coronavirus (2019-nCoV) schränken auch in Südamerika immer mehr Staaten die Bewegungsfreiheit ein und machen Grenzen dicht. In Peru etwa verkündete Präsident Martín Vizcarra am Sonntag den nationalen Notstand. Seit Montag gilt eine Ausgangssperre wie sie nach China bereits in Italien, Spanien, Frankreich und weiteren Staaten verhängt wurde: Alle Einwohner werden zu häuslicher Quarantäne verpflichtet. Kulturstätten, Restaurants, Büros und Geschäfte bleiben geschlossen. Ausnahmen bilden Krankenhäuser, Lebensmittelgeschäfte und Apotheken. Ein Verlassen der Wohnung ist nur für deren Aufsuchen oder die Versorgung besonders gefährdeter Personen gestattet.

Die Armee wird zur Durchsetzung der obligatorischen Quarantäne mobilisiert. Zudem wurden in der Nacht zum Dienstag die Grenzen geschlossen und nationale Flugverbindungen eingestellt. Zuvor waren bereits alle Flüge von und nach Europa und Asien für 30 Tage ausgesetzt worden. Der überregionale Busverkehr ist eingeschränkt. In Lima wurde die zentrale Stadtautobahn vorübergehend abgesperrt.

Die Zahl der Infizierten stieg in dem Andenstaat am Montag auf 86 Fälle an. Trotz relativ niedriger Fallzahlen handelte der Andenstaat zügig und bestimmt: Großveranstaltungen waren bereits ab Mittwoch abgesagt worden. Die Sommerferien für sämtliche Bildungseinrichtungen sind bis zum 30. März verlängert worden.

Das schnelle Handeln der Behörden ist laut Meinung vieler Gesundheitsexperten der einzig richtige Weg. Das peruanische Gesundheitssystem ist für eine Pandemie unzureichend ausgerüstet. Auch wirtschaftlich sind viele Menschen nicht gegen einen langen und schweren Ausbruch der Krankheit gewappnet. Ganze 70 Prozent der arbeitenden Bevölkerung gehen einer informellen Beschäftigung nach, sie verfügen über keinerlei Sozialleistungen wie Gesundheitsversorgung oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Zudem offenbart das Virus weitere soziale Missstände: Ganze 22 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu fließend Wasser.

Im Zuge der Kampagnen des Gesundheitsministeriums zur Eindämmung des Virus erhielten die Proteste der Anwohner des Bergbauorts Cerro de Pasco neuen Aufwind. Seit einem Monat campieren sie vor dem Gesundheitsministerium und fordern eine medizinische Behandlung. Bei ihnen – insbesondere bei Kindern – waren infolge der Wasserverschmutzung durch die nahe gelegene Silbermine hohe Belastungswerte durch Blei im Blut gemessen worden.

Andere Länder Südamerikas ziehen bei den Vorkehrungen zum Schutz vor der Corona-Pandemie langsam nach. Neben Peru hatten bislang nur Ecuador und Argentinien ähnlich weitgreifende Maßnahmen getroffen. Ecuador hat seit Dienstag ebenfalls eine umfassende Ausgangssperre verhängt. In Argentinien wurden am Montag die Grenzen für 15 Tage geschlossen. Der Schulunterricht ist ausgesetzt, Kulturveranstaltungen sind abgesagt worden. Venezuelas Präsident Nicolas Maduro ordnete am Dienstag "soziale Quarantäne" in allen Bundesstaaten an, nachdem 17 Fälle von Corona-Infektionen bestätigt worden waren. In Bolivien verbot die De-facto-Präsidentin Jeanine Áñez alle Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen. Ab Mittwoch sollen Flüge aus Europa und dem Iran nach Bolivien eingestellt werden.

Chile, wo Präsident Sebastian Piñera die Gefahr des Virus lange heruntergespielt hatte, ergriff nun am Montag erste strengere Vorkehrungen und begann mit Grenzschließungen, nachdem 155 Coronafälle bestätigt worden waren – in Relation zur Gesamtbevölkerung die höchste Infektionsrate in Südamerika. Dennoch bleiben Büros, Restaurants und Geschäfte vorerst geöffnet. In Brasilien, mit 200 Infizierten das in absoluten Zahlen am stärksten betroffene Land, sorgte Präsident Jair Bolsonaro für Aufmerksamkeit, als er am Sonntag einer Demonstration mit mehreren Hundert Teilnehmer beiwohnte – und das, obwohl er selbst als Verdachtsfall gilt. Der Präsident und sämtliche seiner ultrarechten Verbündeten, wie beispielsweise der evangelikale Bischof Edir Macedo, zweifeln nach wie vor an der Echtheit des Virus.

