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Täglich grüßt die Atombombe

Israel behauptet, Bolivien und Venezuela würden Uran für das iranische Atomprogramm liefern. Bolivien dementiert energisch

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Täglich grüßt die Atombombe
Evo Morales und Mahmud Ahmadineyad in La Paz 2007

La Paz. Am Dienstag berichtete die Nachrichtenagentur AP über ein Papier aus israelischen Geheimdienstkreisen, das behauptet, Bolivien und Venezuela würden Uran an den Iran liefern und damit das dortige Atomprogramm unterstützen. Beide Länder hatten im Januar die diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen, um gegen das Massaker zu protestieren, das vom israelischen Militär beim Angriff auf den Gaza-Streifen verübt wurde. Spiegel-Online, das die Meldung als erstes Deutsch sprachiges Nachrichtenmedium übernahm, spricht von einem "dreiseitigen Dokument aus dem israelischen Außenministerium", welches sich auf Berichte des Geheimdienstes berufe. Angeblich wurde der als "geheim" deklarierte Bericht angefertigt, um die Lateinamerika-Rundreise des israelischen Außenministers Avigdor Liebermann vorzubereiten. Der israelische Außenminister ist Vorsitzender der rechtsradikalen Partei "Unser Haus Israel", die sich unter anderem für die Vertreibung aller Palästinenser aus Israel einsetzt.

Der israelische Bericht trifft keine Aussagen über die Herkunft des angeblich gelieferten Uran. Bolivien und Venezuela verfügen zwar über Uranvorkommen, die allerdings nach Auskunft internationaler Energie-Agenturen nicht gefördert werden. Der Vorsitzende der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO), Mohamed ElBaradei, hatte vor zwei Monaten Bolivien besucht und Präsident Evo Morales Unterstützung bei einer Uran-Förderung für friedliche Zwecke angeboten. Das bolivianische Außenministerium verurteilte gestern die Berichte in einer scharf formulierten Erklärung. Darin bezeichnete die bolivianische Regierung die israelischen Nachrichtendienste als "nutzlos und unfähig". Der bolivianische Ministerpräsident, Juan Ramón Quintana, erklärte mit Blick auf die israelischen Geheimdienste: "Nur einem Clown kann eine derartige Geschichte passieren." Bolivien unterhält seit September 2007 Beziehungen zur Islamischen Republik Iran. Das Kooperationsprogramm zwischen beiden Ländern umfasst Straßenbauprojekte, Kommunikationsdienstleistungen, Milchproduktion und Energieverträge. Hugo Chávez, der gestern auf einer Pressekonferenz mit dem brasilianischen Präsidenten Lula da Silva auf die Vorwürfe angesprochen wurde, wollte das nicht kommentieren und meinte, solche Geschichten höre man schließlich andauernd.

Die Behauptung, politische Gegner würden mit Uran handeln, scheint sich zu einem Klassiker der rhetorischen Krisenanbahnung zu entwickeln. Im Februar 2003 überraschte das US-Außenministerium mit der Information, dass Sadam Hussein angeblich in dem afrikanischen Staat Niger Uran kaufen wollte. Die zugrunde liegenden Dokumente des britischen Geheimdienstes entpuppten sich bei einer Prüfung durch die IAEO als eine plumpe Fälschung. Im April 2008 wollte der kolumbianische Geheimdienst die Guerilla-Organisation FARC mit Uran in Verbindung bringen. Als sich die kolumbianische Regierung wegen einer Attacke des Militärs auf ein Lager der FARC im Nachbarstaat Ecuador scharfer internationaler Kritik ausgesetzt sah, behaupteten die kolumbianische Sicherheitsdienste, man habe 30 Kilogramm Uran sichergestellt. Angeblich wollte die Guerilla das Material für 2,5 Millionen Dollar pro Kilo kaufen. Auch in diesem Fall äußerte die IAEO, dass sie von einem derartigen Uran-Fund keinerlei Kenntnisse habe. Trotz der fragwürdigen Quellenlage und der offensichtlichen Interessenlage der Konfliktparteien gelangten beide Geschichten in die Weltpresse. Im aktuellen Fall kritisierte Juan Ramón Quintana gestern Journalisten, die eine derartige Geschichte ungeprüft kolportieren.

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Unterdessen scheint sich bei den regierenden Demokraten in den USA ein veränderter Umgang mit real existierenden Atomwaffen abzuzeichnen. Unmittelbar vor dem Besuch des neuen israelischen Premierministers in Washington forderte die amerikanische Atomunterhändlerin Rose Gottemoeller Israel vor zwei Wochen auf, dem Nichtverbreitungsvertrag für Atomwaffen beizutreten. Sie nannte Israel scheinbar beiläufig zusammen mit Indien, Pakistan und Nordkorea. Seit den Geheimabsprachen zwischen Nixon und Golda Meir galt das von den USA aufgebaute Atomprogramm Israels als Tabu. Der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter hatte bereits im Mai 2008 auf einer Pressekonferenz die Zahl der israelischen Atomwaffen mit 150 beziffert. Obwohl Israels Atombomben-Arsenal seit 1986 bekannt ist, wird es von westlichen Regierungen und der bürgerlichen Presse konsequent nicht thematisiert. Zuletzt sah sich im Dezember 2006 der damalige israelische Premierminister Ehud Olmert mit Rücktrittsforderungen konfrontiert, als er öffentlich erwähnte, dass sein Land überhaupt Atombomben besitzt.


Bild: TeleSur

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