Die schottische Kolonie von Darien

Eine Ursache für das Ende des unabhängigen Schottlands im Jahr 1707

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Flagge der Darien-Gesellschaft
Flagge der Darien-Gesellschaft, der Company of Scotland Trading to Africa and the Indies

Bis zum Jahr 1707 existierte mit dem Königreich Schottland ein eigenständiger schottischer Staat, an dessen Tradition als unabhängige Nation die sozialdemokratische Schottische Nationalpartei (SNP) in diesen Tagen gerne anknüpfen würde. Am 18. September 2014 werden die schottischen Wähler zur Urne gebeten, um über die Unabhängigkeit ihres Landes zu entscheiden.

Das Referendum über den Austritt Schottlands aus der Union mit Großbritannien wird weitreichende Folgen für den inneren Status, die innere Verfasstheit sowie den internationalen Status des Vereinigten Königreiches haben, welches dann vielleicht Kleinbritannien heißen wird. Der erneute Versuch eines eigenständigen schottischen Staates dürfte einen Fehler des vergangenen Schottland nicht wiederholen können: Das kleine Königreich scheiterte damals unter anderem an seiner Kolonialpolitik in Nord- und Mittelamerika.

Ähnlich wie viele Staaten West- und Nordeuropas stürzte sich auch das Königreich Schottland im 17. Jahrhundert in verschiedene Kolonialabenteuer in der damals in Europa so genannten "Neuen Welt". In den 1620er Jahren organisierte Sir William Alexander im Auftrag des schottischen Königs Jakob VI. mehrere Kolonisationsversuche auf der Insel Nova Scotia (Neu-Schottland), welche heute eine kanadische Provinz ist.

Im Jahr 1629 gelang die dauerhafte Kolonisierung und das Gebiet wurde in das schottische Königreich eingegliedert. Wenige Jahre später jedoch fiel Nova Scotia an Frankreich. In den 1680er Jahren kamen weitere Kolonialversuche in den Gebieten der heutigen US-Bundesstaaten New Jersey und Carolina hinzu. Diese beiden Kolonien gingen an England verloren bzw. wurden durch Spanier zerstört.1 Ähnlich wie bei den meisten schwedischen und niederländischen Kolonien kamen die Siedler meist nicht aus dem jeweiligen Mutterland. In den schottischen Kolonien siedelten paradoxerweise viele Engländer.2

Im Jahr 1695 plante der schottische Finanzexperte William Paterson, der unter anderem an der Gründung der Bank of England mitgewirkt hatte3, die Gründung einer Schottischen Kolonialgesellschaft. Diese sollte an der schmalen Stelle zwischen beiden Ozeanen in Panama, dem so genannten Isthmus von Panama eine Kolonie gründen, über welche dann Handelsgüter aus den amerikanischen Kontinenten, Asien, Afrika und Europa ausgetauscht werden sollten. Die Gründung einer gemeinsam englisch-schottischen Gesellschaft scheiterte aufgrund des Widerstands aus der englischen East India Company und die eigenständig schottische Gesellschaft konnte ihr Kapital durch das Zeichnen von Anteilen durch schottische Bürger und Kommunen weitestgehend erreichen.4

Im Juli 1698 segelten die ersten fünf Schiffe mit 1.200 Frauen und Männern an Bord in Richtung des Isthmus von Panama, den Darien-Urwald. Nachdem im November desselben Jahres die Schiffe im heutigen Grenzgebiet von Panama und Kolumbien eintrafen, begann die konkrete Phase der Kolonisierung. Hilfe kam von den Ureinwohnern, mit denen die schottischen Offiziellen Verträge geschlossen hatten. Diese Ureinwohner hatten schlechte Erfahrungen mit den spanischen Kolonialherren gemacht und hofften nun auf generösere Herrscher.5

Doch der unfruchtbare Boden, das ungewohnte Klima, Moskitoplagen und das Ausbleiben eines jeden Handels mit anderen Kolonien setzten den Siedlern zu. Die englischen Kolonien in der Gegend hingegen halfen ihren schottischen Konkurrenten nach einem königlichen Erlass nicht. Der englische König William III. wollte seine spanischen Verbündeten aus dem Neunjährigen Krieg (1688-1697) nicht verärgern.6 Als "New Edinburgh" die Nachricht erreichte, dass spanische Schiffe die Kolonie angreifen wollen würden, gaben die Schotten im Juli 1699 die Siedlung vorläufig auf und fuhren zurück nach Westeuropa.

Der spanische Vizekönig von Neuspanien hatte tatsächlich befürchtet, dass die Schotten die kompletten Gebiete Panamas und Cartagenas einnehmen würden.7 Da die schottische Landnahme nahe Portobelo, früher auch San Felipe de Portobelo oder Puerto Bello genannt, erfolgte, sahen sich die Spanier im Zugzwang. Von Portobelo gingen zu dieser Zeit die "Carrera de Indias" genannten Karawanen von Schiffen aus Neuspanien los, die viele wichtige Handelsgüter und Reichtümer auf die iberische Halbinsel brachten.8

Generell überschätzten die spanischen Offiziellen die Bedrohung durch die schottische ökonomische und Marinepräsenz enorm. Da sich das Königreich Spanien in einer Zeit des Untergangs befand, reagierten spanische Militärs und Politiker auch besonders energisch auf Angriffe auf ihre Kolonien. Hätte Schottland das gesamte Gebiet Panamas eingenommen, wäre das spanische Vizekönigreich auf den amerikanischen Kontinenten an entscheidender Stelle in zwei Teile geteilt worden.

