Der geplante Untergang der argentinischen Industrie

Seit Mileis Amtsantritt 2023. Fertigung fällt um 7,9 Prozent laut UN. Sektorenübergreifend schlossen 22.000 Unternehmen. Bevölkerung zu arm zur Teilhabe an Wirtschaft

Deindustrialisierung Argentinien

Die Industrie in Argentinien leidet an der Politik von Javier Milei
Die Industrie in Argentinien leidet an der Politik von Javier Milei

Buenos Aires. Seit Amtsantritt von Präsident Javier Milei und der Implementierung seiner Politik im Jahr 2023 hat Argentinien den weltweit zweitgrößten industriellen Rückgang verzeichnet. Basierend auf Daten der Vereinten Nationen schätzt die Beratungsfirma Audemus, dass der Fertigungssektor um fast 7,9 Prozent geschrumpft ist.

Allein im Gewerbe der industriellen Produktion kam es zur endgültigen Schließung von über 2.400 Unternehmen und dem Verlust von 73.000 Arbeitsplätzen, während über alle Sektoren hinweg sogar mehr als 22.000 Unternehmen schließen mussten. Als Hauptschuldige werden die durch Mileis Maßnahmen bedingten Lohneinbrüche und die Öffnung des Marktes für ausländische Importe angeführt.

Die Stellenverluste und Gewerbeschließungen fallen branchenübergreifend an: Nach Angaben des Nationalen Instituts für Statistik (INDEC) kam es zu Gewerberückgängen von bis zu 24 Prozent je nach Branche. Besonders betroffen sind die Textilproduktion mit 24 Prozent, die Kleidungsbranche bei 15 Prozent, aber auch die Metallverarbeitung mit 8,1 Prozent.

Im Dezember letzten Jahres berichtete der Gewerkschaftsverband IndustriALL von Stellenverlusten und Werksschließungen im Metallsektor; von der Fahrzeugproduktion bis hin zu Zulieferern im Bereich der landwirtschaftlichen Maschinen, was durch Argentiniens Fokus auf Landwirtschaft besonders ins Auge sticht. Darunter fällt auch die Schließung von Fate, Argentiniens einzigem Hersteller von Reifen, der 920 Arbeiter:innen beschäftigte. Wie die Tageszeitung junge Welt berichtete, führte die Öffnung des argentinischen Marktes zu einem Anstieg von fast 35 Prozent beim Import von Reifen, während die Preise im selben Zeitraum um fast 40 Prozent sanken und so die lokale Produktion untergruben.

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Währenddessen schätzt der Textilverband Fundación Pro Tejer, dass zwischen Dezember 2023 und August 2025 rund 300 Betriebe im Textilsektor schließen und somit 14.000 Arbeitsplätze abgebaut wurden. IndustriALL Sprecher Cristian Alejando Valerio kommentierte, dass der Plan des argentinischen Präsidenten seinen Fokus auf Bergbau, Energie und Landwirtschaft setze: "Es ist allgemein bekannt, dass diese Sektoren nicht arbeitsintensiv sind und offensichtlich nicht genug Arbeit für jeden in einem Land mit fast 50 Millionen Einwohnern bieten."

Can Cinar, Forscher für Ökonomie an der City St. George's Universität von London, sieht die Ursachen in dem von der Regierung angestrebten Kollaps der Reallöhne, der als Mechanismus zur Eindämmung der Inflation genutzt werden sollte: "Die Reallöhne sind so stark gesunken, dass die Nachfrage nach argentinischen Produkten praktisch zusammengebrochen ist. Wenn ein Hersteller nur noch ein Drittel seiner Maschinen auslastet, weil sich niemand seine Waren leisten kann, dann verliert er die Möglichkeit, die Preise zu erhöhen, und die Inflationsrate stagniert." In anderen Worten: Ganze Teile der argentinischen Bevölkerung sind nun zu arm, um aktiv an der Wirtschaft teilzuhaben.

Zwischen der Armut und der Angst vor Massenarbeitslosigkeit werden so immer mehr Arbeiter:innen dazu gezwungen, für Niedriglöhne zu arbeiten, während der Lebensstandard weiter sinkt. Die von der Regierung angestrebte Arbeitsreform zum Abbau sämtlicher Arbeitnehmer:innenrechte würde diesen Trend noch weiter verstärken, konnte jedoch bisher vom nationalen Arbeitsgericht Argentiniens gestoppt werden (amerika21 berichtete).