Gericht in Chile spricht Polizeioffizier im Fall Gatica frei

Empörung nach Entscheidung. Crespo schoss 2019 mit Gummigeschossen, Gatica verlor das Augenlicht. Urteil erkennt Notwehr an

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Gustavo Gatica
Gustavo Gatica nach seiner Erblindung

Santiago de Chile. Nach fünf Jahren Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft ist es in Chile zum Prozess gegen den Polizisten gekommen, der zur Erblindung von Gustavo Gatica geführt hat. Die Anklage lautete auf unrechtmäßigem und vorsätzlichem Angriff mit nicht letalen Waffen mit schwersten Folgen. Je nach Schwere des Vergehens kann das Gericht drei Jahre Gefängnis bis lebenslänglich verhängen.

Es gibt in dem südamerikanischen Land keine Dienstanweisungen, die für nicht letale Schusswaffen die Einhaltung einer Mindestentfernung oder einen bestimmten Schusswinkel verlangen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass solche Vorgaben auch nicht möglich sind, da es sich bei Gummigeschossen und Schrotmunition um Streumunition handele.

Ausgehend von der gültigen Rechtslage erklärte das Gericht den Einsatz der Waffe unabhängig von ihren fatalen Folgen als legitim, bestätigte das Recht auf Selbstverteidigung und die Notwendigkeit, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Das Gericht stellte zweifelsfrei fest, dass Oberstleutnant Crespo den Schuss abgegeben hat.

Der Freispruch wurde durch die Anwendung des Gesetzes Ley Nº 21.560 erleichtert, das 2023 von der jetzigen Regierung erlassen wurde. Das Gesetz erweitert den Rahmen für Selbstverteidigung sowie den vorbeugenden Einsatz von Waffen und schützt die Polizei weitgehend vor gerichtlicher Verfolgung.

Bei den sozialen Protesten 2019 kam es in Chile zu schweren Übergriffen und Menschenrechtsverletzungen durch die Bereitschaftspolizei. Das Institut für Menschenrechte registrierte über 3.500 Fälle von Körperverletzung. Darunter waren 220 Personen mit schweren Augenverletzungen oder Verlust des Sehvermögens durch Gummigeschosse oder Schrotmunition. Eines der Opfer ist Gustavo Gatica.

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Am Nachmittag des 8. November 2019 befand er sich mit einer Gruppe von Demonstranten im Zentrum Santiagos. Eine Polizeieinheit versuchte, die Gruppe zu zerstreuen, die sich mit Steinen, Farbbeuteln und Nägeln gegen die Angriffe eines Wasserwerfers wehrte. Als sich der Wasserwerfer zurückzog, um Wasser zu tanken, eskalierte die Situation. Unter dem Kommando von Oberstleutnant Claudio Crespo begann der Angriff auf die Demonstranten mit Gummigeschossen. Ein Geschoss traf Gustavo Gatica im Gesicht und verletzte ihn schwer.

Die anwesenden Blauhelme, eine freiwillige Erste-Hilfe-Gruppe, die immer die Demonstranten begleitete, verarzteten Gatica notdürftig und veranlassten seine Einlieferung in ein Krankenhaus. Trotz ärztlicher Behandlung erlitt Gatica den Totalverlust seines Sehvermögens. Er hatte 2022 nach seinen Rehamaßnahmen ein Psychologiestudium abgeschlossen. 2025 kandidierte er erfolgreich zum Parlament. Er erreichte die dritthöchste Stimmenzahl auf Landesebene und ist heute unabhängiger Abgeordneter in der Fraktion der Kommunistischen Partei.

Es gibt Videos von Polizeikameras, die von der Verteidigung herangezogen wurden, um Vorsatz bei dem Beschuss der Demonstranten zu bezeugen und das Argument der Selbstverteidigung zu entkräften. Das Nachrichtenportal Ciper hat Teile der Videos veröffentlicht, in denen Crespo unter anderem mit folgenden Äußerungen zu hören ist: "Wir reißen Dir die Augen aus, bringt ihn um." In einer anderen Aufnahme sieht man, wie Crespo einem Demonstranten ein Haarbüschel ausreißt. Der Richter dazu: "Ausgerissene Haare sind im vorliegenden Fall irrelevant". 

Gatica kritisiert den Freispruch, stellt jedoch fest, dass der Täter einwandfrei ermittelt ist. Er kündigte Einspruch an und schloß auch eine Anzeige beim Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte nicht aus. Abgeordnete, Freunde, Unterstützergruppen, Präsident Boric, das Institut für Menschenrechte, Amnesty International und andere kommentieren das Urteil mit "empörend, herzzerreißend, schmerzhaft, ein Zeichen der Straflosigkeit, eine neue Ungerechtigkeit".