Langsam ergreift auch Kolumbien Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus. Immer öfter tragen Personen Atemschutzmasken oder Handschuhe im öffentlichen Raum, touristische Orte sind wenig besucht und die sonst stets überfüllten Kneipen blieben am Wochenende in den meisten Städten leer. Seit Montag sind die Schulen, Universitäten, Kindergärten, Museen und Sportstätten bis auf Weiteres geschlossen. Gesundheitsminister Fernando Ruiz ordnete zudem die Schließung aller öffentlichen Masseneinrichtungen an sowie von Diskotheken, Bars und Cafés. Außerdem gab er bekannt, dass Treffen von mehr als 50 Personen verboten sind. Auch alle 24 Nationalparks sind geschlossen.

Die Regierung verbietet bereits seit Montag Ausländern die Einreise. Ausgenommen sind Diplomaten und Ausländer mit einer permanenten Aufenthaltserlaubnis. Kolumbianer und ausländische Einwohner müssen nach der Einreise 14 Tage lang isoliert werden. Die Deutsche Botschaft in Bogotá informiert, dass die Maßnahme bis zum 30. Mai in Kraft ist. Der Flugverkehr von und nach Europa wird voraussichtlich starken Einschränkungen unterworfen sein. Zudem empfiehlt sie "allen deutschen Touristen, die sich derzeit in Kolumbien befinden, so schnell wie möglich Kontakt mit ihrer Fluggesellschaft aufzunehmen, um zu klären, wann und wie die Rückreise möglich ist".

Die Parlaments- und Senatssitzungen in Kolumbien wurden zunächst bis zum 12. April suspendiert. Die Sitzungen hätten an diesem Dienstag begonnen, werden aber ausgesetzt, während über Notfallmaßnahmen nachgedacht wird. Zudem wurden alle Gerichte gesperrt und laufende Verfahren verschoben, was zu massiver Kritik vor allem von Inhaftierten führt. Sie hätten unter dem massiven Krisenregime noch weniger Möglichkeiten, ihre menschenwürdige Behandlung einzufordern, so ein Sprecher der Gefangenen in der Vollzugsanstalt in Bogotá gegenüber amerika21. Wie zuvor bereits Bogotá erklärte auch der Verwaltungsbezirk Cundinamarca den öffentlichen Notstand, nachdem der erste Fall einer Virusinfektion registriert wurde. Laut Gouverneur Nicolás García handelt es sich um einen 33-jährigen Mann, der am vergangenen Freitag zusammen mit seiner Familie aus Spanien ins Land zurückkehrte.

In beiden Departamentos werden die Mitarbeiter öffentlicher Stellen zu mehr als 70 Prozent in Heimarbeit geschickt und Beratungen werden ausschließlich noch virtuell durchgeführt. Kurz zuvor hatte Bogotas Bürgermeisterin Claudia López den öffentlichen Notstand für die Hauptstadt erklärt. Sie versicherte, die Maßnahme werde dazu dienen, mehr Ressourcen für die Betreuung der Notfälle einzusetzen. Es würden zudem Maßnahmen zum Schutz der Ältesten und der Obdachlosen eingeführt. Montagnachmittag waren 54 Fälle des Coronavirus in Kolumbien registriert.

Am Sonntag kritisierte die Generalstaatsanwaltschaft die Kontrollen, die auf dem internationalen Flughafen El Dorado in Bogota durchgeführt werden. Am 14. März stellte die Behörde fest, dass das Gesundheitspersonal nicht ausreicht, insbesondere in der Hauptverkehrszeit. Nach Angaben der Migrationsbehörde kommen in dieser Zeit durchschnittlich 34 Flüge an und es hätten sich Einreisende an den Kontrollen vorbeigeschlichen.

Soziale Bewegungen rufen weiterhin zu Protesten auf, die für den 25. März geplant sind, werden dafür allerdings im Netz stark kritisiert. Bis vor wenigen Tagen wurde das Virus in öffentlichen Debatten und Internetplattformen eher banalisiert. Nun überwiegt in vielen Gesprächen die Angst vor einer Massenpanik. Zudem befürchten viele Menschen, dass Ausgangssperren und Einschränkungen vor allem die Ärmsten wirtschaftlich massiv treffen, die keinerlei Versicherungen für ihre Ausfälle haben.

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