Costa Rica steht vor einem Wahlkampf voller Unsicherheit. Zwar zeigen die öffentlichen Finanzen erste Anzeichen von Erholung, doch bleibt der Wohlstand höchst ungleich verteilt. Investitionen ins öffentliche Gesundheitswesen wurden gestoppt, obwohl der Bau dringend benötigter Krankenhäuser endlich voranzukommen scheint. Das öffentliche Bildungssystem befindet sich im freien Fall und über die tatsächlichen administrativen Kapazitäten der Bildungsverwaltung ist wenig bekannt.
Trotz gestiegener Haushaltsmittel und eines offensichtlichen sozialen Missstandes, besteht die sicherheitspolitische Strategie der Regierung darin, Ausbildungszentren zu schließen und Polizeieinheiten in weniger relevante Aufgabenbereiche zu versetzen. Vor diesem Hintergrund berief das Oberste Wahlgericht am 1. Oktober offiziell 20 Personen ein, die die formalen Voraussetzungen für eine Präsidentschaftskandidatur erfüllen. Rund um diesen Akt überschwemmten Anschuldigungen, Ermittlungen und Desinformationskampagnen die Bildschirme der Costa-Ricaner:innen – die Wahl selbst erweist sich damit schon jetzt als Belastungsprobe für die demokratischen Institutionen des Landes, wie diese Analyse zeigt.
Die idealisierte costa-ricanische Selbstwahrnehmung einer egalitären Gesellschaft hat ihre historische Kraft verloren und den wahren sozialpolitischen Zustand des Landes offengelegt: rapide steigende Lebenshaltungskosten, ein Gesundheitswesen in akuter Not und ein Bildungssystem, das von Generation zu Generation im regionalen wie globalen Vergleich weiter abrutscht. Zudem wächst im Land das Gefühl einer systemischen Ungerechtigkeit, denn obwohl sich die Wirtschaftslage zu verbessern scheint, wächst die Einkommens- und Vermögensungleichheit.
Präsident Rodrigo Chaves hat im Verlauf des Jahres seinen Regierungsposten genutzt, um Unwahrheiten, Halbwahrheiten und aus dem Kontext gerissene Informationen zu verbreiten. Oppositionsabgeordnete werfen ihm vor, weiter "Brücken zu sprengen" – also Kommunikations- und Verhandlungskanäle zu zerstören – und die Ressourcen des Präsidentenamtes für "billige politische Propaganda" zu missbrauchen.
Diese Kritik fällt in eine Zeit, in der die Regierung die Haushaltsmittel für Schulen und das System der Primärversorgung drastisch gekürzt hat. Die Abgeordnete Sonia Rojas von der Mitte-Rechts-Partei PLN kritisierte etwa, dass das Stipendienprogramm für Grund- und Sekundarschüler:innen zwischen 2021 und 2024 um fast 100.000 Stipendien geschrumpft sei. Entsprechend wenig überraschend ist der Befund der Opposition: Die Einkommensungleichheit hat nicht ab-, sondern zugenommen – selbst nach Steuern und Sozialabgaben, wie der Gini-Koeffizient1 zeigt.
Hinzu kommt eine erschütternde Welle von Gewaltverbrechen, ausgelöst durch die Überschneidung geopolitischer und wirtschaftlicher Faktoren. Costa Rica ist zunehmend ein Knotenpunkt des regionalen Drogenhandels – mit verheerenden Folgen: 2023 verzeichnete das Land die höchste Mordrate seiner Geschichte, gefolgt von 2024. Auch 2025 scheint sich der Trend fortzusetzen: Bis Anfang Oktober gab es über 700 Fälle und Prognosen gehen von bis zu 900 Morden im Jahresverlauf aus.
Die Regierung reagierte bislang kaum. Präsident Chaves kommentiert lapidar, das Land erlebe "einen Krieg zwischen bewaffneten Banden, die sich gegenseitig töten". Tatsächlich hat seine Administration die Überwachung der Küstengebiete geschwächt und sich über weite Teile des Jahres geweigert, Sonderbudgets für die öffentliche Sicherheit freizugeben.
Wahlkampf und politische Angebote
Das Oberste Wahlgericht (TSE) hat offiziell den Wahlkampf für die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 1. Februar 2026 eröffnet. Das Wählerverzeichnis umfasst 3,7 Millionen Bürger:innen. Doch laut der jüngsten Umfrage des Forschungszentrums CIEP der Universität Costa Rica (UCR) verfügen 70 Prozent der Befragten weder über politische Bindung noch zeigen sie Sympathie für irgendeine Partei. 20 Parteien wurden offiziell zugelassen – das verhindert praktisch einen Sieg in der ersten Runde. Rund 26 Prozent der Befragten geben zudem an, "überhaupt kein Interesse" am Wahlprozess zu haben. Ein Monat zuvor hatte das CIEP zudem erwiesen, dass knapp 20 Prozent der Befragten "überhaupt nicht" wählen gehen würden.
