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Fischer in Chile blockieren weiterhin Insel Chiloé

Proteste gegen Fisch- und andere Großindustrie auf der Insel. Verschmutzung des Meeres führt zu wirtschaftlicher Notsituation von Kleinfischern. Regierung schickt Vermittler

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Blockierte Straße in Castro, der Hauptstadt der Insel
Blockierte Straße in Castro, der Hauptstadt der Insel

Chiloé, Chile. Auf dem südchilenischen Archipel Chiloé hat sich die Mehrzahl der protestierenden Fischer mittlerweile mit der Regierung geeinigt. Nach fast zwei Wochen vollständiger Blockade der Inselgruppe nehmen die Proteste langsam ab. In der Hauptstadt der Insel läuft der Verkehr wieder nahezu unbeeinträchtigt. Begonnen hatten die Auseinandersetzungen nachdem viele der kleinen Fischer durch ein allgemeines Fischsterben ihre Einkommensquelle verloren hatten.

Regierung und Fischindustrie machen hierfür die "marea roja" verantwortlich, eine hohe Konzentration eines bestimmten Algentyps, die jährlich in der Inselregion auftritt. Die meisten Bewohner Chiloés hingegen geben der Fischindustrie die Schuld, die vor der Küste tonnenweise chemisch versetzte Fischabfälle ins Meer geworfen hatte. Den Protestierenden zufolge sei dadurch das Fischsterben erst ausgelöst worden.

Chile ist der weltweit zweitgrößte Lachsproduzent hinter Norwegen. Die Farmen und Fabriken der Weiterverarbeitung befinden sich im Süden Chiles, ein Großteil davon auf Chiloé. Einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren Chiles hat seit Beginn der Proteste mit einem Verlust von 80 Millionen US-Dollar zu kämpfen. Vielen der etwa 60.000 direkt und indirekt von der Industrie Beschäftigten droht aufgrund des Fischsterbens die Arbeitslosigkeit.

Die Proteste entzündeten sich, nachdem die Verschmutzung des Meeres eine wirtschaftliche Notsituation für die mehrheitlich von der See lebenden Familien ausgelöst hatte. Schnell ergriffen die von den Fischern initiierten Proteste jedoch einen Großteil der Bevölkerung, die die Fischer in ihrem Anliegen unterstützen und die große Industrie auf der Insel im Allgemeinen kritisieren. Chiloé kämpft seit mehreren Jahren gegen die stetig zunehmende Präsenz von Lachs- und Forstunternehmen, zu denen künftig die Bergbauindustrie dazu kommen wird. Erst jüngst erteilte die Regierung die nötigen Konzessionen. Mit dem vor einigen Jahren angekündigten Projekt, die Insel durch eine Brücke mit dem Festland zu verbinden, möchte die Regierung weitere Anreize für Investitionen auf dem Archipel schaffen. Ein Großteil der Menschen auf Chiloé fordert stattdessen ein dringend notwendiges modernes Krankenhaus.

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Die Verhandlungen zwischen den Demonstrierenden und der Regierung verliefen von Beginn an schwierig, auch weil die Kleinfischer in den jeweiligen Städten von unterschiedlichen und oft selbst innerhalb einer Stadt von mehreren Gewerkschaften vertreten werden. Zunächst hatte die Regierung eine Kompensation von lediglich etwa 130 Euro angeboten, was die Betroffenen nach monatelangen Einkommensausfälle als völlig ungenügend zurückwiesen.

Am Samstag konnten einzelne lokale Gewerkschaften jeweils unterschiedliche Vereinbarungen mit einem eigens von Präsidentin Bachelet ernannten Vertreter erzielen. An sechs Orten wurden die Blockaden daraufhin geräumt. Unter anderem in Castro, der Hauptstadt der Insel, einigte man sich auf die Gründung eines lokalen runden Tisches, der die Probleme der Region bearbeiten soll. Darüber hinaus soll eine unabhängige Studie ausgearbeitet werden, die die Ursachen des Fischsterbens untersucht. Die Fischer sollen außerdem künftig stärker unterstützt werden. Schließlich sollen die finanziellen Kompensationen nicht nur an ökonomisch besonders stark betroffene Familien ausgezahlt werden, sondern auch an solche, die nicht ausschließlich vom Fischfang leben.

Das Geld des Staates füllt für kurze Zeit die Taschen einiger Familien. An der schwierigen Situation für die Kleinfischer auf Chiloé hat sich indes nichts geändert. Das Fischsterben wird langfristige Folgen hinterlassen. Die Lachsindustrie, so die Bewohner, wird weiterhin das Meer verschmutzen, und die allmähliche Übernahme Chiloés durch die großen Industrien weiter fortschreiten. Derzeit bleiben weiterhin mehrere Verkehrsknotenpunkte der Insel blockiert. Die Proteste auf der Straße und die Verhandlungen am runden Tisch gehen weiter.

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