Schüsse auf Protestierende bei 1. Mai-Demonstration in Chile

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Schüsse auf 1. Mai-Demonstranten: Jetzt stehen Carabineros in der Kritik -  sie hätten zugeschaut, die Schützen sogar gedeckt und zu spät eingegriffen
Schüsse auf 1. Mai-Demonstranten: Jetzt stehen Carabineros in der Kritik - sie hätten zugeschaut, die Schützen sogar gedeckt und zu spät eingegriffen

Santiago. In Chiles Hauptstadt finden am 1. Mai seit Jahren zwei Demonstrationen statt. Neben der offiziellen des Gewerkschaftsdachverbandes Central Unitaria de Trabajadores (CUT) organisieren oppositionelle Einzel- und Betriebsgewerkschaften einen alternativen Marsch, weil ihnen die offizielle Veranstaltung zu wenig kämpferisch ist.

Am Versammlungspunkt des alternativen Marsches kam es zu Zusammenstößen mit Straßenhändlern, in deren Verlauf Personen aus dieser Gruppe auf die Demonstrierenden schossen. Zwei unabhängige Medienschaffende wurden dabei verletzt, eine davon lebensgefährlich, und mehrere Demonstrierende wurden von Streifschüssen und Schlägen getroffen. Die Polizei nahm zwei bewaffnete Straßenhändler fest.

Der diesjährige offizielle Marsch wurde vom Vorstand der CUT und Arbeitsministerin Jeannette Jara angeführt. Auf der Abschlussveranstaltung hob Eric Campos, Generalsekretär der CUT, hervor, dass nach zwei Jahren Quarantäne die arbeitenden Menschen endlich wieder auf die Straße gehen. CUT-Präsident David Acuña betonte die Unabhängigkeit der Gewerkschaften, lobte aber gleichzeitig die gute und zügige Zusammenarbeit mit der neuen Regierung, die bereits wichtige Ergebnisse gezeitigt habe, wie die Erhöhung des Mindestlohns auf 400.000 Pesos (circa. 450 Euro) bis August.

Die Präsidentin der verfassunggebenden Versammlung, María Elisa Quinteros, begrüßte die Teilnehmer und verwies auf einige wichtige Artikel zum Gewerkschafts- und Arbeitsrecht, die bereits die Hürde der Zweidrittelmehrheit genommen haben. In der neuen Verfassung sollen Branchen- und Gebietsgewerkschaften erlaubt, die Beschäftigten über ihre Gewerkschaftsvertreter im Firmenvorstand vertreten und geschlechtliche Ungleichbehandlung ausdrücklich verboten werden.

Im Grußwort als Regierungsvertreterin sagte die Arbeitsministerin: "Hier stehen wir, wie schon seit vielen Jahren und verpflichten uns jetzt als Regierung für die Veränderungen zu arbeiten, die Chile und seine Menschen brauchen".

Zur gleichen Zeit formierte sich der Marsch der oppositionellen Gewerkschaften vor der Universität Santiago de Chile. In der Vergangenheit gab es im Verlauf dieser Veranstaltung immer wieder Unruhen. Als einige Demonstranten begannen, Straßenbarrikaden zu errichten, kam es zu ersten Zusammenstößen mit Straßenhändlern, die ohne behördliche Genehmigung arbeiten, aber von der Polizei stillschweigend geduldet werden und in diesem Sektor ihr Verkaufsstände auf dem Bürgersteig betreiben. Kriminelle Banden sollen in diesem Bereich die Macht übernommen haben und die Geschäfte organisieren, Erlaubnisse erteilen und Steuern eintreiben.

Schließlich wollten einige Demonstranten dort ansässige Geschäfte plündern, wobei auch Verkaufsstände zu Bruch gingen. Einige Händler zogen daraufhin ihre Pistolen und begannen, wahllos auf sie zu schießen.

Eine Journalistin des unabhängigen Fernsehsendes Señal 3 aus dem Arbeiterviertel La Victoria wurde am Kopf getroffen und schwebt weiterhin in Lebensgefahr. Vier weitere Personen, zwei Frauen und zwei Männer, wurden wegen Verletzungen durch Schläge und Streifschüsse behandelt, konnten aber das Krankenhaus am selben Tag verlassen. Die Polizei nahm zwei dringend Tatverdächtige fest.

Präsident Gabriel Boric verurteilte den Vorfall scharf und kündigt eine Neufassung des Waffenrechts an.

Aus den Reihen der Veranstalter wurde das verspätete und zögerliche Eingreifen der Polizei kritisiert.