Boa Vista. Die Solidarküche der Wohnungslosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Sem-Teto (MTST) in Boa Vista im brasilianischen Bundesstaat Roraima hat Anfang Januar 2026 ihre Nothilfemaßnahmen erheblich ausweiten müssen. Angesichts stark gestiegener Zahlen obdachloser und bedürftiger Menschen bereitet die Küche derzeit täglich 450 warme Mahlzeiten zu. Die Kapazitäten reichen jedoch kaum noch aus.
Roraima im äußersten Norden Brasiliens gilt als einer der ärmsten Bundesstaaten des Landes und weist die höchsten Ungleichheitsraten auf. Die Säuglingssterblichkeit liegt mit 23,9 pro Tausend weiterhin landesweit an der Spitze. Die Krise im Bereich der Mütter- und Kindergesundheit wird zusätzlich verschärft, da der wichtigste öffentliche Kreißsaal seit 2021 provisorisch in Zelten betrieben wird.
Die Lage hat sich durch die Entwicklungen im Nachbarland Venezuela weiter zugespitzt. Bereits Ende 2025 hatte der zunehmende Druck auf das Land zu einem verstärkten Zuzug venezolanischer Migrant:innen geführt. Nach der US-Invasion zur Entführung von Präsident Nicolás Maduro und der Kongressabgeordneten Cilia Flores erreichte der Zustrom nach Roraima seinen Höhepunkt. Bei der Invasion wurden zahlreiche Regierungsangestellte getötet, durch Bombardierungen der Infrastruktur verloren viele weitere Menschen ihr Leben oder ihr Hab und Gut. Aufgrund der weiterhin unsicheren Lage hält der Zuzug an.
Die Zahl der bedürftigen und obdachlosen Menschen ist seither sprunghaft angestiegen. Neben der Versorgung mit warmen Mahlzeiten bietet die Solidarküche betroffenen Familien einen Raum des Zuhörens und der weitergehenden Unterstützung. Dabei wurde deutlich, dass der Bedarf weit über Lebensmittelhilfe hinausgeht. Die Menschen leiden neben akuter Ernährungsunsicherheit auch unter unzureichendem Wohnraum, fehlenden Hygieneartikeln sowie erheblichen sozialen und gesundheitlichen Risiken.
145 neu zugezogene Familien haben dringenden Bedarf an Unterkunft angemeldet. Nach Gesprächen mit den Betroffenen und einer Analyse durch Teams von Menschenrechtsaktivist:innen wurden folgende Sofortmaßnahmen als dringend notwendig eingestuft: die Beschaffung von Hängematten, Matratzen und Decken, Kleidung für Erwachsene und insbesondere Kinder, Basismedikamente, der Aufbau eines Netzwerks von Freiwilligen für Notfalleinsätze, logistische Unterstützung für Transport und Verteilung sowie eine grundlegende Renovierung des Küchenbereichs, um die Versorgung der stark gestiegenen Personenzahl zu gewährleisten.
Die Solidarküche in Boa Vista ist Teil eines landesweiten Netzwerks des MTST. Die Bewegung organisiert seit 29 Jahren Arbeitende in den Peripherien großer Städte, um das verfassungsmäßige Recht auf angemessenen Wohnraum durchzusetzen. Sie ist inzwischen in 16 Bundesstaaten und im Bundesdistrikt vertreten und hat nach eigenen Angaben mehr als 70.000 einkommensschwache Familien mobilisiert sowie den Bau von über 15.000 Sozialwohnungen erreicht.
Was 2020 während der Pandemie als Notaktion begann – die Verteilung von 220 Tonnen Lebensmitteln und 156.000 Mahlzeiten in vier Monaten – entwickelte sich zu einer der größten Initiativen kollektiver Ernährungssicherung in Brasilien. Bis Februar 2026 wurden in 15 Bundesstaaten und im Bundesdistrikt 55 permanente Solidarküchen aufgebaut, in denen täglich zwischen 100 und 300 Mahlzeiten ausgegeben werden.
Angesichts der eskalierenden humanitären Lage in Roraima stößt dieses Modell nun an seine Grenzen. Die Küche in Boa Vista benötigt dringend materielle, logistische und personelle Unterstützung, um die Versorgung der betroffenen Familien aufrechterhalten zu können. Die Brasilieninitiative Freiburg e.V. unterstützt seit Jahren die Wohnungslosenbewegung und koordiniert die Unterstützung.




