Havanna/Caracas et.al. Eine der größten Kundgebungen hat in Havanna stattgefunden. In der kubanischen Hauptstadt versammelten sich nach Veranstalterangaben rund eine halbe Million Menschen, um in den frühen Morgenstunden gegen die Aggression der USA zu protestieren. An der Spitze des Demonstrationszuges gingen Staatspräsident Miguel Díaz-Canel, Ex-Präsident Raúl Castro und weitere Persönlichkeiten aus der Regierung und der Kommunistischen Partei. An der Demonstration nahmen auch rund 600 Delegierte aus verschiedenen Ländern teil, die nach Kuba gereist waren, häufig mit Hilfsgütern im Gepäck, und ihre Solidarität mit dem sozialistischen Land bekundeten.
Kuba leidet seit Jahrzehnten unter einer Wirtschaftsblockade aus den USA, die in den vergangenen Monaten noch verschärft wurde. Am 1. Mai kündigte US-Präsident Donald Trump noch weitere Verschärfungen der Blockade an (amerika21 berichtete). Auf verschiedenen Demonstrationen zum 1. Mai in Lateinamerika wurde zur Solidarität mit Kuba aufgerufen und die Blockade verurteilt.
In Venezuelas Hauptstadt Caracas versammelten sich Tausende Arbeiter zu vier Sternmärschen. Zentrales Thema waren die am Vortag von Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez angekündigten Gehaltserhöhungen, die zusammen mit einem Paket an Bonuszahlungen in Kraft treten. Laut France24 wurden die Maßnahmen auf der Demonstration kritisiert, weil die Bonuszahlungen nicht in die Sozialversicherungsbeiträge einfließen und daher nicht zur Erhöhung von Renten und Sozialleistungen beitragen. Das Blatt zitiert den Gewerkschafter Franklin Velásquez, der die Gehaltserhöhungen als "Betrug" bezeichnete. "Heute wissen die venezolanischen Beschäftigten nicht einmal mehr, was der Mindestlohn ist, und das ist, ich wiederhole es, eine Farce", wurde Velásquez zitiert.
Carsten Hanke vom Weltfriedensrat erklärte gegenüber amerika21 von vor Ort aus Caracas, viele Gewerkschaftsmitglieder hätten die angekündigten Maßnahmen als "sehr komplex" bezeichnet, was erst "genau analysiert werden müsse". Vieles entspreche allerdings den Forderungen der Gewerkschaften. Für Unmut habe bei vielen Gewerkschaftsmitgliedern ein nahezu zeitgleich stattfindendes Festival für den Frieden gesorgt, da es von der Regierung und Übergangspräsidentin Rodríguez organisiert wurde. Dies hätten viele als "Affront" und "bewusste Konkurrenzveranstaltung zu den gewerkschaftlichen Aktionen gesehen", sagte Hanke.
In Chile gab es rund 30 Veranstaltungen zum 1. Mai. Die Demonstrationen in Santiago waren "größer als in den Vorjahren", berichtete amerika21-Autor Michael Roth von der dortigen Demonstration. Vor allem Kritik an der rechten, neoliberalen Regierung stand im Mittelpunkt. Auf der zentralen Abschlussveranstaltung erklärte Eric Campus, Generalsekretär des Central Unitaria de Trabajadores de Chile (CUT), "der Dialog mit der Regierung besteht auf einer Ideologie, die gescheitert ist". José Manuel Díaz, ebenfalls vom CUT, erklärte zudem: "In Chile gibt es sieben Millionen Beschäftigte, die für Präsident José Antonio Kast gestimmt haben. Wir müssen sie suchen, mit ihnen sprechen, sie darauf aufmerksam machen und ihnen wieder klarmachen, dass das Einzige, was die Arbeiterklasse schützt, die Arbeiterklasse ist"
In Kolumbien standen die Demonstrationen auch unter dem Einfluss der Präsidentschaftswahlen am 30. Mai. Der scheidende linke Präsident Gustavo Petro sprach in der Stadt Medellín und rief zur Bildung einer "Verfassungsgebenden Nationalversammlung" auf. In Bogotá sprach der linke Politiker Iván Cepeda, Präsidentschaftskandidat für das Bündnis "Colombia Humana", auf der Kundgebung.
Die Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, Aida Quilcué Vivas, indigene Aktivistin und Menschenrechtsverteidigerin, war nach Cali gereist. Sie nahm an der Demonstration teil und sprach auf der Kundgebung umgeben von zahlreichen jungen Menschen und Aktivist:innen. Amerika21-Autorin Ani Diesselmann berichtet von vor Ort: "Quilcué betonte in ihrer Rede die Notwendigkeit, das linke Regierungsprojekt weiterzuführen". Die Kandidatin hob hervor, dass die jetzige Regierung von Petro und Márquez die erste linke Regierung in der Geschichte Kolumbiens sei. Sie und Cepeda wollen die Reformen weiterführen und vor allem für Gerechtigkeit und Wahrheitsfindung einstehen.
In Mittelamerika gab es unter anderem in El Salvador, Honduras und Guatemala Demonstrationen. In El Salvador richtete sich die Demonstration auch gegen den Ausnahmezustand, der zur Bekämpfung krimineller Banden vor über 50 Monaten in dem mittelamerikanischen Land verhängt wurde. Der Präsident Nayib Bukele vertritt nach Ansicht von sozialen Aktivisten eine streng neoliberale Politik, die sich gegen die Armen im Land richtet. Da sich die Sicherheitslage nach den Massenfestnahmen im Ausnahmezustand verbessert hat, hat Bukele dennoch weiter hohe Zustimmungswerte im Land.
In Guatemala standen der Betrug zur Rektorwahlen an der San-Carlos-Universität (amerika21 berichtete) und die hohen Lebenshaltungskosten im Mittelpunkt der Proteste. Der sozialdemokratische Präsident Bernardo Arévalo richtete in einer Videobotschaft seine Grüße an die Arbeiterklasse im Land. Zum 1. Mai traten staatlich subventionierte Preissenkungen bei Kraftstoffen in Kraft, die die gestiegenen Lebenshaltungskosten etwas abfedern sollen.
In Guatemalas zweitgrößter Stadt Quetzaltenango nahm wie in den Vorjahren ein großer Block arbeitender Kinder und Jugendlicher teil, der von der kirchlichen Organisation Ceipa organisiert wurde, die in mehreren Departamentos des Südwestens Guatemalas Schulen für arbeitende Kinder betreibt. Hector de León von Ceipa erklärte gegenüber amerika21, ein "vollständiges Ende der Kinderarbeit in Guatemala ist aufgrund der ökonomischen Lage vieler Familien im Moment nicht möglich, wichtig ist daher, auch für minderjährige Arbeiter die Einhaltung der Rechte zu fordern".



