San Salvador. Die Menschenrechtsorganisation Socorro Jurídico Humanitario analysiert in einem jetzt vorgelegten Bericht 470 Todesfälle in salvadorianischen Gefängnissen und bestätigt damit systematische Menschenrechtsverletzungen. Untersucht wurden Todesfälle in der Zeit des Ausnahmezustands zwischen März 2022 und Dezember 2025. In diesem Zeitraum wurden 90.844 Menschen festgenommen, von denen nach Angaben der Organisation etwa 1.300 Personen in verschiedenen Gefängnissen des Landes verstarben. Die Dunkelziffer könnte jedoch höher sein, weil Menschen in Massengräbern verscharrt worden sein könnten, ohne die Familien zu informieren. Von den untersuchten Fällen starben 294 Personen nach der Einlieferung in die Notfallstation eines Krankenhauses und 143 Personen in den Zellen.
In dem Bericht wird dokumentiert, dass die Ursache für 31,8 Prozent der untersuchten Todesfälle Gewaltanwendung war, weitere rund 32 Prozent werden auf fehlende medizinische Versorgung zurückgeführt. Viele Personen wurden gesund inhaftiert und verstarben innerhalb eines Monats; 75 Personen verstarben innerhalb von vier Monaten, was darauf hindeuten kann, dass sie gewaltsam zu Tode kamen. Häufige Erkrankungen sind Diabetes, Nierenversagen, Lungenentzündungen, Unterernährung und Infektionen. Autopsien werden oft nicht transparent durchgeführt, Todesursachen werden verschleiert und Familien teilweise eingeschüchtert.
Dem Bericht zufolge waren 94 Prozent der Verstorbenen keine Bandenmitglieder. Dies kann als weiteren Beleg für die Aussage gewertet werden, dass rund 30 Prozent der Festnahmen während des Ausnahmezustands willkürlich oder illegal stattfanden. Viele wurden als angebliche "Kollaborateure" festgenommen, oft aufgrund anonymer Anzeigen, familiärer Beziehungen, früherer polizeilicher Einträge oder schlicht zur Erfüllung von Festnahmequoten für Polizei und Militär. Unter den Verstorbenen waren vier evangelische Pastoren, drei Gewerkschafter, Taxifahrer, vier Kinder, darunter ein Neugeborenes, und Frauen bis zum Alter von 74 Jahren.
Besonders betroffen sind Gefängnisse wie Izalco, Mariona und Apanteos, in denen überwiegend sogenannte "Regimen-Häftlinge" untergebracht sind, meist Personen ohne nachgewiesene Gangzugehörigkeit, die während des Ausnahmezustandes (régimen de excepción) verhaftet wurden. Dagegen verzeichnet das Hochsicherheitsgefängnis CECOT, in dem führende Gangmitglieder untergebracht sind, nur sehr wenige Todesfälle. Der Bericht deutet dies als Hinweis auf eine ungleiche Behandlung und mögliche fortbestehende Absprachen mit Gangs.
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Als besonders gravierend beschreibt der Bericht die dokumentierten Todesfälle von vier Babys, die mit ihren inhaftierten Müttern unter als unmenschlich beschriebenen Bedingungen lebten oder während der Schwangerschaft starben. Diese Fälle verdeutlichen die Auswirkungen des Ausnahmezustands auf vollkommen unbeteiligte Dritte.
Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass der Ausnahmezustand zu Folter, außergerichtlichen Tötungen, medizinischer Vernachlässigung, Verschwindenlassen und kollektiver Bestrafung geführt hat. Er fordert die Beendigung des Ausnahmezustands, unabhängige Ermittlungen aller Todesfälle, Transparenz staatlicher Daten, den Schutz grundlegender Rechte aller Inhaftierten sowie eine dringende Verbesserung der medizinischen Versorgung und des Umgangs mit Frauen und Kindern im Strafvollzug.
Bereits 2023 hatte die Menschenrechtsorganisation Cristosal in einem Bericht auf gewaltsame Todesfälle in Haft hingewiesen. Auch andere Menschenrechtsorganisationen wie zum Beispiel Human Rights Watch und Amnesty International wiesen in ihren Berichten immer wieder darauf hin.
Während einer Pressekonferenz anlässlich des Besuches des designierten chilenischen Präsidenten José Antonio Kast sagte Präsident Nayib Bukele auf kritische Fragen zur Situation in den Gefängnissen am 2. Februar 2026: "Alle Menschen haben Rechte … sogar Kriminelle." Er kritisiere jedoch, dass Organisationen den Rechten derjenigen, die schwere Straftaten begehen, mehr Gewicht beimessen würden als den Rechten und Bedürfnissen der Opfer und ihrer Familien. Er führte konkrete Fälle an, um zu veranschaulichen, dass viele Opfer keine ähnliche Aufmerksamkeit und Verteidigung erhalten würden.