Als Beweis dieser Symptome hatte sich das Regierungsbündnis von Rodrigo Chaves kurz nach seinem Amtsantritt aufgelöst. Die Partei, die ihn in sein Amt gebracht hat, existiert nur formal, denn sie ist programmatisch untrennbar von der Opposition. Chaves politische Nachfolgerin Laura Fernández, vom Umfeld des Präsidenten ausgewählt, gründete eine neue Koalition aus fünf Parteien – von der inzwischen nur noch zwei übrig sind.
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Außer Fernández stehen noch Álvaro Ramos von der PLN und Ariel Robles vom Linksbündnis Frente Amplio in der Öffentlichkeit als potenzielle Konkurrenz. Die beiden landen aber laut den jüngsten Umfragen jeweils unter zehn Prozent. Was in den Hintergrund rückt: Ideologische Positionen werden wenig diskutiert, denn die Top drei Parteien stehen für völlig unterschiedlich staatliche Einstellungen.
Parteiflut und politische Apathie
Bemerkenswert: Laut CIEP beklagen 45 Prozent der Befragten, dass es "zu viele Parteien" gebe, während über 20 Prozent die Vielzahl schlicht gleichgültig lässt. Die wachsende Parteiflut spiegelt somit eher politische Apathie als demokratische Vielfalt wider. Der CIEP-Bericht spricht von einer "Normalisierung politischer Fragmentierung". Doch die Realität zeigt: Hinter den Parteilabels stehen kaum differenzierte Programme – vielmehr dienen sie als Vehikel für politische Karrieren. Das Beispiel von Chaves und seiner Nachfolgerin Fernández illustriert das deutlich. Der in costa-ricanischem Kontext bekannte Spruch verwirklicht sich: Taxi-Parteien2 seien die herrschende parteipolitische Normalität.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (rund 55 Prozent) weiß laut CIEP-Umfrage noch nicht, wem sie ihre Stimme geben wird. Traditionell zeigt sich in Costa Rica zudem ein bekannter Trend: das "Stimmenbrechen" – also die Wahl unterschiedlicher Parteien auf Präsidial- und Parlamentsebene. Die Vielzahl ähnlicher Parteinamen und -farben macht diese Entscheidung zusätzlich unübersichtlich.
Desinformation und andere politische Probleme
Zu den strukturellen Herausforderungen kommt eine juristisch-administrative Krise hinzu. Zum ersten Mal in der Geschichte der Zweiten Republik wurde gegen einen amtierenden Präsidenten ein Verfahren zum Entzug der Immunität eingeleitet – wegen mutmaßlicher Korruptionsdelikte auf mehreren Ebenen. Zwar stimmte das Parlament mehrheitlich zugunsten von Chaves, doch die Ermittlungen sind lediglich vertagt, nicht aufgehoben. Plan des Regierungsapparates sei, den Präsidenten noch nach seiner Amtszeit wieder als Minister anzustellen, sodass jegliche Vorwürfe noch länger abgehalten werden müssen.
Der Präsident nutzte den Vorgang geschickt, um sich als Opfer einer "politischen Verfolgung" zu inszenieren. In seinen regelmäßigen Pressekonferenzen attackiert er seither die Opposition, kritische Medien und sogar das Wahlgericht TSE – eine der stabilsten Institutionen Lateinamerikas. Die daraus entstandene Welle von Memes und Online-Kampagnen gegen das TSE zwang die Behörde, ein Verfahren wegen "politischer Agitation im Amt" einzuleiten. Insgesamt zählt das Gericht mittlerweile 15 potenzielle Verstöße und beantragte im Parlament erneut die Aufhebung der Immunität des Präsidenten. Die stellvertretende Kongresspräsidentin Vanessa de Paul Castro Mora, Mitglied der Mitte-Rechts-Partei PUSC, forderte eine zügige Verhandlung noch vor Jahresende – ein Vorhaben, das angesichts der politischen Spannungen allerdings kaum Aussicht auf Erfolg hat.
Gleichzeitig erschüttert ein weiterer Skandal die politische Landschaft: Ein ehemaliger Sicherheitsminister – zugleich früherer Leiter mehrerer Strafverfolgungsbehörden – steht wegen mutmaßlicher Verbindungen zum Drogenhandel vor Gericht und soll an die USA ausgeliefert werden. Er selbst spricht von kriminellen Netzwerken in den Reihen des Staates.
Wie auch immer die Prozesse ausgehen – sie werden die politische Zukunft Costa Ricas nachhaltig prägen. Präsident Chaves wird die verbleibenden Monate seiner Amtszeit wohl weiterhin dazu nutzen, Institutionen und Kritiker:innen öffentlich anzugreifen. Die kommenden Monate könnten zum Prüfstein werden: Besteht Costa Ricas demokratische Identität diese Bewährungsprobe oder zeigen sich die einst tiefen Wurzeln der Demokratie bereits brüchig?
Der Beitrag ist in den Lateinamerika Nachrichten 618 erschienen.


