In Kolumbien sind während des Generalstreiks über 400 Menschen verschwunden

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Protestaktion in Bogotá gegen die Tötungen durch die Polizei
Protestaktion in Bogotá gegen die Tötungen durch die Polizei

Bogotá. Die Zahl der vermissten Personen ist im Zuge der tagelang anhaltenden Proteste rasant gestiegen. Die Direktorin der kolumbianischen Sucheinheit für verschwundene Personen (UBPD), Luz Marina Monzón, spricht von über 400 gemeldeten Vermissten im Zusammenhang mit den Protesten seit dem 28. April. Die nationale Ombudsstelle ihrerseits hat einen Anstieg von 145 auf 359 Verschwundene allein zwischen dem 6. und dem 7. Mai gemeldet.

Protestierende sehen die Verschleppung von Menschen als eine Ergänzung zu den Scharmützel-Taktiken der Polizei: "Sie wollen unser Durchhaltevermögen brechen, indem sie Chaos anrichten. Sie kommen in kleinen Gruppen und attackieren uns. Von ihren Motorrädern aus schießen sie auf uns. Die Verschleppungen werden zudem von zivilen Einheiten durchgeführt, indem Protestierende bis nach Hause verfolgt und vor ihren Wohnhäusern abgefangen werden. Anschließend pfercht man sie in zivile Wagen, und ab dann verliert sich jede Spur.“ Dies berichtete ein Demonstrant der "Ersten Reihe" gegenüber amerika21 aus dem durch massive Polizeigewalt betroffenen Gebiet Puerto Resistencia in Cali. Die "Erste Reihe" ist ein Selbstverteidigungskollektiv, der die Protestteilnehmer:innen vor den polizeilichen Angriffen schützt.

Immer öfter melden Demonstrant:innen landesweit den Einsatz von bewaffneten Zivilpersonen, die auf Protestierende schießen. Am Donnerstag wurden im Barrio El Ancla in Cali zwei Kleinlaster identifiziert, die bewaffnete, als Zivilpersonen getarnte Einheiten in die Nähe einer Straßenblockade transportierten. Anwohner berichteten, dass die bewaffneten Zivilkräfte dabei waren, das Feuer auf Protestierende zu eröffnen, als sie durch eine herbeigerufene Patrouille des Militärs daran gehindert wurden. In den Kleinlastern wurden Beweise gefunden, die die bewaffneten Personen als Polizisten identifizierten. Diese Zugehörigkeit hat die Polizei von Cali mittlerweile bestätigt.

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Es gehe schließlich um bürgerkriegsähnliche Zustände, sagt der 71-jährige Guillermo Tenorio, Mitbegründer des indigenen Regionalrats des Cauca (CRIC). Er sei sehr beunruhigt durch die anhaltende massive Militarisierung des öffentlichen Raumes, teilte er dem Portal mit.

Durch exzessive Gewalt und den Einsatz von Schusswaffen versuchen Polizei und Militär die Demonstrant:innen zurückzudrängen. Doch für viele Menschen steht fest: Sie wollen weiterhin Präsenz auf der Straße zeigen. Jeden Tag gehen die Streikenden landesweit weiter auf die Straßen. Die von der Regierung angekündigte Gesprächsbereitschaft mit dem nationalen Streikkomitee reicht für viele Demonstrant:innen nicht mehr aus. Längst geht es um mehr. "Wir wollen die Regierung Duque stürzen", sagt ein Demonstrant aus Bogotá gegenüber amerika21.

Inzwischen gibt es Militärangehörige, die ihre Waffen nicht gegen Demonstrant:innen richten wollen. So zirkulierte am Freitag in den sozialen Netzwerken ein Videoclip von Soldaten im Departamento Cauca, die ihre Sympathien für die Proteste kundtaten. Vor ihnen sangen Protestierende: "Das Volk gibt nicht auf, verdammt" (el pueblo no se rinde carajo). Einer der Soldaten kommentierte: "Dem Volk unsere volle Unterstützung". Ein anderer sagte: "Gegen das kolumbianischen Volk richte ich nicht die Waffen". Dann fügte er hinzu: "Das Volk kommt vor der Regierung."

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