Selbstverwaltung in Guatemala

Indigene Bürgermeister: Selbstorganisation und Mobilisierungskraft

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Die indigenen Bürgermeister in Olintepeque, Departamento Quetzaltenango
Die indigenen Bürgermeister in Olintepeque, Departamento Quetzaltenango

Jeden Donnerstag kommen die Alcaldes Indígenas (Indigene Bürgermeister) aus den verschiedenen Dörfern des Landkreises Olintepeque zu ihrer Versammlung in den gleichnamigen Hauptort des Landkreises. Der Sitz der Alcaldes Indígenas befindet sich direkt am zentralen Platz des Landkreises, in Nachbarschaft der katholischen Kirche und nur wenige Meter von der offiziellen Verwaltung entfernt. Der Landkreis hat gut 41.000 Einwohner, liegt nur wenige Kilometer nördlich der Großstadt Quetzaltenango. Die Mehrheit der Einwohner sind Indigene von der Volksgruppe der Maya K'iche'.

Vier zentrale Punkte bestimmen ihre Arbeit, erklärt Carlos Mejía, stellvertretender Indigener Bürgermeister: Schutz der Umwelt, Konfliktlösung, Verteidigung der Rechte der Indigenen und die Bewahrung der Kulturen und Gewohnheiten. Beim Schutz der Umwelt und des Territoriums geht es um die Verschmutzung durch Müll und ökologische Landwirtschaft. Themen sind weiter das Ley Monsanto und aktuell das Wassergesetz. Das Ley Monsanto, offiziell das im Dekret 19-2014 festgelegte Gesetz zum Schutz von Pflanzensorten, ist nach Protesten eigentlich vom Tisch. Es gibt jedoch immer wieder politische Initiativen, die das Gesetz, von dem Kritiker annehmen, dass es zur Privatisierung von Saatgut führen könnte, auf die politische Agenda zurückholen wollen. An dem Wassergesetz unter dem Motto Unidos por el agua (Gemeinsam für das Wasser), wird seit 2024 im Kongress gearbeitet. Offiziell soll es dem Schutz von Wasserquellen dienen, Landarbeiterorganisationen befürchten jedoch eine Privatisierung von Flüssen und Wasserquellen durch die Hintertür.

Vieles im Bereich des Umweltschutzes hier im Landkreis ist präventiv, erklärt Mejía. Aktuell gebe es keine Bergbau- und Megaprojekte. Um 2010, erinnern sich die indigenen Bürgermeister, wollte der private Stromversorger Trecsa Guatemala, Tochterfirma der Grupo Energía Bogotá, eine Stromtrasse durch den Landkreis bauen. Die Einwohner konnten eine Volksbefragung durchsetzen, geregelt im Abkommen 169 der ILO, das die Zustimmung indigener Völker bei Großprojekten in ihrem Gebiet vorschreibt. Mehrheitlich sprach sich der Landkreis gegen den Bau aus, an den Jahrestag der Abstimmung wird jährlich erinnert. "Wir sind weiter wachsam", sagte Benito Osorio, ein schon älteres Mitglied der Gruppe von Alcaldes, "wir haben im Landkreis 36 Hektar weitgehend natürlichen Wald und unberührte Berge, das soll auch so bleiben".

In den Bergen liegen auch verschiedene Maya-Altare, deren Pflege Teil ihrer Arbeit zum Schutz der Kulturen und Gebräuche ist. Ein historisches Ereignis im Landkreis liegt zwar schon 502 Jahre zurück, ist aber weiter präsent. Im Februar 1524 kam es hier im Landkreis zur letzten großen Schlacht der K'ich'e gegen die spanischen Eroberer. Prinz Tecún Umán fiel in der Schlacht, sein Todestag am 20. Februar wird im Landkreis jedes Jahr mit großen Aktivitäten begangen.

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Nach 500 Jahren Rassismus und Ausgrenzung ändert sich das Verhalten gegenüber den indigenen Völkern langsam: Vizepräsidentin Karin Herrera bei der Vorstellung des Regierungsberichts im Gespräch mit indigenen Bürgermeistern aus Sololá
Nach 500 Jahren Rassismus und Ausgrenzung ändert sich das Verhalten gegenüber den indigenen Völkern langsam: Vizepräsidentin Karin Herrera bei der Vorstellung des Regierungsberichts im Gespräch mit indigenen Bürgermeistern aus Sololá

Beim Thema des Schutzes der Rechte der indigenen Völker kommt man auf die aktuelle Situation und die Regierung von Bernardo Arévalo zu sprechen, die jetzt genau die Hälfte ihrer Amtszeit beendet hat. "Ohne Zweifel haben sich Dinge verändert", sagte Mejía. "Monatlich gibt es Treffen zwischen indigenen Bürgermeistern und Präsident Arévalo sowie einzelnen Ministern statt, in vorangegangenen Regierungen undenkbar". Besorgt sei man aber über die fortgesetzten Festnahmen, initiiert von der Staatsanwaltschaft, "Rache für unsere Proteste im Jahr 2023 für die Verteidigung der Demokratie".