Nichts wissend um das vorläufige Scheitern der Operation war zum Zeitpunkt der Abreise der ersten schottischen Flotte aus Darien bereits eine zweite Flotte vom Mutterland aus in See gestochen und auf dem Weg nach Panama. Die 1.300 Frauen und Männer trafen im November 1699 auf die verlassene Stadt "New Edinburgh" und versuchten erneut, die Kolonie zu verstetigen. Doch nicht einmal ein halbes Jahr später fiel die Kolonie nach einer spanischen Belagerung. Die meisten schottischen Frauen und Männer fanden ihren Tod. Einige wenige Überlebende siedelten ins englische Jamaica über und versuchten dort ihr Glück.

Das Scheitern der Darien-Kolonie entwickelte sich zum vollen Desaster für das schottische Königreich. Nahezu ein Fünftel des liquiden Kapitals des Landes gingen dabei verloren.9 Die Darien-Gesellschaft, die Company of Scotland Trading to Africa and the Indies, existierte zunächst weiter. Schottische Schiffe genossen Anfang des 18. Jahrhunderts noch Präferenzbedingungen beim Handel mit Frankreich, welches sich wiederum mit England in einem Konflikt, dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714), befand.10 Doch der Handel mit Frankreich blieb minimal. Ab 1703 wurde deutlich, dass der einzige Ausweg für das ökonomische Desaster in Schottland die Union mit England seien könnte.

Nach dem schottisch-englischen Unionsvertrag von 1707 erhielten die schottischen Unternehmer Zugang zu den britischen Kolonien in Übersee und beteiligten sich unter anderem am Sklaven- und Tabakhandel. Legendär wurden im 18. Jahrhundert die Glasgower "Tobacco Lords", da sie Unmengen an Reichtum erwarben.

Nach der Unabhängigkeit der USA erlebten diese Unternehmer jedoch einen wirtschaftlichen Niedergang. Im Jahr 1710 erfolgte mit der britischen Rückeroberung Neuschottlands die erste gemeinsam englisch-schottische Militärexpedition des Vereinigten Königreiches.11 Aus der Company of Scotland Trading to Africa and the Indies ging im Zuge der Union mit England die Royal Bank of Scotland hervor, welche bis heute das größte Finanzinstitut Schottlands ist – aber wahrscheinlich das Land im Falle der Unabhängigkeit verlassen wird.12

Die Zeit Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts hat bis heute große Aufmerksamkeit bei schottischen Historikern gefunden. Dabei bleibt weiterhin umstritten, ob das "Desaster vom Darien" zur schieren Notwendigkeit einer Union mit England führte oder eher die Aussicht auf profitablen Freihandel mit den englischen Überseekolonien die schottischen Entscheidungsträger der Vereinigung gegenüber positiver werden ließ.13

Festzustellen ist nichtsdestotrotz, dass das Kolonialabenteuer in Mittelamerika enormen wirtschaftlichen Schaden über das Königreich Schottland brachte, das Vertrauen des schottischen Bürgertums ins Mark erschütterte und zur generellen Krise der schottischen Nation beitrug.

  • 1. Michael Fry: The Scottish Empire, East Linton 2001, S. 21.
  • 2. Ned C. Landsman: Nation, Migration, and the Province in the First British Empire: Scotland and the Americas, 1600-1800, in: The American Historical Review, Vol. 104 (1999), Nr. 2, S. 463-475 (hier: S. 465).
  • 3. Hiram Bingham: The Early History of the Scots Darien Company, in: The Scottish Historical Review, Jg. 3 (1906), Nr. 10, S. 210-217 (hier: S. 212).
  • 4. John R. Young: The Scottish Parliament and the politics of empire: Parliament and the Darien Project, 1695–1707, Parliaments, Estates and Representation, Jg. 27 (2007), Nr. 1, S. 175-190 (hier: S. 181).
  • 5. Christopher Storrs: Disaster at Darien (1698–1700)? The Persistence of Spanish Imperial Power on the Eve of the Demise of the Spanish Habsburgs, in: European History Quarterly, Jg. 29 (1999), Nr. 1, S. 5-38 (hier: S. 9).
  • 6. Eric J. Graham: In Defence of the Scottish Maritime Interest, 1681-1713, in: The Scottish Historical Review, Jg. 71 (1992), Nr. 191/192, Teile 1 & 2, Nr. 88-109 (hier: S. 102).
  • 7. Storrs: Disaster at Darien (1698–1700)?, S. 8.
  • 8. Ebenda.
  • 9. David Armitage: Making the Empire British: Scotland in the Atlantic World 1542-1707, in: Past & Present, Nr. 155 (1997), S. 34-63 (hier: S. 59).
  • 10. Henri Sée/Alexander A. Cormack: Commercial Relations between France and Scotland in 1707, in: The Scottish Historical Review, Jg. 23 (1926), Nr. 92, S. 275-279 (hier: S. 275).
  • 11. Michael Fry: The Scottish Empire, East Linton 2001, S. xxi.
  • 12. Gabriel Rath: Schottland: Banken drohen mit Abzug, diepresse.com 11.09.2014, http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/3868814/Schottland_Banken-drohen-mit-Abzug.
  • 13. Graham: In Defence of the Scottish Maritime Interest, 1681-1713, S. 88.