Brasilien / Politik

Lula gewinnt, doch der "Bolsonarismo" siegt in Brasilien

Lula fehlten 1,6 Prozentpunkte zur Präsidentschaft. Bolsonaro bewahrt sich Chance auf Wahlsieg. Die Rechte festigt ihren Einfluss in den Parlamenten

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Auf dem Weg zum Wahllokal in der Schule Artur Soares Amorim, Cidade Nova, Manaus. Die Wahlbeteiligung war die niedrigste seit 1998
Auf dem Weg zum Wahllokal in der Schule Artur Soares Amorim, Cidade Nova, Manaus. Die Wahlbeteiligung war die niedrigste seit 1998

Brasília. Nach der Wahl in Brasilien bleibt weiterhin unklar, wer ab 2023 die größte Volkswirtschaft Südamerikas regieren wird. Mit 48,43 Prozent der Stimmen fehlten dem linken Herausforderer Luiz Inácio Lula da Silva nur 1,6 Prozentpunkte für den Sieg im ersten Durchgang. Sein Erfolg in der Stichwahl gilt weiterhin als wahrscheinlich. Doch auch Amtsinhaber Jair Bolsonaro hat sich mit 43,20 Prozent nicht nur rechnerisch die Aussicht auf einen Wahlsieg bewahrt.

Mit über 57 Millionen Stimmen bekam Lula sechs Millionen mehr als Bolsonaro und erreichte das beste Ergebnis in einem ersten Wahlgang. "Wir werden diese Wahl gewinnen. Nun verlängern wir einfach den Wahlkampf. Wir werden das Land bereisen, noch mehr Kundgebungen halten und die brasilianische Bevölkerung überzeugen", zeigte sich Lula vor Tausenden Anhänger:innen optimistisch.

Auch Bolsonaro baute sein Ergebnis von 2018 um 1,7 Millionen auf 51 Millionen Stimmen aus und landete das zweitbeste Ergebnis eines ersten Wahlgangs in der Geschichte des Landes. Zudem steigerte er sein Ergebnis gegenüber den Umfragen um zwölf Prozent. "Gestern erreichten wir eines der wichtigsten und schwierigsten Ziele. Unsere Gegner haben sich nur auf einen 100 Meter-Lauf vorbereitet. Wir sind bereit für einen Marathon", erklärte Bolsonaro anschließend. Infolge seines guten Abschneidens hat er die zuvor erhobenen Zweifel am Wahlsystem vorerst nicht wieder erhoben.

Bis zur Stichwahl am 30. Oktober kämpfen nun beide um die acht Prozent, die auf die anderen neun Kandidat:innen entfielen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass deren Stimmen mehrheitlich an Bolsonaro gehen könnten. Schließlich stimmten bereits bei dieser Wahl mehr Menschen für Bolsonaro als die Umfragen eine Woche zuvor prognostiziert hatten und dem Rechtsaußen 32 bis 34 Prozent zuschrieben. Nach den schlechten Umfragen ist das Ergebnis ein Sieg für Bolsonaro.

Die Differenz von zwölf Prozent zwischen den Umfragen und dem real hohen Zuspruch für Bolsonaro erklären Expert:innen mit der "Scham“ der Wähler:innen, ihre Präferenz für einen unpopulären Kandidaten öffentlich zu teilen. Und während Lula so viele Stimmen wie vorhergesagt bekam, verloren die weiteren, meist rechts-konservativen Kandidat:innen ihre Prozente an Bolsonaro. Diese Tendenz verschafft ihm für die Stichwahl Zuversicht.

Bolsonaro profitierte zudem von den 32 Millionen Nicht-Wähler:innen. Deren Zahl ist mit 21 Prozent so hoch wie nie seit Ende der Diktatur 1988. Da die Wähler:innen-Basis des Amtsinhabers anders als bei Lula begrenzt ist - 53 Prozent würden ihn Umfragen zufolge auf keinen Fall wählen - steigt sein Anteil, je mehr sich der Stimme enthalten.

Insgesamt geht die Rechte gestärkt aus den Wahlen hervor. Viele aus Bolsonaros Liberaler Partei (PL) und von ihm unterstützte Kandidat:innen zogen ins Parlament ein oder gewannen direkt die Gouverneursposten wie in Rio de Janeiro und den von der Agrarlobby geprägten Bundesstaaten im Amazonas-Gebiet. Die meisten aktuellen oder ehemaligen Mitglieder der Regierung Bolsonaro erzielten Traumergebnisse und stärken demnächst das Profil und den Einfluss der reaktionären Parteien im Parlament.

Ins Abgeordnetenhaus zog Bolsonaros Liberale Partei mit 99 Sitzen von 513 vor dem Linksbündnis "Hoffnung Brasilien" von Lula mit 79 Sitzen als stärkste Fraktion ein. Zusammen mit den rechtsgerichteten Parteien Progressistas (47 Sitze) und Republicanos (41 Sitze) kommt die Allianz hinter Bolsonaro mit 187 Sitzen auf ein Drittel der Stimmen im Abgeordnetenhaus.

Die konservativen Zentrumsparteien gewannen mit 273 Sitzen 53 Prozent des Abgeordnetenhauses. Jede kommende Regierung wird mit diesen Parteien Kompromisse aushandeln müssen.

Die PT und die anderen zehn linken Parteien kamen derweil auf 138 Sitze, rund 27 Prozent des Hauses. In São Paulo erreichte der frühere Vorsitzende der Wohnungslosenbewegung MTST, Guilherme Boulos, für die sozialistische Partei PSOL das historisch zweithöchste Ergebnis für einen Abgeordneten und geht bald nach Brasília. Zudem verteidigte die PT ihre Hochburgen im Norden und Nordosten des Landes, der zu den strukturell schwächsten Regionen gehört. In den Bundesstaaten Ceará, Piauí und Rio Grande do Norte holten ihre Kandidat:innen im ersten Anlauf die Gouverneursposten und gehen in Bahía und Pernambuco in die Stichwahl.

Die von weiten Teilen der Bevölkerung befürchteten Unruhen durch rechtsgerichtete Sympathisant:innen Bolsonaros blieben aufgrund dessen Chance, in der Stichwahl zu siegen, aus. Dennoch ließen Berichte über vereinzelte Konfrontationen am Wahlabend zwischen den politischen Lagern die Sorge über rechte Übergriffe nach einer Niederlage Bolsonaro am 30. Oktober wieder wachsen.

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