Bolivien / Politik

Christdemokrat Paz Pereira gewinnt Stichwahl in Bolivien

Gegenkandidat Quiroga hatte vor Kurzem noch Umfragen angeführt. MAS-Präsidentschaften damit erstmal Geschichte

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Straßenszene in La Paz am Wahlsonntag. Händler bieten die Laminierung der Wahlbestätigungen an
Straßenszene in La Paz am Wahlsonntag. Händler bieten die Laminierung der Wahlbestätigungen an

La Paz. Rodrigo Paz Pereira von der Christlich-Demokratischen Partei (Partido Demócrata Cristiano, PDC) ist der neue Präsident von Bolivien. Nach der Bekanntgabe der vorläufigen Wahlergebnisse stimmten 54,5 Prozent für den Mitte-Rechts-Kandidaten mit seinem Vizepräsidenten Edmand Lara, einem ehemaligen Polizeioffizier. Der ultrarechte Jorge "Tuto" Quiroga von der Alianza Libre geht auch in seinem vierten Anlauf leer aus. Er kam auf 45,5 Prozent der Stimmen.

Paz gewann sechs der neun Departamentos und festigte damit seine Führung auf nationaler Ebene. Quiroga konnte sich lediglich in zwei Tiefland-Departamentos, Beni und Santa Cruz, durchsetzen. In Tarija, der Herkunftsregion von Paz, kam es zu einem Unentschieden.

Umfragen hatten noch vor einer Woche Quirogas Wahlsieg prognostiziert (amerika21 berichtete).

Glückwünsche kamen noch am Abend vom ultrarechten Präsidenten Argentiniens, Javier Milei, dem venezolanischen Oppositionspolitiker Henrique Capriles Radonski und der ehemaligen Präsidentin Jeanine Añez. Sie hatte nach dem Sturz von Evo Morales ein Jahr regiert, ihr werden Massaker an Demonstranten zur Last gelegt. Auch der scheidende Präsident Luis Arce gratulierte. 

Mit der Wahl bestätigt sich das Ergebnis des ersten Wahlgangs vom 17. August, aus dem Paz als Sieger hervorging. Er konnte vor allem in ehemaligen linksgerichteten MAS-Hochburgen punkten. Zentral im Wahlkampf war sein Versprechen "Kapitalismus für alle". Viele ehemalige Anhänger:innen der Bewegung zum Sozialismus (Movimiento al Socialismo, MAS) sind von der Wirtschaftspolitik der Regierung von Luis Arce enttäuscht. Während sie in Zeiten hoher Rohstoffeinnahmen und staatlicher Subventionspolitik einen sozialen Aufstieg erlebten, haben sie die hohe Inflation besonders zu spüren bekommen.

Paz verspricht eine wirtschaftliche Erneuerung, die nicht nur der traditionellen Elite zugutekommen soll, sondern auch der Mittelschicht und ärmeren Bevölkerungsgruppen. Dies hat ihm Rückhalt im Altiplano verschafft, wo die MAS die letzten 20 Jahre besonders stark war. Im Gegensatz zu seinem ultrarechten Konkurrenten Quiroga wird Paz als weniger neoliberal und elitär wahrgenommen. Quiroga hatte im Wahlkampf verlautbart, dass "eine Stimme für Rodrigo Paz gleichbedeutend mit einer Stimme für die MAS" sei. Diese Strategie hat bei den Wähler:innen offenbar nicht verfangen.

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Wahllokal in La Paz am 19. Oktober 2025
Wahllokal in La Paz am 19. Oktober 2025

Die neue Regierung steht vor großen Herausforderungen, die schnelles Handeln erfordern. Die Wirtschaft lahmt aufgrund von Devisenknappheit, Preissteigerungen und Treibstoffmangel. Darüber hinaus will Paz das Justizsystem reformieren und die staatlichen Institutionen stärken. Zudem erfordern Probleme wie illegaler Bergbau und der Drogenhandel strukturelle Lösungen. Die Regierungsfähigkeit wird davon abhängen, sich im fragmentierten Parlament Mehrheiten zu organisieren. Paz ist dabei vor allem im Repräsentantenhaus auf die Unterstützung der Partei von Quiroga angewiesen. Der Bloque de Unidad (Einheitsblock) von Samuel Doria Medina, der der politischen Mitte zugerechnet wird, hatte schon vor Wochen bekanntgegeben, Paz zu unterstützen. Damit ist zumindest die absolute Mehrheit im Senat gesichert.

Es war die erste Stichwahl in der Geschichte Boliviens. Die neue Verfassung von 2009 sieht vor, dass eine Person im ersten Wahlgang dann gewinnt, wenn sie die absolute Mehrheit der Stimmen erreicht, oder mindestens 40 Prozent mit einem zehnprozentigen Vorsprung. Das war der MAS zuletzt bei den Wahlen 2020 gelungen, wohingegen sie 2025 nur die notwendige Drei-Prozent-Hürde erreichte (amerika21 berichtete). Ein Ergebnis, das viele als das Ende des bolivianischen Sozialismus bezeichnen. Paz hatte bei seiner Stimmabgabe in Tarija erklärt, dass "Bolivien vor einer Erneuerung" stehe und "eine sehr unangenehme Etappe vorbei" sei.

7,5 Millionen Menschen im Inland und knapp 370.000 Bolivianer:innen in 22 Ländern waren wahlberechtigt. In der Regel liegt die Wahlbeteiligung bei über 85 Prozent. In Bolivien besteht Wahlpflicht.

Die Europäische Union war mit rund 120 Delegierten aus 24 EU-Ländern zugegen, um den ordnungsgemäßen Ablauf der Wahlen zu überwachen. Der Generalstaatsanwalt Roger Mariaca betonte nach Schließung der Wahllokale, dass die Stichwahl ruhig und ordnungsgemäß verlaufen sei. Es habe lediglich kleinere Zwischenfälle gegeben.

Die offiziellen Ergebnisse werden laut oberster Wahlbehörde am Mittwoch erwartet.