Pont-Sondé. Bewaffnete Banden haben mindestens zwölf Menschen getötet und Hunderte vertrieben. Die Angreifer drangen am Wochenende in mehrere Ortschaften der zentralen Region Artibonite ein und schossen auf Bewohner, darunter Frauen und Kinder. Zahlreiche Häuser brannten nieder, und die Menschen flohen in der Dunkelheit in umliegende Städte. Viele Überlebende erreichten Saint-Marc an der Küste, wo sie Schutz in öffentlichen Gebäuden suchten.
Der Angriff wurde der Bande Gran Grif zugeschrieben, die seit Monaten in der Region operiert und Massaker wie das vom Oktober 2024 verübt hat. Bei diesem waren mindestens 100 Menschen getötet worden (amerika21 berichtete).
Nach Angaben der lokalen Polizei fielen durch die Angriffe auf Bercy und Pont-Sondé etwa 50 Prozent der Region Artibonite unter die Kontrolle der Banden. Auf der Plattform X kritisierte die Polizeigewerkschaft SPNH-17 die operative Unfähigkeit, auf die Attacken zu reagieren: "Die Bevölkerung kann nicht leben, nicht arbeiten, sich nicht fortbewegen."
"Der Verlust der beiden größten Departements des Landes – Ouest und Artibonite – ist das größte Versagen der Sicherheitskräfte in der modernen Geschichte Haitis", hieß es weiter in der Mitteilung.
Laut Zeugenaussagen der betroffenen Bürger war der Angriff angekündigt worden, doch die Behörden waren nicht imstande, rechtzeitig zu reagieren.
Guerby Simeus, ein Beamter aus Pont-Sondé, bestätigte telefonisch zwölf Todesopfer bei dem Angriff und erklärte, dass die Polizeikräfte nicht ausreichten, um mit den Bandenattacken umzugehen. Dabei ist zu erwähnen, dass die kenianischen Polizisten, die im vergangenen Jahr im Rahmen einer von der UNO unterstützten Mission nach Haiti kamen, sich hauptsächlich auf die Hauptstadt Port-au-Prince im Südwesten konzentrieren. Diese steht aber noch immer größtenteils unter der Kontrolle der Banden. Dadurch werden die Möglichkeiten stark eingeschränkt, auf solche Angriffe zu reagieren.
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Viele Überlebende flohen vor den anrückenden Banden nach Saint-Marc. Dort forderten Hunderte Einwohner dringende Maßnahmen der Regierung. Die Wut über das Ausbleiben von Maßnahmen der Behörden war so groß, dass eine Menschenmenge versuchte, das Büro des Bürgermeisters zu stürmen.
Die politische Aktivistin Charlesma Jean Marcos kritisierte die Behörden scharf: "Im Moment sind die Selbstverteidigungskräfte die einzigen, die wirklich gegen die Banden kämpfen. So kann ein Land nicht funktionieren."
Die UNO meldete in einem Bericht einen Anstieg der Morde in den Departements Centre und Artibonite: 1.303 Opfer zwischen Januar und August gegenüber 419 im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Haiti befindet sich seit Jahren in einer politischen, ökonomischen und sozialen Krise, die sich durch den Mord an Präsident Jovenel Moise 2021 noch weiter vertiefte.
Die Regierung Haitis möchte trotz der angespannten Sicherheitslage Wahlen im nächsten Jahr durchführen. Ob die Wahlen jedoch unter diesen Bedingungen stattfinden können, ist ungewiss.


