Mexiko-Stadt. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum hat eine umfassende Strategie zum Umgang mit der massiven Algenkrise in der Karibik vorgestellt. In Quintana Roo, dem Bundesstaat, der am stärksten von der Ansammlung dieser Makroalge an den Küsten betroffen ist, wird die Regierung zwei Milliarden Pesos (rund 100 Millionen Euro) investieren.
Das Vorkommen der Braunalge Sargassum wächst exponentiell. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich in diesem Jahr die Menge der Algen an den Stränden vervierfacht. Laut dem Ministerium für Umwelt und natürliche Ressourcen (Semarnat) treiben in diesem Jahr in der mexikanischen Karibik täglich 90.538 Tonnen im Meer. Davon werden täglich rund 9.000 Tonnen an die Küsten angespült, wo sie verwesen und dabei übelriechendes Schwefelwasserstoffgas freisetzen.
Nach Angaben des Leiters des Marineministeriums, Admiral Raymundo Pedro Morales, werden acht zusätzliche Schiffe zur Bergung der Alge auf hoher See angeschafft. Zudem sollen die Küstenschutzbarrieren erweitert werden, um aktuelle Lücken in besonders kritischen Gebieten wie Playa del Carmen, Cancún und Tulum zu schließen.
Derzeit beträgt die Sammelkapazität der Marine 1.227 Tonnen Sargassum pro Tag im Meer und 950 Tonnen direkt an den Stränden; mit der angekündigten Investition sollen bis 2027 insgesamt 4.000 Tonnen täglich erreicht werden. Für die Lagerung und Entsorgung von Sargassum sind Zwischenlagerplätze für maximal 72 Stunden sowie zugelassene Endlager erforderlich, um zu verhindern, dass Schadstoffe wie Schwermetalle durch Sickerwasser den Boden und das Grundwasser schädigen.
Seit 2011 kommt es zu einem vermehrten Auftreten des auch Golftang genannten Sargassums im Atlantik. Die Algenpest verändert die vormals paradiesischen Karibikstrände zunehmend und stellt Anwohner und Tourismusindustrie vor große Herausforderungen. Toni Chávez, Vorsitzender des Hotelverbands der Riviera Maya, sieht in der Regierungsankündigung einen großen Schritt nach vorne, da die Bekämpfung der Sargassumplage "zur Staatspolitik und nationalen Priorität" erklärt werde. Ob die Maßnahmen ausreichen, wird die nahe Zukunft zeigen.
Ohne Moos nix los
Ihnen gefällt die Berichterstattung von amerika21? Damit wir weitermachen können, brauchen wir Ihre Unterstützung.
Der an der Küste verwesende Algenteppich bildet auch für Meerestiere wie Schildkröten eine erhebliche Gefahr. Zunächst nur während zwei Monaten des Jahres beobachtet, ist die Alge inzwischen fast das ganze Jahr über am Strand zu finden. Besonders betroffen sind neben der mexikanischen Karibikküste auch viele Karibikinseln, darunter die Dominikanische Republik und Kuba, sowie Florida.
Die mexikanische Umweltministerin Alicia Bárcena erklärte, dass sich diese Algenart ursprünglich in dem sogenannten Sargassomeer vor der Küste Floridas befand. "Es handelte sich um ein begrenztes, in sich geschlossenes Sargassomeer", das aufgrund des Klimawandels aufbrach. Ab 2011 drang das Sargassum bis an die Küsten Afrikas vor, fügte sie hinzu. Von dort sammelt es sich dann in den warmen Gewässern des tropischen Atlantiks zwischen Afrika und Brasilien an, wo es sich ernährt und massenhaft vermehrt. "Anschließend transportieren Meeresströmungen und Winde das Sargassum in die Karibik, was die gesamte Karibikregion beeinträchtigt", erklärte Bárcena.
Das exponentielle Wachstum der Alge wird nach wissenschaftlichen Thesen durch zwei menschengemachte Phänomene verursacht: die infolge des Klimawandels immer höheren Meerwassertemperaturen sowie die Kunstdüngerrückstände im Atlantik. In einer in der Zeitschrift PLOS Climate veröffentlichten Studie heißt es: "In der lokalen Umgebung reagiert Sargassum empfindlich auf Umweltbedingungen, und neue Erkenntnisse bestätigen, dass die Wachstumsraten temperaturabhängig sind."
Laut einer von der Florida Atlantic University in der Zeitschrift Nature Communications publizierten Studie ist die Stickstoffmenge aus agrochemischen Düngemitteln in den Gewässern des Golfs von Mexiko in den letzten Jahrzehnten dramatisch angestiegen. Der Mississippi, der einen Großteil des landwirtschaftlichen Kernlandes der USA durchfließt, spült große Mengen an Agrarchemikalien in den Golf von Mexiko. Das phosphorreiche Wasser fördert das Wachstum der Sargassum-Alge, zusätzlich zu den Nährstoffen aus der Landwirtschaft Afrikas und Brasiliens.
In einer neuen Studie haben Forschende des Max-Planck-Instituts mit Hilfe von Korallenbohrkernen den Zusammenhang zwischen Algenblüte und verstärkter Stickstofffixierung nachgewiesen. Die Zukunft des Sargassum im tropischen Atlantik hänge letztendlich davon ab, "*wie sich die Erderwärmung auf die Prozesse auswirkt, die für die Zufuhr von überschüssigem Phosphor in den äquatorialen Atlantik verantwortlich sind,“ sagte Alfredo Martínez-García, Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Chemie.

