Wirtschaftsinteressen Deutschlands in Bolivien: Energiewende und Rohstoffe

EU-Delegation aus Politik und Wirtschaft vier Tage in Bolivien. Geplant sind Projekte zu grünem Wasserstoff und Lithium. Bolivien will Gasabhängigkeit senken und Versorgung sichern

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Vertreter der EU unterzeichnen mit Vertretern aus Bolivien einen Fahrplan in Bezug auf Lithium und andere strategische Materialien
Vertreter der EU unterzeichnen mit Vertretern aus Bolivien einen Fahrplan in Bezug auf Lithium und andere strategische Materialien

La Paz. Eine hochrangig besetzte Delegation der Europäischen Union (EU) hat der bolivianischen Regierung Investitionen von elf Millionen Euro im Rahmen des Global-Gateway-Programms zugesichert. Neben Treffen mit bolivianischen Ministerien, Unternehmen und der Zivilgesellschaft stand ein Besuch des Salar de Uyuni auf der Agenda, um sich Bild von den Fortschritten der Lithiumförderung zu machen.

Die außenpolitische Vision der bolivianischen Regierung, "Bolivien in der Welt und die Welt in Bolivien zu positionieren", trifft auf Gehör in der EU. Laut Ankündigungen der EU sollen Zahlungen an das bolivianische Finanzministerium für den Umweltschutz, die Bekämpfung des illegalen Drogenhandels sowie alternative Energien erfolgen. In Zukunft solle ein permanenter Dialog zwischen der EU und Bolivien über Handel und Investitionen eingerichtet werden. Auf der abschließenden Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag gab sich Pelayo Castro, Direktor des Europäischen Auswärtigen Dienstes für Amerika zufrieden. "Auftrag erfüllt. Diese Delegation liefert greifbare, konkrete Ergebnisse, die positive Folgen für die bolivianische Bevölkerung haben wird", erklärte er.

Ein zentrales Thema der Reise war die Produktion sogenannter grüner Energie. Die EU und das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterzeichneten am vergangenen Mittwoch eine Vereinbarung über die Kofinanzierung und die Übernahme der Leitung des Programms EU4ProTransición durch das deutsche Ministerium. Davon stammen fünf Millionen vom BMZ und vier Millionen aus den Töpfen der EU.

Der stellvertretende bolivianische Minister für alternative Energien, Luis Osorio, teilte mit, dass die Gelder in erster Linie für technische Hilfe und die Bewertung von Projekten im Bereich der Erzeugung erneuerbarer Energien verwendet würden. Diese stehen im Zusammenhang mit der Erzeugung grünen Wasserstoffs und der strategisch wichtigen Lithiumgewinnung. Die Unterstützung aus dem Ausland solle dabei helfen, die Energiegewinnung breiter aufzustellen, Abhängigkeit von Erdgas zu verringern und die Stromversorgung im Land sicherzustellen.

Vergangene Woche waren rund 110 Personen der EU angereist, darunter Botschafter:innen, Vertreter:innen von Unternehmen aus dem Energiesektor und Beamt:innen der Europäischen Investitionsbank. Deutschland war mit Christina Seeberg-Elverfeldt, Beauftragte für bilaterale Zusammenarbeit mit Bolivien beim BMZ, José Schulz, deutscher Botschafter in Bolivien, sowie Mitarbeiter:innen der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zugegen.

Teil der Reise war der Besuch einer Industrieanlage zur Herstellung von Lithiumcarbonat und Kaliumchlorid in Llipi am Rande des Dalzsees Uyuni, um einen Einblick in das tatsächliche Potenzial des Landes bei der Nutzung des sogenannten weißen Goldes zu gewinnen. Félix Fernández-Shaw, Zuständiger für Lateinamerika und die Karibik der Europäischen Kommission, versicherte, dass er "die Pläne des Ministeriums für Kohlenwasserstoffe und Energie" unterstützen werde, "um europäische Unternehmen und Investitionen anzuziehen." Denn die Lithiumgewinnung erfordere große Geldsummen und es bleibe abzuwarten, wie sich der private Sektor dazu verhalte, so Seeberg-Elverfeldt.

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Die EU und Deutschland haben großes Interesse an alternativen Energien und der Lithiumförderung. Zum einen hilft der Import sauberer Energie zur Dekarbonisierung der Wirtschaft und der Erreichung der angestrebten Klimaziele bis 2030. Zum anderen wollen sie im internationalen Wettbewerb um Lithium nicht zurückbleiben. Es gibt internationale Konkurrenz. Erst letzten Mittwoch hatten der bolivianische Außenminister Fernando Aramayo und der US-Staatssekretär Marco Rubio bei einem Zusammentreffen betont, wie bedeutsam die strategischen Mineralien und seltenen Erden bei der bilateralen Zusammenarbeit seien.

Der bolivianische Präsident Rodrigo Paz hatte letztes Jahr angekündigt, die bestehenden Verträge in der Lithiumförderung mit Unternehmen aus Russland und China überprüfen zu wollen. Unmittelbar nach seinem Wahlerfolg war der deutsche Außenminister Johann Wadephul nach Bolivien gereist, um Interesse an den Vorkommen zu bekunden (amerika21 berichtete). Verhandlungen zwischen den Vorgängerregierungen der Bewegung zum Sozialismus (Movimiento al Socialismo, MAS) und dem deutschen Konsortium ACI-Systems aus Baden-Württemberg waren erfolglos geblieben (amerika21 berichtete).

Bisher sind Australien, gefolgt von Chile, China und Argentinien die weltweit größten Förderländer der seltenen Erden. 2024 wurden weltweit etwa 240.000 Tonnen Lithium abgebaut. Das Weltwirtschaftsforum schätzt, dass die Nachfrage nach Lithium 2030 auf drei bis vier Millionen Tonnen ansteigen könnte.

50 Prozent der weltweiten Lithium-Vorkommen sollen im Dreiländereck Bolivien, Chile und Argentinien lagern, allein auf bolivianischem Territorium 23 Millionen Tonnen. Damit besäße das Andenland die größten Vorkommen weltweit. 2024 förderte Bolivien gerade mal etwas mehr als 2.000 Tonnen des wichtigen Metalls. Bisher sei die industrielle Förderung an politischen und technischen Einwänden gescheitert.

Ein weiterer Grund ist, dass in Bolivien die sozialen und indigenen Organisationen gut aufgestellt sind. Sie wehren sich gegen die industrielle Förderung und reklamieren ein Mitspracherecht bei ihrer Umsetzung. Denn die Lithiumgewinnung verbraucht viel Energie und Wasser. Weitere Bedenken betreffen den Umweltschutz und den Tourismus am Salzsee. "Es ist entscheidend, die Gemeinschaften und die sozialen und ökologischen Standards zu respektieren; hier können wir einen Beitrag leisten", versprach Seeberg-Elverfeldt.