Am Tag vor der Versammlung wurde der ehemalige stellvertretende Bürgermeister der Selbstverwaltungsorganisation 48 Kantone aus Totonicapán, Basilio Puac, verhaftet. Mit Luis Pacheco und Héctor Cháclan sitzen zwei weitere Mitglieder des Vorstandes der 48 Kantone seit April 2025 in Haft. Vorgeworfen wird ihnen Behinderung der Justiz, Terrorismus und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Es geht um die Straßenblockaden, mit denen der Amtsantritt von Arévalo durchgesetzt wurde, als die alten Eliten des Landes diesen verhindern wollten. Einen Tag nach dem Treffen in Olintepeque wurde Puac gegen Auflagen wieder freigelassen, das Verfahren gegen ihn läuft aber weiter.

Ob sich die Alcaldes Indígenas als politische Bewegung sehen, frage ich die Anwesenden. Norma Beatriz Chávez, die einzige anwesende Frau, erklärt, "manche im Landkreis sehen die Alcaldes als Linke oder Revolutionäre". Sie selbst sehe das aber nicht so, "links und rechts sind in Guatemala nur Synonyme für Korruption", sagt sie. Juan Chiguil, auch er ein schon älterer Herr, ist aber schon lange politisch aktiv, auch außerhalb der Alcaldes. Gemeinsam mit Osorio war er zum Ende des Bürgerkrieges in Gremien vertreten, in denen Organisationen der Zivilgesellschaft gemeinsam mit der linken Guerilla URNG Vorschläge für das Friedensabkommen ausarbeiteten, das 1996 in Kraft trat. Regelmäßig nimmt eine Abordnung der Alcaldes aus Olintepeque an den Demonstrationen am 1. Mai und am 20. Oktober, dem Jahrestag der Revolution von 1944, in Quetzaltenango teil.

Konfliktlösung ist eine weitere wichtige Aufgabe der Alcaldes. Das kann sowohl Streit zwischen Gemeinden, zum Beispiel um Land, sein oder auch Konflikte zwischen Personen. Vor kurzem gab es einen längeren Streit zwischen zwei Gruppen von Mitarbeitern im Gesundheitsposten, bei dem wir geschlichtet haben, erzählt Elias Hernández. Auch er gehört zu den Alcaldes. Bei juristischen Streitereien oder der Schuldfrage bei Verkehrsunfällen werden die Bürgermeister gerufen. Dabei gibt es auch regionale Unterschiede, wie ausgeprägt die Aktivitäten der Alcaldes sind. In vielen Regionen werden aber auch Fälle von Kriminalität, mit Ausnahme von Kapitalverbrechen wie Mord, durch die Alcaldes geregelt. Kapitalverbrechen sind in den indigenen Regionen des Landes vergleichsweise selten. In Totonicapán gab es im Jahr 2025 1,0 Mordfälle auf 100.000 Einwohner, in Quiché 1,8 und in Huehuetenango 2,0. Im Landesdurchschnitt sind es 42 Morde auf 100.000 Einwohner.

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Der aktuelle Vorstand der 48 Kantone bei der Gerichtsverhandlung gegen Basilio Puac im Gerichtsgebäude
Der aktuelle Vorstand der 48 Kantone bei der Gerichtsverhandlung gegen Basilio Puac im Gerichtsgebäude

Als bekanntestes Beispiel, nicht erst seit dem Widerstand von 2023, gelten die 48 Kantone im Landkreis Totonicapán, offiziell Concejo de Alcaldes de los 48 Cantones (Rat der kommunalen Bürgermeister der 48 Kantone). Von vielen wird die Organisation als "Vater der indigenen Selbstverwaltung in Guatemala" bezeichnet. Die Struktur geht zurück auf den Aufstand von Atanasio Tzul und der indigenen Bevölkerung von Totonicapán gegen die spanische Kolonialherrschaft im Jahre 1820. Auffallend ist, dass viele Mitglieder des Rates der 48 Kantone jung sind, bei den Alcaldes in Olintepeque überwiegen die älteren Semester. "Viele von ihnen in Totonicapán sind auch gut ausgebildet, haben studiert, sind Ärzte oder Anwälte, wir hatten diese Bildungsmöglichkeiten noch nicht", erklärte Chiguil.

Viele Vertreter indigener Autoritäten legen Wert auf die Feststellung, dass die Strukturen schon seit "Tausenden Jahren" in dieser Form funktionieren. Die Anthropologin Lina Barrios erklärt in einem Artikel: "Vor der Eroberung nutzten die Maya eine Form der sozialen Organisation, die mit der Ankunft der Spanier unterdrückt wurde, da die westliche Kultur ihre eigene Regierungsstruktur mitbrachte." Am Ende der Kolonialzeit und während des Übergangs zur Unabhängigkeit entstanden jedoch "Mischformen" der Macht: "In dieser Regierungsform bekleideten Ladinos die Ämter der Bürgermeister und Sekretäre, während die indigene Bevölkerung auf Positionen mit geringerer Macht beschränkt wurde." Unter Ladinos versteht man in Guatemala Nachkommen von Europäern, auch gemischt mit indigener Abstammung, die aber Spanisch als erste Muttersprache sprechen. Ladinos gelten neben den Maya, Xinka und Garífuna als eigene Volksgruppe im Land.

Carlos Fredy Ochoa, auch er Anthropologe und in Totonicapán geboren, hebt in einem Text hervor, "dass die im 19. Jahrhundert von Liberalen wie Konservativen gleichermaßen angestrebte Vereinigung der Gemeindeverwaltung zu einem dualen Gemeindesystem führte, in dem zwei Bürgermeisterämter parallel regierten. Gemeinden in Chichicastenango und Sololá sind beispielhaft für diese Koexistenz, in der diese Bürgermeisterämter nie verschwanden; vielmehr existierte neben der offiziellen Gemeindeverwaltung eine K’iche’- und eine Kaqchikel-Regierung".

Auch die Alcaldes in Olintepeque erzählen, zunächst hieß ihre Struktur "Hilfsbürgermeister", nach dem Friedensabkommen änderte sich die Bezeichnung in indigene Bürgermeister, manchmal auch Kommunale Bürgermeister. 2002 regelte das Gemeindegesetz im Artikel 55 "die Anerkennung, den Respekt und die Förderung indigener Autoritäten durch den Staat". Ob man mit der jetzigen Form zufrieden sei, frage ich die Bürgermeister. "Wir hatten nach dem Friedensabkommen schon erwartet, dass jetzt ein plurinationaler Staat kommt, der unsere Vorstellungen deutlich berücksichtigt, das ist bisher nicht der Fall", sagt Osorio.

Wieviel indigene Bürgermeister es genau gibt, ist unklar, auch weil nicht immer das Gleiche gemeint ist. "Es gibt indigene Autoritäten, indigene Bürgermeister, manchmal werden aber auch die Cocodes, offizielle Gemeinderäte, die ebenfalls nach dem Friedensabkommen entstanden, mit dazugezählt", erklärt Mejía. Geschätzt wird aber, dass in rund 8.000 Gemeinden indigene Autoritäten bestehen, vor allem im Norden und Westen des Landes, insgesamt in 13 der 22 Departamentos Guatemalas.

Gemeinsam ist den indigenen Autoritäten, dass die Wahlen in öffentlichen Versammlungen stattfinden, in der Regel per Handzeichen. Wahlberechtigt sind meist alle Einwohner ab 15 Jahren, ein "Wahlkampf" mit Kampagnen und Versprechungen nach westlichem Muster findet nicht statt. Die Arbeit der indigenen Bürgermeister ist unbezahlt, eine "Ehre, dem Volk zu dienen", betonen die Alcaldes aus Olintepeque. Wichtig sei aber, dass die Kandidaten eine "weiße Weste" haben, Menschen mit "schlechtem Verhalten in der Gemeinde, Alkoholproblemen, Vorwürfen von Kriminalität oder häuslicher Gewalt wollen wir nicht". In der Regel werden die Posten jährlich neu gewählt, in manchen Regionen für zwei Jahre, in manchen Gemeinden gilt die Wahl auch lebenslang. Auch zur Frage einer Widerwahl gibt es unterschiedliche Regelungen, der Posten des Präsidenten der 48 Kantone kann beispielsweise pro Person nur einmal im Leben ausgeübt werden.

Frauen sind vertreten, aber deutlich unterrepräsentiert. Viele Alcaldes sind Männer. Das ist ein "komplexes Thema", erklärte eine indigene Bürgermeisterin aus dem benachbarten Landkreis Cajolá im vergangenen Jahr dem Autor. "Es gibt viel Machismus und viele Frauen haben Angst, sich öffentlich zu engagieren. Da spielt die Gewohnheit, aber auch der häufig geringere Zugang zur formellen Bildung eine Rolle", sagte sie.

Die indigene Bevölkerung machte 2023 rund 44 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, andere Statistiken nennen aber noch höhere Zahlen. Die Armut ist deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung, so lebten 2023 75 Prozent der Indigenen in Armut, bei der nicht-indigenen Bevölkerung waren es 36 Prozent. Besonders deutlich wird dies auch bei der Armut in den einzelnen Departamentos. In Alta Verapaz leben 90,3 Prozent der Einwohner in Armut, gefolgt von Quiché mit 86,4 Prozent, Huehuetenango mit 81,2 Prozent und Baja Verapaz mit 80,2 Prozent. Alle vier Departamentos haben einen hohen Anteil indigener Einwohner.

Die chronische Unterernährung bei Kindern beträgt bei der indigenen Bevölkerung 58 Prozent gegenüber 38 Prozent bei Ladinos. 2023 waren lediglich 15 Prozent der Abgeordneten und höheren Staatsbeamten indigener Herkunft. Auch beim allgemeinen Schulbesuch sowie bei höheren Schul- und Universitätsabschlüssen ist, trotz Fortschritten in den vergangenen Jahren, die indigene Bevölkerung deutlich unterrepräsentiert.

Der Text erschien in leicht gekürzter Form erstmals am 28.1.2026 in der Tageszeitung junge Welt